Anwohner in Selm ärgern sich im Zentrum oft über nächtliche Ruhestörungen durch Autogeräusche. (Symbolbild) © dpa
Ruhestörungen

Tuner und Raser: Wie groß ist das Problem in Selm wirklich?

Anwohner im Selmer Zentrum ärgern sich: Immer wieder komme es in der Nacht zu Ruhestörungen durch laute Beschleunigungsrennen, aufheulende Motoren und laute Auspuffgeräusche.

Die Neue Werner Straße entlang. Durch die Kreisverkehre auf der Kreisstraße oder über den Zeche-Hermann-Wall. Auf dem Edeka-Parkplatz. Die Strecken und Treffpunkte, die Raser und Tuner in Selm gerne nutzen, kann der Ruhr-Nachrichten-Leser ohne Mühe benennen. Seit mehreren Jahren schon, so erzählt er es im Gespräch mit der Redaktion, ärgert ihn der Lärm in der Stadt. Gerade in der Nacht. Aufheulende Motoren, röhrende Auspuffe und quietschende Reifen – er höre sie regelmäßig von seinem Haus etwas abseits der Kreisstraße aus. Ein Ärgernis nicht nur für ihn – sondern für die ganze Nachbarschaft, wie er sagt.

Schon in der letzten Ratssitzung hatte ein Selmer Bürger ein ähnliches Problem vorgetragen. Er könne nicht mehr bei offenem Fenster schlafen – weil ständig irgendwo Autorennen oder sogar Schüsse zu hören seien, hatte er damals gesagt. Der Tipp des Bürgermeisters dazu: Rufen Sie die Polizei. Nur – so weiß es auch der Selmer Anwohner – so richtig viel bringt das auch nicht.

Treffen der Tuning-Szene hat Polizei schon öfter festgestellt

Etwas, das auch die Polizei einräumt. Da es sich häufig um Geräusche handelt, die nicht lange andauern und Autos ja nun mal meistens in Bewegung seien, können zur Hilfe gerufene Beamte vor Ort oft keine Feststellung mehr machen, wenn sie vor Ort eintreffen, hatte Polizei-Sprecherin Vera Howanietz auf Anfrage der Redaktion erklärt. Selm sei nach Ansicht der Polizei aber auch kein Brennpunkt, was illegale Autorennen angehe.

Aber: Nicht für jede Ruhestörung muss ja ein Autorennen der Grund sein. Das sagt auch Vera Howanietz. An „unterschiedlichen Örtlichkeiten“ im Polizeibezirk seien so Treffen der Tuning-Szene festgestellt worden, sagt sie. Allerdings seien mit diesen Treffen keine verbotenen Autorennen einhergegangen.

Einen beliebten Ort für derartige Treffen kann der Selmer Anwohner genau benennen: Der Edeka-Parkplatz an der Botzlarstraße in Selm. Dort, so seine Beobachtung, träfen sich sehr häufig Autofahrer. Teilweise mit Lamborghini oder Ferrari. Oft ausgestattet mit Tageskennzeichen machten sie dort Show – aber eben auch Krach, sagt der Anwohner. Er hätte auch schon ein paarmal versucht, sie anzusprechen. Darauf hätten sie größtenteils aber mit Unverständnis und aggressiv reagiert.

Mündliche Platzverweise vom Ordnungsamt

Auch an das Ordnungsamt habe er sich mit diesem Hinweis schon mehrmals gewandt. Das bestätigt die Stadtverwaltung: „Es gibt allgemein Meldungen über nächtlichen ruhestörenden Lärm, auch im Bereich Edeka-Parkplatz, denen auch nachgegangen wird“, erklärt Norbert Zolda von der Stadt Selm nach Rücksprache mit dem Ordnungsamt. Der Parkplatz sei entsprechend „fester Bestandteil der Kontrollen des ordnungsbehördlichen Außendienstes.“ Er werde zu unterschiedlichen Tages- und Nachtzeiten entsprechend überwacht.

Durchaus auch schon mit Konsequenzen in der Vergangenheit, wie Norbert Zolda erklärt: „Bisher beschränken sich festgestellte Verstöße und deren Ahndung im Bereich der ordnungsbehördlichen Kontrollen auf mündliche Platzverweise“, sagt er. Aber immerhin.

Auf dem Parkplatz, so sagt es der Anwohner, würden manche Tuner oder Raser auch sogenannte Donuts fahren – also schnell im Kreis fahren. Das Unterstellhäuschen für die Einkaufswagen sei vor Kurzem stark beschädigt worden – möglicherweise von einer solchen Aktion, vermutet der Anwohner.

Dass ein Auto gegen die Unterstellung gefahren ist, bestätigt Georg Geldmann als Eigentümer des Edeka-Marktes und des Parkplatzes im Gespräch mit der Redaktion. „Der Fahrer hat danach aber sofort selbst die Polizei angerufen“, räumt er auch ein. Der Fahrer sei vom Gaspedal gerutscht – aus welchem Grund, das weiß Georg Geldmann nicht. „Fairerweise muss man sagen“, so erklärt er, „dass wir nachts hier nicht vor Ort sind.“ Wie laut es auf dem Parkplatz sei – das könne er aus diesem Grund nicht beurteilen. Manchmal am Wochenende, so sagt er, merke man durch den hinterlassenen Müll aber schon, dass der Platz in er Nacht in irgendeiner Form Treffpunkt gewesen sei.

Auf dem Parkplatz parken auch Anwohner und Mitarbeiter

Eine Möglichkeit, dem Problem Herr zu werden, so sagt es der Anwohner, könnte ja vielleicht eine Schranke oder andere Form der Absperrung an dem Parkplatz sein. Das sei allerdings nicht so einfach, sagt Georg Geldmann. „Hier parken ja auch Anwohner und unsere Mitarbeiter“, sagt er.

Ein Mittel der Polizei, um gegen die Etablierung von Tunern und Rasern im Kreis Unna vorzugehen, sind Schwerpunktkontrollen. Auch in Selm hat es solche schon gegeben. Im vergangenen Jahr am Karfreitag, im Jahr 2019 hatte die Polizei auch bei einer Tuning-Veranstaltung umfassend kontrolliert. „Mittels konsequentem Einschreiten unter Ausschöpfung aller rechtlichen Möglichkeiten gilt es die sogenannte ,Null-Toleranz-Strategie‘ umzusetzen“, sagt Polizei-Sprecherin Vera Howanietz.

Ob nun Polizei oder Ordnungsamt: Wer sich schlussendlich um die Raser oder Tuner kümmert, das ist dem Anwohner egal. Seit zwei Jahren ärgere er sich über den Krach, beschwere sich an unterschiedlichen Stellen. „Und es wird überhaupt nichts gemacht“, sagt er.

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Ich mag Geschichten. Lieber als die historischen und fiktionalen sind mir dabei noch die aktuellen und echten. Deshalb bin ich seit 2009 im Lokaljournalismus zu Hause.
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Marie Rademacher
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