Telefon-Betrug: Energieversorger-Masche scheitert an cleverer Tochter eines Selmers

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Betrugsmaschen per Telefon sind vielfältig. Jüngst versuchte ein Anrufer einem Selmer (78) Vertragsdaten seines Energieversorgers abzuluchsen – seine Tochter (57) reagierte besonnen.

Selm

, 25.04.2019 / Lesedauer: 4 min

Durch ein einfaches Telefonat Geld sparen. Klingt verlockend. Doch irgendwann kam es der gebürtigen Selmerin Gerlinde Pieper (57) komisch vor. Sie nahm den Anruf für ihren Vater entgegen. Die heutige Olfenerin pflegt den 78-jährigen Selmer.

Zunächst schöpfte sie keinen Verdacht. „Es ging darum, dass Energieanbieter die Zähler von einem analogen auf einen digitalen umstellen“, erzählt sie im Gespräch mit der Redaktion. „Davon hatte ich schon gehört“, sagt sie. Der Energieversorger, den der Anrufer genannt hatte, sei auch der richtige gewesen.

Um den Vertrag entsprechend der Umstellung anpassen zu können, bräuchte der Anrufer dann noch die Zählernummer und den Zählerstand. „Da hab ich mich gewundert“, sagt die 57-Jährige. Dass das Energieunternehmen den Zählerstand nicht immer kenne, sei nachvollziehbar, „aber die Nummer müssten die ja haben“, sagt Pieper. Bei der Nachfrage, von wo der Anruf überhaupt kommt, stellte sich der Mann am anderen Ende der Leitung vor und sagte, er arbeite für die „Energiezentrale“, die alle Energieunternehmen vertrete. Er nannte dazu noch eine Postleitzahl. „Die existiert aber gar nicht“, sagt Pieper.

„Jetzt kreuze ich den schlechten Strom an für Sie“

Die „Energiezentrale Deutschland“ wird bei solchen ungebetenen Werbeanrufen tatsächlich häufiger genannt. Das ergibt sich, wenn man nur kurz im Internet recherchiert.

Sie habe sich immer weiter „doof gestellt“, sagt Gerlinde Pieper. Dann wurde es noch kurioser: „Irgendwann hat der mich richtig angemeckert und etwas wie: ‚jetzt kreuze ich den schlechten Strom an für Sie‘ gesagt.“ Kurz darauf das Ende des Gesprächs.

Anschließend hätte sie direkt den tatsächlichen Stromanbieter angerufen und dort nachgefragt, inwiefern dieser mit solchen Callcentern arbeiten würde, erzählt Pieper. „Dort wurde mir gesagt, dass bei solchen Änderungen erst immer etwas Schriftliches kommt und ich solle mich doch lieber bei der Verbraucherzentrale melden“, erzählt Pieper. „Ich muss ganz ehrlich sagen: ich hätte darauf auch reinfallen können“, meint sie.

Das rät die Verbraucherzentrale:

„Ich habe ihr erst einmal gesagt, dass es total richtig war uns anzurufen“, sagt Jutta Gülzow, Leiterin der auch für Selm zuständigen Verbraucherzentrale Lünen auf Anfrage der Redaktion. „Wir haben immer wieder Probleme mit solchen Anrufen“, sagt sie.

? Was kann ich tun, um das Ganze rückgängig zu machen, wenn ich mich erst darauf eingelassen habe?

„Wenn die Dame darauf eingegangen wäre, hätte sie höchstwahrscheinlich Post von dem Energieversorger bekommen“, erklärt Gülzow. Und dann könne man noch etwas unternehmen: „Wenn die Post dann da ist, muss man sehr schnell handeln. Denn dann gilt das Widerrufsrecht für 14 Tage“, erklärt sie. Dieses hat der Gesetzgeber extra für telefonische Vertragsabschlüsse eingerichtet. „Ab Kenntnisnahme dieses Rechts, also der Widerrufsbelehrung, fängt die Frist an“, sagt Gülzow. Das Datum des Poststempels ist hier entscheidend. „Bei jedem halbwegs seriösen Vertrag, ist diese Belehrung dabei“, erklärt die Verbraucherberaterin.

Telefon-Betrug: Energieversorger-Masche scheitert an cleverer Tochter eines Selmers

Jutta Gülzow Leiterin der Verbraucherzentrale Lünen © Verbraucherzentrale

„Bei jedem halbwegs seriösen Vertrag ist diese Belehrung dabei“
Jutta Gülzow, Leiterin der Verbraucherzentrale Lünen

? Ab wann gilt der telefonische Vertrag?
„Sobald ich sage, ‚Ja, das will ich machen“, sagt Gülzow. Man muss also die klare Zusage geben. „Wenn ich nur sage, dass ich interessiert bin, ist das noch keine Zusage“, meint sie.

? Warum kannte der Anrufer den tatsächlichen Energieversorger des Selmers?
„Vermutlich wird da ins Blaue hinein geraten und sich am Grundversorger der Region orientiert“, schätz Gülzow. Diese Masche werde immer wieder versucht, im vergangenen Sommer habe es „eine richtige Welle“ im Einzugsgebiet der Verbraucherzentrale Lünen gegeben, sagt Gülzow.

? Welche Tipps gibt die Verbraucherzentrale? „Man sollte am Telefon mit seinen Daten sehr sehr sparsam sein. Wenn jemand anruft sollte man vorsichtig sein“, rät sie. Selbst wenn sich das Ganze gut anhöre, solle man sich doch lieber „erst einfach nur Informationen zuschicken lassen“, sagt sie. Und das ist dann weniger gefährlich, seine Adresse rauszugeben? „Zumindest erschließt sich mir eher woher etwas kommt, wenn ich etwas schriftliches bekomme“, sagt sie.

? Kann der Anrufer einfach meinen Energievertrag ändern? Die Zählernummer mitsamt der Daten reiche für den Vertragswechsel aus, denn viele Versorger bieten an, den Vertrag beim alten Energieversorger abzumelden. „Wenn jemand mit den ganzen Daten und den Nummern kommt, geht der Energieversorger erst einmal davon aus, dass das alles seine Richtigkeit hat“, erklärt Jutta Gülzow.

? Was kann die Polizei tun? Für die Polizei ist es generell schwierig so etwas zu verfolgen. „Das ist stark einzelfallabhängig, ob es wirklich strafrechtlich zu verfolgen ist“, meint Vera Howanietz, Polizeisprecherin des Kreises Unna. Telefonwerbung ohne Einwilligung sei zwar zunächst verboten, „aber noch keine Straftat. Eher eine Ordnungswidrigkeit“, sagt sie. „Bei Vertragsgeschäften am Telefon würde ich immer vorsichtig sein“, rät die Polizistin. Die Grenze zu ziehen, ab wann etwas tatsächlich als Betrug gilt, sei nicht immer einfach. Wenn etwas zu teuer verkauft werde, sei das nicht immer unbedingt direkt Betrug, sagt Howanietz.

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