Streit um Steinsbuche: Cappenberger Vereine fordern Mitsprache

dzNach der Fällung

Dass die Stadt Lünen die Steinsbuche fällen ließ, ohne sie zu informieren, ärgert Heimatverein und Lions-Club Freiherr vom Stein. Beim nächsten Schritt wollen sie nicht übergangen werden.

Cappenberg, Lünen

, 21.09.2020, 06:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Nur noch ein Stumpf erinnert an den mächtigen Baum, der rund 60 Jahre lang an der Cappenberger Straße stand, auf der Grenze zwischen Lünen und Cappenberg: nicht irgendein Baum, sondern die Steinsbuche, die seit Generationen ein fester Begriff ist für die Menschen der Region. Sie zierte sogar Postkarten, die die zahlreichen Urlauber und Tagesgäste aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts beliebten Luftkurort Cappenberg verschickten.

Historische Postkarten zeigen populäres Ausflugsziel

Solche Karten von sogenannten Sommerfrischlern und anderen frühen Cappenberg-Touristen hat Dr. Franz-Peter Kreutzkamp in seiner Sammlung. Er ist nicht nur Mitglied des Heimatvereins Cappenberg, sondern auch des Lions-Clubs Freiherr vom Stein: beides Vereine, die sich dem Andenken des einstigen Cappenberger Schlossherrn und bedeutenden Staatsreformers Heinrich Friedrich Karl Reichsfreiherr vom und zum Stein (1757-1831) besonders verpflichtet fühlen - und beide nicht über die Fällung der Steinsbuche informiert worden waren: Anlass für Verstimmungen.

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Der Baum sei Opfer der extremen Trockenheit gewesen, hatte Stadtsprecher Dr. Benedikt Spangardt mitgeteilt. Das sei schon lange sichtbar gewesen. Die Stadt sei ihrer Verkehrssicherheitspflicht nachgekommen, als sie den Baum, der direkt zwischen Cappenberger Straße und Wanderweg in den Cappenberger Wald stand, fällen ließ. Daran lässt sich nichts mehr ändern, wie Heino Janssen, Vorsitzender des Heimatvereins Cappenberg feststellt. Er blickt jetzt in die Zukunft - und hofft dabei auf bessere Absprachen.

Steinseiche oder Steinsdouglasie als Nachfolgerin von Steinsbuche?

Wird künftig an der Stelle der Steinsbuche eine Steinseiche oder eine Steinsdouglasie stehen? „Bevor die Lüner Stadtwerke einen anderen Baum pflanzen, sollten sie Rücksprache mit den örtlichen Vereinen aufnehmen, da es sich um einen besonderen zeitgeschichtlichen Baum handelt“, fordert Janssen. Spangardt hatte angekündigt, dass zwar als Ersatz für die Steinsbuche ein neuer Baum gepflanzt werde - aber voraussichtlich eine andere Sorte, die besser mit der Trockenheit zurechtkomme.

Die Buche gehört zu den wichtigsten Baumarten bundesweit, gefolgt von Fichte, Kiefer und Eiche. Während Kiefer und Eiche laut Regionalforstamt Ruhrgebiet besser mit dem Klimawandel zurechtkommen, litten Fichte und Buche extrem unter dem Trockenstress. Die Buchen zeigten signifikante Absterbeerscheinungen im gesamten Ruhrgebiet. Anders als Eichen könnten sie keine zweite Generation an grünen Blättern bilden.

Klimawandel lässt es immer wärmer werden

Zu Zeiten des Freiherrn vom Stein war das noch anders. Aufzeichnungen über das Klima vor 204 Jahren, als er nach Cappenberg zog, gibt es zwar nicht. Die Datenreihen zur Lufttemperatur reichen für NRW bis ins Jahr 1881 zurück - 50 Jahre nach vom Steins Tod. Der Wandel seitdem ist augenfällig, wie das Landesamt für Natur und Umwelt und Verbraucherschutz (Lanuv) mitteilt.

