Was soll der Zaun an der Burg? Den Schutz für flauschige Fußgänger verstehen nicht alle

dzEnten

Sie watscheln über den Edeka-Parkplatz, quer über die Kreisstraße und am Bürgerhaus vorbei zur Burg Botzlar: Die Enten gehören schon lange zum Selmer Stadtbild. Neu ist ein Zaun für sie.

Selm

, 13.06.2019 / Lesedauer: 3 min

Tote Enten am Straßenrand haben Christiane Uckat-Erley alarmiert. Das war im April. Ob die Stadt nicht etwas gegen den Verkehrstod der Vögel tun könne, der zur Brutzeit besonders dramatisch sei, fragte die SPD-Frau und engagierte Tierschutzaktivistin damals im Rat. Sie fand sofort einen Unterstützer.

50 Zentimeter hoher Zaun im Burgbereich

„Wir wollen kein Tier verlieren“, sagte Bürgermeister Mario Löhr noch während der Ratssitzung. Eine Ankündigung, der er Taten folgen ließ. Bereits wenig später rückten die Stadtwerke zur Burg Botzlar aus. Auf der Ladefläche der orangefarbenen Autos: Zaunrollen. Seitdem trennt ein etwa 50 Zentimeter hoher Maschendraht den Ententeich an der Burg und die Wiese daneben von dem Rest des Burggeländes. Ein Zaun für Tiere mit Flügeln?

„Ich bin sehr dankbar für den Zaun“, sagt Christiane Uckat-Erley im Juni. Dass er nicht ganz so gewirkt habe, wie geplant, ändere daran nichts.

Der Erpel lässt die Ente bei der Brut weitgehend alleine

Denn wie in den Vorjahren haben Entenpaare auch 2019 nicht nur im Röhricht und im Gebüsch des Gewässerufers an der Burg ihre Nester gebaut, sondern auch in den Wohnstraßen: in verdeckten Mauernischen etwa. Sobald das Gelege voll ist - eine Ente kann sieben bis zehn Eier legen, manchmal sogar mehr - setzt sich die braungefiederte Vogelmutter darauf und bleibt dort hocken - nahezu vier Wochen lang.

Was soll der Zaun an der Burg? Den Schutz für flauschige Fußgänger verstehen nicht alle

Der feinmaschige Zaun kennzeichnet das Rückzugsgebiet für die Enten. © Sylvia vom Hofe

Sie legt nur kurze Pausen ein, um etwas zu trinken, zu essen oder sich zu strecken. Der Kindsvater ist zu Beginn der Brut noch an ihrer Seite. Wenn die Jungen schlüpfen, hat er sich in der Regel aber längst den anderen Erpeln wieder angeschlossen, wie der Zoologe und Buchautor Josef Reichholf in „Ornis. Das Leben der Vögel“ schreibt. Dass sowohl die Entenmänner als auch ihre Familien quer durch Innenstädte watscheln, sei oft zu beobachten.

NABU-Mitglied versetht die Aktion nicht

Der Zaun ist bei all dem kein echtes Hindernis. Erwachsene Enten fliegen darüber. Der gelbe Nachwuchs sucht eine Lücke zum Durchhuschen. Uwe Norra, Orntihologe aus Selm und Mitglied des Naturschutzbundes Deutschland (NABU), versteht nicht, was das Hindernis soll.

Jedes Jahr würden Enten totgefahren, „leider“, sagt er. Aber gleichzeitig vermehrten sie sich ja auch. Und natürliche Feinde seien in der Stadt kaum anzutreffen. Besondere Schutzbedürftigkeit erkennt Norra bei den Stockenten und den Hybriden - Stockenten, die sich mit weißen Hausenten gemischt haben - nicht, anders als bei vielen anderen Vogelarten.

Christiane Uckat-Erley sieht das anders. Jedes Tier solle Schutz genießen. Der Zaun zeige Wirkung - nicht nur bei den Enten, sondern auch bei den Menschen. Sie würden jetzt eine Ruhezone für die Tiere erkennen, die vorher so nicht ersichtlich war.

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