Allein in der Redaktion: Homeoffice gehört - auch ein Jahr nachdem der erste Fall in Selm bekannt wurde - immer noch zum Alltag. © Marie Rademacher
Coronavirus

Von Null auf 791: Ein Rückblick auf ein Jahr Corona in Selm

Am 12. März 2020 wurde der erste Coronafall in Selm bestätigt - vor genau einem Jahr. Ein Rückblick auf ein Jahr Corona - aus der Perspektive einer Lokalredakteurin.

Es war einer dieser Tage, von denen ich schon am Abend wusste, dass ich ihn wahrscheinlich nie vergessen werde. Weil er so besonders und aufregend war – und gleichzeitig so negativ. Eine schlechte Nachricht, auf die wir eigentlich schon seit ein paar Tagen gewartet hatten. Und von der uns klar war, das sie die nächste Zeit bestimmen würde. Am 12. März 2020 hat das Gesundheitsamt im Kreis Unna den ersten Coronafall in der Stadt Selm bestätigt. Vor genau einem Jahr. Ein Rückblick auf ein Jahr Corona:

Der erste Fall in Selm

Was der damalige Bürgermeister am 12. März 2020 sagte, als er die Ausschussmitglieder über den ersten Coronafall der Stadt informierte, kann die Kollegin, die damals vor Ort war, immer noch im Wortlaut zitieren: „Corona ist auch in Selm eingeschlagen.“

„Es war wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit“: So hatte die Kollegin Sabine Geschwinder schon am Nachmittag ihren Artikel über den ersten Fall in Selm begonnen. Das Gesundheitsamt hatte da einen Fall in der Stadt bestätigt.

Im Laufe des späten Nachmittages ändert sich die Lage weiter. Vom Flur des Feuerwehrgerätehauses schickt Sabine Sprachnachrichten zu mir in die Redaktion. „Herr Löhr sagte gerade, es gibt inzwischen schon den zweiten Fall gibt. Herr Schwager sagte aber, dazu gibt es noch keine weiteren Einzelheiten. Da soll es noch Infos im Kreis geben, vielleicht fragst du mal nach.“ Ich greife natürlich sofort zum Telefon. Der Kreis ist an diesem 12. März noch sehr zurückhaltend: Es gibt weder Infos dazu, ob es sich bei dem Selmer Betroffenen um einen Mann oder eine Frau handelt, auch das Alter nennt die Pressestelle nicht – mit Verweis auf dem Datenschutz. Den zweiten Fall bestätigt Max Rolke, Sprecher des Kreises, auch nicht. Erst er paar Tage später taucht er in der Statistik auf.

So überschaubar wie damals ist die Gesamtzahl der Fälle mittlerweile natürlich längst nicht mehr. 791 bestätigte Fälle hat es bis jetzt in der Stadt gegeben.

Am Tag des ersten Falls ändert sich die Nachrichtenlage am Abend noch einmal. Das Virus sei bei einem Elternteil der Kindetagesstätte in Cappenberg aufgetreten, sagt die Selmer Beigeordnete Sylvia Engemann. Der Kindergarten ist der erste, der deshalb schon am 13. März coronabedingt schließt.

Selm geht in den Lockdown, Absagen hageln

Was an diesem Donnerstagabend noch keiner weiß: Bald werden alle Kitas und Schulen in Selm die Türen erst mal schließen. Einen Tag, nachdem der erste Selmer Fall bekannt wurde, meldet die Deutsche Presse-Agentur, dass fast alle Bundesländer die Schließung von Kitas und Schulen schließen werden. Deutschland geht in den Lockdown – und Selm natürlich auch.

Schon seit ein paar Wochen hatte sich die Tragweite des Virus angedeutet. Veranstaltungen in der Stadt wurden reihenweise abgesagt. Die Kneipennacht zum Beispiel – schon im Juni ist außerdem klar, dass es in Selm weder Adventsmarkt noch Stadtfest geben wird.

Deutschlandweite Trends zeigen sich auch auf lokaler Ebene sehr deutlich – Stichwort Hamsterkäufe. „Ich mache den Job jetzt seit 45 Jahren. Aber eine vergleichbare Situation wie die in den vergangen beiden Wochen habe ich persönlich noch nie erlebt“, sagt am 13. März Martin Humpert, Filialleiter im Edeka in der Altstadt in Selm.

Anfang des Monats hatten wir im Team noch einmal vorsorglich ausprobiert, wie genau wir über unsere Kommunikationsprogramm Video-Konferenzen starten, falls wir alle ins Homeoffice müssen. Etwas, das im Moment aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken ist. Alle zusammen in der Redaktion haben wir seit einem Jahr nicht gearbeitet. Mittlerweile und zwischendurch besuchen wir auch wieder Termine und treffen Menschen „in echt“. Aber am Anfang hieß es erst mal: zu Hause bleiben. Recherchen über das Telefon führen. Versuchen, Schritt zu halten mit der viel zitierten „dynamischen Lage“.

