Wie Bork sich im Laufe der Zeit gewandelt hat

dzDiskussionsrunde mit Borkern

Hat sich ihre Heimat zum Vorteil oder zum Nachteil entwickelt? Das wollten wir von acht Borker Bürgern wissen: der Beginn einer spannenden, fast zweistündigen Diskussion. Ein Ergebnis: Bork hat sich in den vergangenen Jahrzehnten an vielen Stellen verändert - eigentlich unwiederbringlich. Wir zeigen mit Schiebebildern, wie Bork sich gewandelt hat und geben mit 360-Grad-Videos einen Blick in die heutige Zeit.

Bork

, 19.04.2018, 18:01 Uhr / Lesedauer: 5 min

Diesen Blick vom Höhenzug in Netteberge hinab kennen sie alle: der 45-jährige Gregor Franzen, der 73-jährige Egon Schmidt und die sechs anderen, die sich an diesem Donnerstag auf Einladung unserer Zeitung im Haus Dörlemann versammelt haben: der letzten Kneipe im Borker Ortskern. Auch wenn die Mitglieder des Heimatvereins auf Regale mit Lehrbüchern und Gesellschaftsspiele schauen – sie sitzen im Hinterzimmer der Kneipe, das auch als Weiterbildungsstätte für Flüchtlinge dient –, haben sie etwas anderes vor ihrem geistigen Auge.

„Den Zwiebelturm“, sagt Egon Schmidt. Alle nicken. „Wenn ich den sehe, weiß ich, ich bin zuhause“, meint Annette Köppeler. „Ein Gefühl von Sicherheit“, ergänzt Norbert Wesselmann: Heimat eben. Allerdings eine Heimat, die sich gerade mächtig verändert – nicht zum ersten Mal.

Pöhlen, Gefängnis und Fliegenpilz: Außenstehende mögen fragend mit den Schultern zucken, wenn sie die drei Begriffe hören. Doch die Runde lacht. Alle sind eingeweiht, auch die drei, die nicht in Bork aufgewachsen sind: Annette Köppeler aus Lünen, Marlies Wesselmann aus Werne und Egon Schmidt aus Dreierwalde bei Rheine. Sie haben schon so oft die Geschichten gehört, als wenn sie sie selbst erlebt hätten.

Altenheim statt Marktplatz


Wie etwa die kleinen Fritz Walters, Helmut Rahns und Uwe Seelers über Reygers Wiese stürmten. „Heute ist das der Marktplatz“, sagt Bernhard Schomaker (63), einer der einstigen Nachwuchskicker, und korrigiert sich gleich selbst: „War der Marktplatz.“

Die Geschichte im Schnelldurchlauf: Die Viehweide am einstigen Ortsrand rückt in den 1960er-Jahren durch die Erschließung des Baugebietes Nierfeld ins Zentrum. Ein moderner Neubau mit Wohnungen, Sparkasse, Konsum und Gastronomie folgen. Wie hieß der Laden noch gleich, in dem zuletzt Pommes Gerd war? Die Antwort: ein mehrstimmiger Chor aus „Hexe“, „Café Igel“ und „Steakhaus“. Vermutlich in umgekehrter Reihenfolge, aber egal.

Der Wappenbaum steht noch, die Gebäude im Hintergrund, die einst des Marktplatz einfassten, sind abgerissen. #theta360 #theta360de - Spherical Image - RICOH THETA

Fest steht: „Der Name Marktplatz war übertrieben“, sagt Norbert Wesselmann. Denn die meiste Zeit habe es keinen Wochenmarkt gegeben. „Den haben wir erst seit drei Jahren immer donnerstagnachmittags“ – nur, dass es inzwischen keinen Marktplatz mehr gibt. Die Stadt ließ ihn im Frühjahr mitsamt der Bebauung abreißen, um Platz zu machen für den Neubau einer Seniorenwohnanlage der Caritas ab 2019. Ob das eine Veränderung zum Vorteil oder Nachteil der Heimat ist? „Sie ist auf jeden Fall unumkehrbar“, sagt Wesselmann. Alle nicken.

