Warum eine 29-Jährige aus Selm Nonne wird

Interview

„Das ist der Moment, an dem du einmal hängst, wenn du irgendwann zurückdenkst.“ Dieses Zitat der „Toten Hosen“ postete die Selmerin Anne Schwitalla (29) auf ihrer Facebook-Seite. Es schmückt bei ihr ein einschneidendes Lebensereignis: den Ordenseintritt ins Kloster. Wie und warum - das erzählt sie Interview.

SELM

, 15.04.2017, 08:46 Uhr / Lesedauer: 6 min
Warum eine 29-Jährige aus Selm Nonne wird

Anne Schwitalla vor der Stiftskirche Cappenberg. Dort hat sie seit ihrem 14. Lebensjahr als Messdienerin gewirkt. "Ich bin eigentlich etwas spät angefangen", sagt sie, "dafür war ich aber intensiv dabei".

Mit spontanem Hin- und Herreisen ist es seit dem 6. April vorbei, mit der Arbeit als Krankenschwester in der Uni-Klinik Münster auch und sogar mit dem fröhlichen Plaudern zu jeder Tages- und Nachtzeit: Was die meisten als Einschränkung sehen, erkennt die angehende Nonne als Befreiung.

Warum, hat sie unserer Redakteurin kurz vor ihrem Eintritt ins Osnabrücker Benediktinerinnenkloster im Interview erzählt: ein Gespräch über Vorurteile, über eine mögliche Rückfahrkarte und vor allem über das Suchen und Finden des Lebenssinns.

Was passiert am Tag des Ordenseintritts?

Ich treffe mich mit Freunden in Münster, gehe mit ihnen brunchen und dann fahren wir nach Osnabrück zum Kloster, wo mich meine Oberin erwarten wird. Dann beginnt auch schon der Ritus: Ich stehe vor der Klausurtür (Anm. d. Red.: die Tür zu einem abgeschlossenen Bereich, den nur Ordensmitglieder betreten dürfen), die dann von innen geöffnet wird. Dahinter stehen alle Schwestern. Sie fragen mich, was ich möchte.

Dann bekomme ich einen Segen von meiner Oberin und ziehe mit den Schwestern in die Kirche. Dort bekomme ich die Ordensregel überreicht und ein Kreuz für meine Zelle. Nach weiteren Gebeten und Segenswünschen ist die eigentliche Aufnahme beendet.

Bekommen Sie dann auch schon die Ordenstracht: also eine spezielle Kleidung?

Im ersten Jahr, dem sogenannten Postulat, laufe ich noch in Zivil herum: Jeans, Sweatshirt, Bluse, wie jetzt. Der einzige Unterschied: ein kleiner schwarzer Schleier, unter dem aber noch Haare zu sehen sind.

Aber mit dem Shoppen gehen ist es erst einmal vorbei oder?

Ja, wir verlassen das Kloster möglichst nicht. Aber das Shoppen wird mir nicht fehlen, das war eigentlich nie meins. Das Herausputzen schon eher. Aber das bleibt mir in Maßen: Auch Nonnen haben ein Sonntagskleid aus besserem Stoff. Und ich werde dann im ersten Jahr einen besonderen Rock tragen und keine Jeans.

Was waren die Reaktionen, als Sie in Ihrem Umfeld erzählt haben, dass Sie ab Ostern Ordenspostulantin sein werden?

Von schockiert bis sehr große Freude war alles dabei. So unterschiedlich Freunde und Familie reagiert haben, eines hatten alle gemeinsam: wahnsinnig viele Fragen. Alle wollten zum Beispiel wissen, ob es im Kloster auch Süßigkeiten und Alkohol gibt.

Und? Gibt es das?

(lacht) Ja klar. Und ja, bevor diese Frage kommt: Auch Nonnen streiten sich. Man muss sich vorstellen: ein Haus, in dem 15 Frauen im Alter von Anfang 20 bis Mitte 90 auf relativ engem Raum zusammenleben. Da knallt es auch mal. Das ist nur menschlich. Niemand ist schließlich heilig, nur weil er ins Kloster gegangen ist.

Warum wollen Sie dann ins Kloster? War mit Ihrem bisherigen Leben etwas nicht in Ordnung?

Im Gegenteil. Es war ein gutes Leben. Ich hatte einen festen Job, der unbefristet war, ein Einkommen, mit dem ich gut ausgekommen bin, eine schöne Wohnung in traumhafter Lage am Aasee und viele Freunde, mit denen ich gerne etwas unternommen habe. Und doch: Mir hat etwas gefehlt.

Das ist wie eine Schatzkiste, die man ein Leben lang sucht, von der man aber gar nicht weiß, wie sie aussieht, wo sie ist und wie man sie finden soll. Und dann hat man sie plötzlich. Diese Schatzkiste war für mich Osnabrück, das Kloster.