Ob Gastwirte, Schule, Tankstellen, Einzelhändler: Oft sind wir es als Reporter, die sie bei der Suche nach Stimmen über die anstehenden Veränderungen informieren. Die Lösung der Betroffenen sind kreativ: Im Jakobsbrunnen gibt es ein Schnitzel-Drive-In, die Anbar etabliert einen Cocktail-Service, Schule arbeiten Hygienekonzepte aus, Händler versuchen, mit Aktionen durch die Krise zu kommen. Spätestens jetzt – im zweiten Lockdown – geht das kaum noch ohne Frust. „Ich bin ja nicht Koch geworden, um mein Essen in Plastikschälchen an die Leute zu bringen“, sagte im Januar 2021 zum Beispiel Christian Reimann, der Inhaber von Lumberjack‘s Diner an der Kreisstraße.

Ein Montag nach dem ersten Fall: Der erste Corona-Todesfall in Selm

Warum das Coronavirus so gefährlich ist, zeigt sich in Selm allerdings auch schon relativ früh – also zumindest viel früher als zum Beispiel in den Nachbarorten Olfen und Nordkirchen. Am 13. April 2021 erklärt der Kreis Unna, das ein Mensch aus Selm in Zusammenhang mit dem Coronavirus gestorben ist . Am Ostermontag fließt dieser erste Corona-Todesfall in die Statistik für die Stadt Selm ein.

Bei dem Verstorbenen handelt es sich – das ergibt am Tag danach die Nachfrage der Redaktion – um einen 71-jährigen Mann. „Der Mann war vor seinem Tod in häuslicher Umgebung, also nicht in einem Alten- oder Pflegeheim untergebracht“, sagte die Kreis-Sprecherin Constanze Rauert damals.

Mittlerweile haben sich auch die Todesfall-Zahlen natürlich deutlich erhöht: 33 Menschen mit Wohnort in Selm sind in Zusammenhang mit dem Coronavirus gestorben. Auffällig dabei: Die meisten dieser Todesfälle stammen aus der zweiten Welle des Virus. Nach der Meldung des zweiten Corona-Todesfalles in Selm am 23. April steigt die Fallzahl bis zum 6. November erst mal gar nicht mehr. Dann häufen sich auch wieder die Todesfälle: Am 19. Dezember beispielsweise ist die Zahl für Selm auf 14 gestiegen, jetzt liegt der Wert schon über 30.

Das Ende eines milden Sommers: Die Hochzeit in Ascheberg

Die zweite Welle zeigt sich in Selm sowieso sehr heftig. Gerade das führt vor Augen, dass der Corona-Sommer mit Blick auf die Fallzahlen sogar relativ entspannt gewesen ist. Es gibt sogar Tage, an denen wir in unserem täglichen Corona-Update berichten, dass teilweise sogar kein einziger Fall in der Stadt aktiv ist – so zum Beispiel am 8. September. Im Laufe des Monats September ändert sich diese Lage aber wieder deutlich. Auch wegen eines Superspreader-Events Ende September.

Bei einer Hochzeit in Ascheberg stecken sich von den 88 Gästen insgesamt 19 Menschen aus dem Kreis Unna an – und tragen das Virus natürlich wiederum an weitere Kontaktpersonen weiter.

Ein Mann aus Selm, der sich bei einer Großveranstaltung angesteckt hatte, warnte später im Gespräch mit der Redaktion eindringlich davor, solche Feste weiterhin zu feiern. Der Lockdown light, der im November folgte, machte das dann aber sowieso bald unmöglich.

Wie stark die zweite Welle nach Selm schwappte, zeigen die Zahlen sehr deutlich: am 1. Oktober 2020 gab es in der Stadt 71 bestätigte Coronafälle. Am 16. Dezember ist diese Zahl auf 477 Fälle gestiegen.

Aktuell – genau ein Jahr nach dem ersten bestätigten Fall – liegt der Wert bei 791. Am ersten Jahrestag hat sich das, was am 12. März 2020 noch eher ein unbestimmtes Gefühl war, längst als wahr erwiesen: die Ausmaße der Corona-Krise sind immens. Damals beim ersten Fall, da waren meine Kollegin Sabine und ich uns bei der Erinnerung jetzt einig, war es irgendwie so, als würde eine Lawine über uns rollen. Und alles verändern – plötzlich und heftig.

Über die Autorin
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Ich mag Geschichten. Lieber als die historischen und fiktionalen sind mir dabei noch die aktuellen und echten. Deshalb bin ich seit 2009 im Lokaljournalismus zu Hause.
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Marie Rademacher

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