Rutschend ins Gefängnis

Das Amtshaus dagegen ist ein Hort der Beständigkeit – seit 1912. Mögen auch Bürgermeister und Mitarbeiter wechseln, das repräsentative Jugendstil-Gebäude hat die Zeit überdauert – als Verwaltungssitz.

Das alte Amtshaus #theta360 #theta360de - Spherical Image - RICOH THETA

„Und als Spielplatz“, ergänzt Gregor Franzen und grinst. Als Kind habe er sich immer hineingeschlichen. „Das war toll.“ Im Altbau seien er und seine Freunde das mächtige Holzgeländer herabgerutscht. Und im Neubau daneben, der wie der Marktplatz in den 1960er-Jahren entstand, sind sie Aufzug gefahren: „So lange, bis uns der Haumeister erwischte und uns sogar mal für ein paar Minuten im Gefängnis im Keller einschloss.“ Bis zum nächsten Mal.

Der fliegende Pilz

Wer nicht hören will, muss fühlen: Dieses Erziehungsprinzip hat auch bei Norbert Wesselmann versagt. „Ich weiß nicht, wie oft wir hingeflogen sind“, sagt er. Nicht wenige hätten sich auch verletzt: Quetschungen und Knochenbrüche. „Aber wir sind immer wieder aufgestiegen.“ Gemeint ist der Fliegenpilz: ein Spielgerät auf dem alten Festplatz. „Der war eine echte Attraktion“, bestätigen sowohl der jüngere Tobias Michaelis (48) als auch der ältere Egon Schmidt. Alle sind sie Passagiere des Karussells gewesen, das – da hat niemand am Tisch Zweifel – heute nie vom TÜV genehmigt worden wäre. „Einfach ein Riesenspaß.“ Zwei Meter hoch habe man damit fliegen können. Ein Kribbeln im Bauch sondergleichen.

Der verlorene Festplatz

Spätestens im Jahr 2000 war Schluss mit lustig. „Im Juni war die Einweihung der Umgehungsstraße B236“, sagt Egon Schmidt. Die Straße hätten alle gewollt. „Da gab es keinen Konflikt.“ Dass aber im Zuge des Baus der Festplatz aufgegeben werden musste mitsamt dem Fliegenpilz: „Das war schwierig.“

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Das Wort hängt über der Runde: schwierig – eine Umschreibung für viele Streitgespräche, fruchtlose Diskussionen und Zweifel. Im Ergebnis sei alles gut gelaufen, meint Schmidt, der damals nicht nur Mitglied des Stadtrates war, sondern auch Vorsitzender der Schützengilde, eines der größten und und mit 193 Jahren ältesten Vereine Borks. Keine Frage: Der neue Schützenplatz im Südfeld habe sich bewehrt. Aber so wie auf dem alten Festplatz eben doch nicht. Damals muss etwas verloren gegangen sein: ein Stückchen Heimat.

Was schon verloren ging

Ein Zusätzliches. Denn die Jahrzehnte zuvor haben den Ortskern bereits deutlich verändert, wie die alten Fotos zeigen, die die Runde jetzt ausbreitet. Nicht unbedingt zum Besseren.

Erstes Beispiel: Statt alter Fachwerkhäuser mit tiefen Dächern bilden zweistöckige Bauten aus den 1960er-Jahren den Kirchring. Statt Einzelhandelsgeschäfte – in einem hat Norbert Wesselmann seine erste Wrangler-Jeans bekommen, in dem anderen hat Tobias Michaelis neben Schreibheften auch Matchbox-Autos gekauft – befinden sich dort heute bis auf die Eisdiele Wohnungen.

Der Kirchring in Bork #theta360 #theta360de - Spherical Image - RICOH THETA

Ohnehin: Als er in den 1960er-Jahren wie viele andere Polizeibeamten auch nach Bork gezogen sei – „nach Schutzmannshausen“ –, um für die Bereitschaftspolizei zu arbeiten, habe es noch viele kleine Geschäfte gegeben, sagt Egon Schmidt. „Unser aller Geiz-ist-geil-Denken hat ihnen die Grundlage entzogen.“

Zweites Beispiel: die gerade ins Pfarrheim an der Weiherstraße umgezogene katholische Bücherei neben der Gaststätte Alt Bork. Die Stadt hat das Gebäude gekauft und wird es abreißen.

