Realschüler basteln Kreuze im Unterricht - das ist nicht nur eine Frage der Religion

dzRealschule Selm

Otto-Hahn-Realschüler stellen zurzeit Kreuze her. Ostern steht an. Junge Leute und Ostern? Passt das noch? Aber sicher. Vor allem im Fall der Selmer Realschüler.

Selm

, 11.04.2019 / Lesedauer: 4 min

Sie sägen, schleifen, hämmern, streichen, malen. Sie, das sind drei Klassen, die am Religionsunterricht teilnehmen, wie die Leiterin der Otto-Hahn-Realschule, Christiane Kräling-Lietzke, erzählt. Also rund 40 Schüler des zehnten Jahrgangs der Otto-Hahn-Realschule Selm. Das, was sie machen, Kreuze basteln nämlich, ist Teil des Lehrplans.

Thematisch heißt das dort „Kreuz und Auferstehung“, sagt die Leiterin. Jedes Jahr baue sie mit einer Klasse Kreuze. Bisher sei es so gewesen, dass die Schüler ihre Kreuze in der Schule ausstellen und dann mit nach Hause nehmen. In diesem Jahr ist alles anders: „Wir sind so früh fertig, weil Ostern so spät ist, dass wir die Kreuze sogar in der Ludgerikirche ausstellen können.“

Realschüler basteln Kreuze im Unterricht - das ist nicht nur eine Frage der Religion

Es geht auch farbig. © Arndt Brede

Ambivalenz der Kreuze

Im Unterricht haben die Schüler unterschiedliche Kreuzformen kennengelernt und sich für ihre eigenen Kreuze inspirieren lassen. „Wir wollen die Ambivalenz der Kreuze darstellen. Auf der einen Seite Tod und Leid, auf der anderen Seite Auferstehung und Leben.“

Realschüler basteln Kreuze im Unterricht - das ist nicht nur eine Frage der Religion

Dieses Kreuz lebt. Durch Ranken und durch Blätter. © Arndt Brede

Ranken und Blätter symbolisieren Leben

Einer, der sich besondere Gedanken zur Gestaltung seines Kreuzes gemacht hat, ist Laurent Van-der-Werf. Der 17-Jährige hat den Stamm des Kreuzes mit grünen Ranken verziert. Grüne Blätter werden die Gestaltung des Kreuzes komplettieren. Warum diese Form der Gestaltung? „Zu Ostern ist Leben ein Thema, also habe ich gedacht, Ranken und Blätter symbolisieren Leben.“ „Das ist doch toll, oder?“, fragt Christiane Kräling-Lietzke den Reporter angesichts des Kreuzes des jungen Laurent. Toll? Beeindruckend ist das Wort, das dem Journalisten einfällt.

Realschüler basteln Kreuze im Unterricht - das ist nicht nur eine Frage der Religion

Joanna (l.) und Jana bemalen ihr Doppelkreuz. © Arndt Brede

Beeindruckt ist der Reporter auch vom Engagement der jungen Realschüler. Wir treffen Joanna und Jana. Sie haben ein Doppelkreuz hergestellt. Auf dem oberen Querbalken steht in Bleistiftbuchstaben das Wort Doppel, auf dem unteren Querbalken das Wort Kreuz. Mit einer Heißklebepistole zieht Joanna die Buchstaben mit roter Farbe nach. Eine eher ungewohnte Arbeit, oder? „Ja,“ gibt Joanna zu. Was denkt sie eigentlich darüber, dass ihr Kreuz mit den Kreuzen ihrer Schulkameraden bald öffentlich ausgestellt wird? „Das finde ich cool, dass andere sich das angucken können, was wir gemacht haben.“

Realschüler basteln Kreuze im Unterricht - das ist nicht nur eine Frage der Religion

Um ein Kreuz zusammenstecken zu können, muss Holz von der Dachlatte entfernt werden. © Arndt Brede

Mal was anderes

Cool finden das auch Renè Venohr (17) und Jannik Doctor (17). „Ich hoffe, dass sich auch jüngere Menschen dafür interessieren, die Kreuze in der Kirche anzusehen“, meint René. Er ist als Leiter in der katholischen Jugend St. Josef aktiv. Welche Bedeutung hat das Kreuz für ihn? „Das Kreuz steht für Gott und dass Frieden ist. Dass es da oben immer jemanden gibt, der auf mich aufpasst.“ Auf die Idee, ein Doppelkreuz zu bauen, sind René und Jannik so gekommen: „Ein Kreuz mit nur einem Balken war uns zu einfach“, erzählt Jannik. Der obere Balken ist für die Inschrift „INRI“ (Jesus von Nazareth, König der Juden) gedacht, der untere Balken ist der, an dem Jesus hängen würde. Die beiden Schüler haben zwei Schulstunden darauf verwendet, Querbalken und Stamm zusammenzustecken. Das Ganze habe auch Spaß gemacht, sagt Jannik: „Mal was anderes als zu sitzen und was aufzuschreiben.“

Realschüler basteln Kreuze im Unterricht - das ist nicht nur eine Frage der Religion

Damit alles passt, muss auch schon mal geschliffen werden. © Arndt Brede

Jeder für sich ist konzentriert und darauf bedacht, das Kreuz bestmöglich zu gestalten. Was ist aber, wenn mal was nicht so läuft wie gewollt? „Einige der Schüler sind auch im Technikkurs. Die helfen dann den anderen“, erklärt Christiane Kräling-Lietzke. Das Fächerübergreifende - Religion und Kunst - sei einfach großartig. „Mich begeistert das selber, weil die Schüler einfach mit Feuereifer dabei sind.“

Begeistert ist auch Anja Baukmann, Pastoralreferentin der katholischen Kirchengemeinde St. Ludger: „Ich habe die Idee der Ausstellung in der Kirche positiv aufgenommen. Ich bin ja sowieso mit der Schule in Kontakt, weil ich für Schulen zuständig bin. Wir planen Gottesdienste und Projekte. Dass die Schule den Kontakt zur Kirche gesucht hat, finde ich schön.“ Wie, wo genau und wann die Kreuze in der Ludgerikirche zu sehen sein werden, werde am Freitagvormittag bei einem Treffen mit Schulleiterin Kräling-Lietzke und den Schülern geklärt, sagt die Pastoralreferentin.

Anderer Zugang für junge Menschen

Was sie aber schon sagen kann, ist: „Wir werden sie nicht verstreut in der Kirche ausstellen, sondern an einem kompakten Ort, wo man sie auch gut sehen kann.“ Teilt sie die Hoffnung von Realschüler René Venohr, dass sich auch junge Leute angesprochen fühlen mögen? „Ja“, antwortet Anja Baukmann. „Wir können die Kirche ja wegen des möglichen Vandalismus nicht ständig auflassen. Aber zu den Gottsdienstzeiten sind die Kreuze der Realschüler zu sehen. Und wir haben viele Gottesdienste über Ostern. Vielleicht finden junge Leute durch die Kreuzausstellung ja einen Zugang zu diesem alten, vielleicht auch fremden Gebäude Kirche.“

Wie mögen wohl traditionelle Kirchgänger auf die Ausstellung mit den Kreuzen der Realschüler reagieren? „Die Besucher sind im positiven Sinne neugierig. Viele meinen ja, die Jugend bricht der Kirche weg. Aber zu sehen, dass sich junge Leute außerhalb der Kirche mit den Themen Glauben und Gott beschäftigen, dürfte für sie spannend sein.“

Lesen Sie jetzt