Vorkaufsrecht für Wohnhaus: Stadt Selm setzt junges Paar vor die Tür

dzWohnen in Selm

Gekauft, renoviert, eingezogen: Der Traum von den eigenen vier Wänden schien sich für ein junges Paar gerade erfüllt zu haben. Da verwies die Stadt Selm auf ihr Vorkaufsrecht. Ausgeträumt.

Bork

, 28.08.2020, 20:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Dieser Donnerstag (27. 8.) sollte ein ganz besonderer Tag sein im Leben von Jens Röppenack (38) und seiner Freundin Lisa Stente (23): ihr Einzugstag ins eigene Heim. Ein schmales Haus am Kirchring 2 in Bork, das sich die beiden zur Hochzeit schenken wollten. „Unser Traumhaus“, sagt die junge Frau am Abend mit bebender Stimme und rot-verquollenen Augen. Denn der Tag hatte eine unerwartete Wendung genommen. Schuld daran war eine Entscheidung des Selmer Stadtrates.

Die Kopie des notariell beglaubigten Kaufvertrags hatten die beiden dabei, als sie im Selmer Bürgerhaus die Ratssitzung besuchten. Das Dokument datiert vom 17. Juni. Den Vertrag hatten sie mit Klaus Kasberg aus Bork geschlossen, der das 1953 errichtete Haus schräg gegenüber von St. Stephanus geerbt hatte. Erst vor zehn Jahren hatte er es komplett renovieren lassen: Fenster, Badezimmer, Fußbodenheizung - alles auf dem aktuellen Stand der Technik. Für 182.000 Euro ein gutes Angebot - für Käufer und Verkäufer. Und seit Donnerstag auch für die Stadt Selm.

Stadt wollte nicht mehr als 150.000 Euro zahlen

Dass die Stadt Selm ein Vorkaufsrecht hat, war immer bekannt. 2015 habe es ein erstes, lockeres Gespräch gegeben, erinnert sich Kasberg. Dabei habe er ohne intensive Vorbereitung eine erste Preisvorstellung genannt: 140.000 Euro. Zwei Jahre später habe er sich besser vorbereitet und 180.000 Euro gefordert: zu viel, wie ihm von der Stadt beschieden wurde. Am 12. März 2020 habe es dann ein drittes Gespräch gegeben, dieses Mal mit Bürgermeister Löhr. „Das hieß es 150.000 Euro und nicht mehr.“

Auch die Katze war schon eingezogen. Jetzt muss das Paar mit ihrem Haustier eine neue Bleibe suchen.

Auch die Katze war schon eingezogen. Jetzt muss das Paar mit ihrem Haustier eine neue Bleibe suchen. © Sylvia vom Hofe

Kasbergs Frau hatte daraufhin einen kleinen Zettel ins Fenster des Hauses am Kirchplatz gehängt. Kein Online-Inserat, kein Makler - genug, um das Interesse von Röppenack und Stente zu wecken. Nach dem dritten Nein hatte Kasberg nicht mehr damit gerechnet, dass die Stadt noch Interesse habe, zumal für 182.000 Euro.

Innerhalb von zwei Monaten muss Entscheidung fallen

Zwei Monate nach Kenntniss über einen Kaufvertrag kann die Stadt laut Paragraf 28 des Baugesetzbuches ihr Vorkaufsrecht ausüben. Das wussten alle Beteiligten, auch Röppenack, der bereits mit Einverständnis des Verkäufers angestrichen und Möbel aufgebaut hatte. Tatsächlich tat sich sechs Wochen lang gar nichts. Dann war es aber der Diplom-Sozialarbeiter selbst, der sich an die Stadt gewendet hat - mit einem ganz anderen Anliegen.

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Die Häuser rechts und links gehören der Stadt. Nach dem Starkregen am 9. August hatte es einen Wasserschaden gegeben, weil dort die Dachrinne nicht gesäubert war. Röppenack hatte das Problem gemeldet. „Einen Tag später bekam ich dann die Mitteilung, dass die Stadt ihr Vorkaufsrecht prüfe.“

Löhr: Mehrheit möchte einen Abriss des Kirchrings

Das eine habe nichts mit dem anderen zu tun, versicherte indes Bürgermeister Mario Löhr am Donnerstag. „Sie sind jetzt der Leidtragende“, räumte er ein. Die Stadt habe ein großes Interesse, alle Häuser rund um die Kirche zu erwerben, um bei der noch ausstehenden Ortskerngestaltung freie Hand zu haben. Eine Option ist es, Häuser abzureißen und einen neuen Marktplatz zu schaffen. Die Mehrheit in Bork favorisiert das laut Löhr: eine Aussage, die Maria Lipke (UWG) bezweifelte. Die Mehrheit stimmte allerdings dafür, das Vorkaufsrecht zu nutzen: das Signal, für Lisa Stente, in Tränen auszubrechen.

Nicht nur, weil sie das Haus liebe, wie sie gesteht. „Es geht um Existenzängste.“ Sie und ihr Freund haben die Immobilie über Kredit finanziert. Eine Rückabwicklung bedeutet Kosten. Von 26.800 Euro sprechen beide. Ob die Stadt ihnen da entgegen kommen kann? Kurze Beratung, dann die Antwort: nein.

Immerhin: Es gibt noch einen Gesprächstermin am 7. September zwischen dem Bürgermeister und dem jungen Paar, das jetzt erst einmal eines muss: eine neue Bleibe suchen.

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