„Ein Verlust“

„Ein Verlust“, meinen die meisten. „Aber wohl ein notwendiger“, so Marlies Wesselmann. Denn sonst ließe sich nicht Alt Bork mit seiner Schmuckfassade – seit rund 200 Jahren ein Ort der Gastronomie – erhalten. Ein Investor will dort 14 Wohnungen schaffen – mit Fenstern. Das Büchereigebäude steht dafür im Weg. Noch. „Dieser Drops ist gelutscht“, sagt Norbert Wesselmann.

Das gilt auch für das dritte Beispiel, den geplanten Neubau der Volksbank gegenüber der Synagoge an der Kreisstraße. Wo einst mehrere alte Häuser standen, liegt heute eine Brache: das Grundstück für einen Gebäudekomplex, den die meisten am Tisch „ziemlich groß“ finden, „aber gut aufgeteilt“ – zumindest die giebelständigen Teile. „Aber die Hauptsache ist doch, dass durch Praxis, Apotheke und Café bestimmt Menschen in den Ort kommen“ sagt Köppeler.

Die Heimatvereinsmitglieder sind es gewohnt, Kompromisse einzugehen. „Um die Heimat lebendig zu erhalten, muss man eben auch bereit sein, sie zu verändern“, sagt Norbert Wesselmann. Alles andere wäre Stillstand.

Schutz fürs Spritzenhaus


„Aber man darf auch nicht zu allem Ja und Amen sagen.“ Beim Spritzenhaus etwa war Schluss. Die Stadtverwaltung hatte angekündigt, das mehr als 100 Jahre alte Feuerwehrgebäude neben dem Amtshaus abzureißen, um Platz für zehn Parkplätze zu schaffen.

Amtshaus und Feuerwehrgerätehaus.Im Hintergrund rechts neben dem Amtshaus ist das alte Spritzenhaus zu sehen. #theta360 #theta360de - Spherical Image - RICOH THETA

Allgemeines Kopfschütteln in der Runde. Dass die Stadt die Pläne erst einmal zurückgestellt hat, „haben wir dir zu verdanken“ sagt Annette Köppeler und nickt ihrem Sitznachbarn zu: Tobias Michaelis. Er hatte den RN einen Lesebrief geschickt – und damit die öffentliche Diskussion ins Rollen gebracht. „Man muss sich eben auch einmischen.“

Schlafstadt für Neubürger

Dazu besteht jetzt jede Menge Gelegenheit: im Zuge des Integrierten Handlungskonzepts, einem Investitionsprogramm für den Ortsteil. Die Acht am Tisch wollen den Planungsprozess begleiten. Andere Borker haben sich auch schon gemeldet. Aber reicht das? Annette Köppeler blickt fragend in die Runde und gibt selbst die Antwort. „Ich finde, wir müssen stärker auf die Neubürger zugehen.“ „Auf alle, für die Bork nur eine Schlafstadt ist“, ergänzt Michaelis: die morgens früh zur Arbeit fahren, abends spät nach Hause kommen und keine Energie mehr haben für Vereinsaktivitäten. Oder für Kommunalpolitik. Wie mit ihnen in Kontakt kommen?

„Bork lädt ein“

Egon Schmidt hat eine Idee: „Bork lädt ein“ sei eine passende Gelegenheit zum zwanglosen Austauschen. Die Reihe mit Livemusik und Feierabendbier auf der Hauptstraße, die 2017 Premiere hatte, werde ab dem 7. Juni donnerstags fortgesetzt.

Die Tür schwingt auf. Lehrer Erdal Macit, seit einem Jahr nebenberuflicher Wirt von Haus Dörlemann, tritt herein. Die nächste Runde. Er fragt nicht lange, sondern macht nach Blickkontakt nur Striche auf dem Block, um wieder genauso geräuschlos zu gehen, wie er gekommen ist. „Das ist auch Heimat“, sagt Norbert Wesselmann: „Wenn der Wirt wortlos weiß, was man trinken möchte.“

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