„Das Klima hat sich in NRW seit Beginn der Messungen im ausgehenden 19. Jahrhundert deutlich verändert. Die mittlere Jahrestemperatur ist im Vergleich der Klimanormalperioden1881 bis 1920 und 1981 bis 2010 um 1,2 Grad Celsius angestiegen.“

Auch diese Postkarte - sie verwendet bereits Fotografien - erinnert an die Steinsbuche.

Auch diese Postkarte - sie verwendet bereits Fotografien - erinnert an die Steinsbuche. © Sammlung Kreutzkamp

Die zurückliegenden Jahre warten mit Negativrekorden auf: Das Jahr 2018 war laut Klimaatlas NRW auch in NRW das wärmste seit Beginn der Wetteraufzeichnung 1881 - und das vierttrockenste. Und das Frühjahr 2020 war das sonnenreichste. Keine Chance für den Wald, seine leeren Wasserreserven aufzufüllen.

Der Klimawandel gehört aktuell zu den größten Herausforderungen der Kommunalverwaltungen.

Der Vater der kommunalen Selbstverwaltung

Vom Stein hatte andere Herausforderungen zu meistern: die Überwindung der Niederlage gegen Napoleon 1806 und die Entwicklung zu einer öffentlich kontrollierten und öffentlich verantwortlichen Regierung: Aufgaben, an denen er sich aufrieb. 1816 zog er in das inzwischen verstaatlichte Kloster Cappenberg. Sein Tagewerk dort war streng geregelt, wie der westfälische Historiker Josef Lappe 1920 in dem Buch „Freiherr vom Stein als Gutsherr auf Kappenberg“ schrieb: ein Band, aus dem Peter Kreutzkamp zitiert. Mit Verweis auf die Bedeutung der Steinsbuche für die Region: Nach dem Frühstück habe vom Stein mit seinen Beamten über Verwaltungsangelegenheiten und Neuanlagen beraten. Mittags habe er sich dann auf seinen gewohnten Spaziergang begeben.

„Brauner Hengst“ dient als Stütze auf dem Weg zur Buche

Dabei habe der inzwischen betagte Staatsmann stets seinen Krückstock mitgenommen, den er „den Braunen Hengst“ nannte. Vom Sein „wanderte durch Feld und Flur, besichtigte Arbeiten und Anlagen, plauderte mit Leuten, die ihm entgegen kamen oder mit Arbeiten beschäftigt waren, besuchte Alte und Kranke in ihren Hütten oder kehrte auf einem Bauernhof ein.“ Regelmäßig ruhte er unter einer Buche zwischen Cappenberg und Lünen aus, „die daher noch heute Steinsbuche oder Ministerbuche heißt“, wie Lappe vor 100 Jahren schrieb.

Die so betitelte Buche gibt es schon lange nicht mehr. Sie hatte aber Ersatz gefunden. 1957 wurde an ihrer Stelle ein neuer Baum gepflanzt: damals selbstverständlich wieder eine Buche - der Baum, der jetzt gefällt werden musste.

Ein anderer Promi unter den Cappenberger Bäumen steht zwar noch, ist aber auch Opfer geworden des Extrem-Wetters: die exotischer Schlitzbuche, die vom Stein selbst hinter dem Schloss pflanzte - vermutlich aus Samen, den ihm Alexander von Humboldt mitgebracht hatte. Da es sich dabei nicht nur um einen markanten alten Baum handelt, sondern um eine gewachsene Erinnerung an die Freundschaft zwischen dem Staatsreformer und dem Forschungsreisenden, hatte sich vom Steins Nachfolger, Sebastian Graf von Kanitz, entschieden, ihn noch nicht zu fällen. Allerdings befinden sich auf dem Gelände auch keine öffentlichen Wege und erst recht keine Straße.

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