Wie sind Sie dort hingekommen?

Seit zwölf Jahren beschäftige ich mich mit dem Thema Kloster. Damals war das mit dem Internet noch nicht so verbreitet. Ich weiß noch, dass ich mir von verschiedenen Ordensgemeinschaften Broschüren habe zuschicken lassen. Nach und nach habe ich das eine oder andere Kloster mal besucht. Als ich nach Osnabrück kam, hat es Klick gemacht. Das kann ich gar nicht erklären. Aber wenn man sich verliebt, kann man das ja auch nicht erklären.

Wie kann man denn überhaupt ein Kloster kennen- und lieben lernen?

Ich war im vergangenen Jahr über Ostern als Gast im Kloster. In den Vorjahren war ich immer in der Gemeinde in Cappenberg aktiv als Messdienerin. Damals wollte einfach einmal Teilnehmerin sein. Da hat es mich ganz unverhofft erwischt. Für mich stand der Wunsch fest, in diesem Jahr zu Ostern als Postulantin dabei sein zu dürfen.

Was müssen Sie jetzt Neues lernen?

Drei und fünf Mal in der Woche habe ich Unterricht: Regelkunde – da spricht man über die Regel des heiligen Benedikt, auch wenn es nur 72 Kapitel sind, muss man die genau kennen, wenn man danach leben will – und Bibelkunde. Christus steht für uns an erster Stelle. Daher beschäftigen wir uns auch intensiv mit der Bibel, dem Wort Gottes. Dann gibt es noch Gesangsunterricht: Wir singen die Psalme und den lateinischen Choral.

Waren Sie im Chor?

Als ich in Selm gewohnt habe, war ich richtig lange im Kinder- und Jugendchor. In Münster war keine Zeit dafür beim Schichtdienst in der Klinik.

Zurück zur Regelkunde. Kann denn eine Regel, die Benedikt vor rund 1400 Jahren aufgeschrieben hat, den Alltag im 21. Jahrhundert überhaupt noch bestimmen?

Ja, und nicht nur den Alltag von Ordensleuten. Benedikt rät zum Maßhalten – sowohl im Arbeiten als auch im Gebet, er hält nichts von Extremen. Dieses Maßhalten, sowohl bei Dingen, die uns Freude machen als auch bei denen, die uns schwerfallen, würde uns allen guttun. 14 Stunden am Tag für die Karriere zu schuften und im Burnout zu enden, ist genauso maßlos wie Nichtstun.

Wie sieht der maßvolle Tagesablauf im Osnabrücker Kloster aus?

Erst einmal der Schock für alle Langschläfer: Das erste Gebet ist um 6 Uhr. Anschließend ist die Messe, und dann gibt es um 7.30 Uhr Frühstück. Danach beginnt die eigentliche Arbeitszeit.

Werden Sie denn weiter als Krankenschwester arbeiten?

Jein. Ich werde zwar nicht das Kloster verlassen, um auswärts zu arbeiten. Als gelernte Gesundheits- und Krankenpflegerin werde ich in die häusliche Pflege eingebunden und mich um Schwestern, die Unterstützung brauchen, kümmern. Ansonsten fallen natürlich auch bei uns Arbeiten an, die man von zuhause kennt: Essen kochen, waschen, putzen, bügeln, Garten.

Daneben haben wir aber auch noch klostereigene Betriebe: die Hostienbäckerei - wir liefern übrigens auch ins Ausland-, eine Paramentstickerei, die liturgische Gewänder schneidert und bestickt, aber auch Schützenfestfahnen (lacht), dann gibt es noch die Kerzenwerkstatt und eine Lebensmittelausgabe für Bedürftige. Und natürlich der Gästebereich: Bei uns können Frauen, die ein paar Tage der Stille haben möchten, übernachten – so wie ich das gemacht habe.

Zurück zum Tagesablauf. Im Kloster ist es mit Morgengebet und Arbeit wahrscheinlich noch nicht getan?

(lacht) Nein. Vorm Mittagessen haben wir ein gemeinsames Gebet. Dann das Essen. Danach eine gut einstündige Pause, danach Arbeitszeit. Gegen 17 Uhr ist die Vesper, dann Abendessen und danach die Rekreation, die Erholung: Während wir tagsüber nur das Nötigste sprechen, ist das die Zeit, wo wir zusammensitzen, uns unterhalten und lachen. Danach folgen die letzten Gebete. Gegen 20.15 Uhr sind die vorbei, und jede zieht sich auf ihre Zelle zurück.

Pünktlich zum Beginn des Fernsehkrimis?

