Karl der Große war tatsächlich groß: etwa 1,90 Meter. Und er war ein großer Schwimmer. Was das über ihn und das Mittelalter aussagt, erfahren am 26. September die Besucher der Stiftskirche.

Cappenberg

, 25.09.2019, 14:16 Uhr / Lesedauer: 3 min

Horst Bredekamp ist gespannt. Der Professor für Kunstgeschichte an der Humboldt-Universität in Berlin wird am Donnerstag, 26. September, zum ersten Mal in Cappenberg sein: in der romanischen Stiftskirche mit ihren bedeutenden Kunstschätzen - vom geschnitzten Chorgestühl bis zum goldenen Barbarossa-Kopf. Bredekamps besondere Aufmerksamkeit wird aber auf einem Löwen ruhen, wie er im Interview erklärt.

Der Vortrag, den Sie am Donnerstag in Cappenberg halten, hat den Titel „Vom Schwimmen zum Wandern: das Mittelalter als die wahre Moderne“. Was ist Ihre favorisierte Sportart?

Wandern nicht mehr und Schwimmen schon lange nicht mehr. Ich spiele Fußball, das ist geselliger.

Ich hätte auf Schwimmen getippt, da Sie Ihr 2014 veröffentlichtes Buch „Karl der Große und die Bildpolitik des Körpers“ in Tetenbüllspieker veröffentlicht haben, einem kleinen Ort zwischen Husum und Sankt Peter Ording, wo es sich eben gut schwimmen lässt.

Der Ort ist eine Inspirationsquelle für mich: ein altes Tagelöhnerhaus aus dem 19. Jahrhundert. Das nächstgelegene Gehöft ist 500 Meter entfernt. Man ist wirklich für sich. Und es stimmt: Ich liebe das Meer als gebürtiger Kieler. In meiner Jugend war ich mehr unter als über Wasser.

Das mag auch so für Karl den Großen gelten: dem „großen Vorschwimmer“, wie Sie schreiben. Dass Karl groß und stattlich war, ist öfters zu lesen. Ist die Vorliebe fürs Wasser auch bekannt?

Es war immer bekannt, wenn auch nicht vergleichbar populär. Bei Einhard (Anm. d. Red.: der zeitgenössische Biograf Karls des Großen), der ihm nahe stand, gibt es einen langen Satz, der dem gewidmet ist. Darin ist unter anderem die Rede davon, dass Karl „sehr viel und so gut“ schwamm, „dass es niemand mit ihm aufnehmen konnte“. Es ist auch die Rede davon, dass er sich im Wasser mit der ganzen Familie tummelte und sich auch mit seinen Ratgebern und Ministern im Wasser – etwa in den warmen Quellen in Aachen – austauschte. Bislang haben Historiker das nicht gebührend berücksichtigt.

Warum Karl der Große so gerne schwamm und ein Löwe die Cappenberger Stiftskirche bewacht

Horst Bredekamp wird zu Gast sein in Cappenberg. © Bredekamp

Karl liebte das Schwimmen. Sagt das auch etwas über seine Herrschaft aus?

Wie kann man sich um 800 die Bindung in diesem Riesenreich vorstellen, das von der Biskaya bis zur Adria und zur Ostsee reichte, ohne einen hochspezialisierten Beamtenapparat und unsere heutigen Kommunikationsmittel? Karl der Große hat zwar einen Beamtenapparat aufgebaut und die Kommunikationswege verkürzt, aber er hat vor allem mit der Gemeinschaft gearbeitet: mit jährlichen oder zweijährigen Treffen mit seinen Eliten. Dabei waren mehrtägige Feiern wichtig und das gemeinsame Schwimmen. Die Vorstellung, dass Gemeinschaften einen Körper erzeugen, war über das Wasser als ein Medium, das alle gemeinsam verband, besonders gut zu symbolisieren. Und das ist die wohl wichtigste Aufgabe des Schwimmens gewesen: in einer gewissen Egalität gegenüber dem Wasser eine Gemeinschaft zu erzeugen.

„Der schwimmende Souverän“ heißt Ihr Buch. Lassen Sie uns über die ertrinkenden Souveräne sprechen: über Barbarossa, der ertrank.

Das war eine absolut grauenhafte Erfahrung für die Zeitgenossen: für das Kreuzfahrerheer, mit dem Barbarossa unterwegs war, aber auch für das Reich, dem er vorstand. Der Tod durch Ertränken war ehrenrührig. Und auch das Ertrinken war schrecklich. Daher haben Zeitgenossen versucht, das Unglück umzudeuten und zu überhöhen als eine Art zweite Taufe. Von islamischer Seite her ist das Ertrinken jedoch ausgekostet worden als Höllenstrafe.

Vom Schwimmen zum Wandern. Wer war denn der große Wanderer?

Petrarca (Am. D. Red.: der zwischen 1304 und 1374 lebende Dichter, der als Mitbegründer der Renaissance gilt). Seine Besteigung des Mont Ventoux gilt als Zäsur bei der Natur- und Landschaftserfahrung. Erst jetzt schien eine ästhetische Sichtweise der Natur möglich zu sein. In meinem Vortrag möchte ich allerdings zu zeigen versuchen, dass keinesfalls von einem solchen Einschnitt gesprochen werden kann. Das Anlegen von Burgen und Klöstern in großer Höhe lässt sich etwa nicht allein mit militärischen Motiven erklären, sondern auch mit ästhetischen.

Sie halten ihren Vortrag auf Cappenberg, wie es hier heißt: auf dem Gelände einer ehemaligen Höhenburg. Waren Sie dort schon einmal?

Nein, ich bin sehr gespannt und freue mich schon.

Dann kennen Sie auch noch nicht die Stiftskirche und mit ihr den Löwenkopf : ein Bronze-Türzieher aus der Entstehungszeit um 1122. Solchen Löwenköpfen in Aachen haben Sie große Aufmerksamkeit gewidmet, warum?

Zum Beispiel an den Türen des Aachener Doms gibt es Löwen, die mit gefletschten Zähnen den Ring tragen: den König der Raubtiere. Mit großer Wahrscheinlichkeit haben diese Löwen keine Abwehrqualität. Damals herrschte der Gedanke vor, dass das Böse allein von dem Bösen abzuwehren sei. Das Gute sei nicht kraftvoll genug dafür. Aus dem Grund sind an den Kirchenaußenwänden die große Zahl von Dämonen und von den Menschen gefährlich werdenden Tieren zu finden: eine Art metaphysische Festung.

Ohne zu viel vorwegzunehmen: Sie nennen im Titel Ihres Vortrages das Mittelalter die wahre Moderne. Warum?

Die Moderne definiert sich in der Regel als Gegenpol zum Mittelalter. Gegen diesen Gegenbildcharakter des Mittelalters möchte ich angehen, indem ich die Rolle des Individuums in der damaligen Zeit, die Erfahrung der Natur und die des eigenen Körpers in den Blick nehme.

„Vom Schwimmen zum Wandern: Das Mittelalter als wahre Moderne“ lautet der Vortrag von Prof. Dr. Horst Bredekamp vom Insitut für Kunst- und Bildgeschichte der Humboldt-Universität Berlin am Donnerstag, 26. September, 19 Uhr, in der Stiftskirche Cappenberg am Schloss Cappenberg. Der Eintritt kostet 10 Euro. Im Anschluss besteht Gelegenheit, den Referenten zu sprechen. Weitere Informationen hier.
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