(lacht). Wir haben keine Fernseher auf dem Zimmer und keine Radios. Und nach dem letzten Gebet sprechen wir auch nicht mehr miteinander. Das sind schon ruhige Abende. Viele Schwestern nutzen die Zeit zum Lesen oder eine E-Mail zu schreiben.

Es gibt Internet?

Klar, es gibt freies W-Lan für alle. Viele haben einen Laptop. Und ja, fließend Warmwasser gibt es auch. (lacht)

Viele kennen das Ordensleben nicht…

… allerdings, darum gibt es dieses viele Halbwissen. Früher hatte jeder einen Onkel oder eine Großtante im Kloster. Heute ist das exotisch.

… und daher geeignet als Stoff für Filme. Sister Act mit Whoopie Goldberg oder „Die Geschichte einer Nonne“ mit Audrey Hepburn? Was gefällt Ihnen besser?

Eindeutig Sister Act, da ist die Musik besser. Ordensleben bildet aber keiner der Filme wirklich ab.

Zurück in die Realität: Ein Jahr werden Sie jetzt Postulantin sein. Und danach?

Dann beginnt das zweijährige Noviziat. Da bekomme ich den Ordensnamen und die Ordenskleidung, den Habit: Schwarz-weißes Kleid und dazu einen langen weißen Schleier.

Und darunter?

(lacht) Je nach Wetter Pullover oder T-Shirt.

Wenn das Noviziat vorbei ist?

Dann legt man die zeitlichen Gelübde ab: über drei Jahre. Wir geloben Gehorsam, klösterlichen Lebenswandel und Keuschheit, wie in anderen Orden auch. Bei uns kommt als Viertes noch die sogenannte Stabilitas dazu. Das heißt, dass wir immer an dem Ort bleiben, wo wir eintreten: also in Osnabrück. Dann, nach insgesamt sechs Jahren: die ewigen Gelübde. Danach verändern wir uns äußerlich und tragen den schwarzen langen Schleier statt den weißen.

Und was ist, wenn dir jetzt doch noch zwischendurch der Mann deiner Träume begegnet?

(lacht) Dann muss man sehen, was passiert. Dann steht auf jeden Fall die nächste schwierige Entscheidung an. Ich schließe nicht aus, dass das passieren kann. Ich bin mir dessen sehr bewusst. Aber „was ist wenn“ kann viel wenn hervorrufen.

Wann kommen Sie das nächste Jahr nach Selm?

Das weiß ich noch nicht. Aber ich werde Heimaturlaub bekommen. Und so lange bin ich ja nicht aus der Welt.

Nicht?

(lacht) Nein, wir Ordensleute begehen keine Weltflucht. Das ist nur ein anderes Lebensmodell, aber ehrlich: Wir stehen mitten im Leben.

Und was sagen Sie denen, die Sie vermissen, weil Sie sie nicht mehr so einfach treffen können?

Dass ich nach wie vor eine E-Mai-Adresse und ein Facebookprofil habe und man mich auch besuchen oder anrufen kann.

Zum Schluss: Was raten Sie anderen, die sich fragen, ob ein Leben im Kloster für sie etwas wäre?

Denen möchte ich ein Zitat von Mechthilde de Bar nennen, die unseren Ordenszweig gegründet hat: „Seien Sie mutig für Gott.“ Klar, es gehört Mut dazu, seinen Job zu kündigen, die Wohnung aufzulösen und nur noch ein paar Kartons mit persönlichen Habseligkeiten zu haben. Aber es lohnt sich auch. Das Kloster gehört zur Welt, man muss es nur für sich entdecken. Dazu lade ich ein.

Die wichtigsten Zahlen und Fakten rund um Klöster und Nonnen
Die Deutsche Ordensobernkonferenz (DOK) mit Sitz in Bonn ist der Zusammenschluss der Höheren Oberen der Orden und Kongregationen in Deutschland.
16.688 Ordensfrauen lebten zum Stichtag 31.12.2015 (aktuellere Zahlen werden laut DOK erst in zwei Wochen vorliegen) in einer der 1399 klösterlichen Niederlassungen.
Zum Vergleich: 2005 waren es noch 25.199 Ordensfrauen, 1995 38.293.
93 Prozent der Nonnen gehören tätigen Orden an, die sich Krankenpflege, Lehre und Seelsorge widmen; die übrigen (wie die Benediktinerinnen, denen sich Anne Schwitalla angeschlossen hat) den kontemplativen Orden, die sich Gebet und Mediation widmen.
Die Altersstruktur: 16 Prozent der Ordensfrauen waren zum Stichtag 31.12.2015 bis 65 Jahre alt, 84 Prozent über 65 Jahre.
Allerdings: Beim Ordensnachwuchs geht es leicht nach oben: 70 Novizinnen 2014, 74 Novizinnen 2015.

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