Stilbrüche in Selm: Das Quartett Uwaga ließ lustvoll Welten aufeinander prallen

dzWikult-Konzert

Achtung! Oder auf Polnisch: Uwaga! So lautet nicht nur der Name des Musik-Quartetts im Bürgerhaus, sondern auch ein Warnruf. Und der hatte bei diesem Konzert seine Berechtigung.

Selm

, 05.12.2019, 19:35 Uhr / Lesedauer: 2 min

Die rund 200 Musikfreunde im Publikum traf es unvorbereitet. Zwar hatte Musikschulleiterin Verena Volkmer von einem „besonderen Konzert“ gesprochen und Helmut Jahnke, der Vorsitzende des Wirtschafts- und Kulturfördervereins Selm (Wikult), von einem „außergewöhnlichen Programm“. Von Ansteckungsgefahr und Sucht war aber keine Rede.

Die Geige schmachtet. Erst alleine, dann im Duett. Osteuropäischer Herzschmerz, bis sich dieses Balkan-Akkordeon einschaltet und der trauernden Liebe Beine macht. Und wie: wiegend, tanzend, springend, ekstatisch zuckend. Wer weiß, wo das noch hingeführt hätte ohne den Kontrabass. Unaufgeregt fängt er die drei anderen wieder ein und führt sie tiefenentspannt zurück in den schreitenden Zweivierteltakt: immer noch etwas traurig, aber irgendwie getröstet.

Das Quartett Uwaga berieselt nicht, es fordert sein Publikum

Alle Achtung! Brausender Applaus - und das gleich nach dem ersten Stück. Wer glaubte, er könne diesen Freitagabend bequem zurückgelehnt, mit übereinander geschlagenen Beinen und halb geschlossenen Augen verbringen, hat sich geirrt. Uwaga berieselt nicht. Uwaga fordert. Nicht nur die vorne auf der Stuhlkante hockenden Zuhörer, sondern auch sich selbst.

Virtuos sind sie alle, verrückt vermutlich auch. Denn auch wenn es längst zum guten Ton gehört, als klassisch ausgebildeter Musiker auch mit Cross-over zu liebäugeln: Das, was die Vier von Uwaga da machen, ist viel mehr als nur ein harmloser Flirt mit Jazz, Funk, Pop und dem Rest, der hinter der Grenze zur ernsten Musik liegt. Sie meinen es ernst.

Wenn Bob Marley und Mozart zusammen Musik machen

Da bleibt es nicht folgenlos, wenn sie ein Date organisieren zwischen der flippigen Lucilectric („Weil ich ein Mädchen bin“) und dem formstrengen Johann Sebastian Bach. Oder eine Begegnung zwischen Mozart und Bob Marley.

Stilsicher improvisierte Stilbrüche sind das Ergebnis. Die Schöpfer der jeweiligen musikalischen Vorbilder hätten daran ebenso viel Freude wie das Selmer Publikum und offensichtlich auch die Musiker selbst: die Geiger Maurice Maurer und Christoph König, Bassist Matthias Hacker und Miroslac Nisic am Akkordeon.

Ein Schlagzeuger fehlt. Auf Rhythmus braucht Uwaga dennoch nicht zu verzichten. Der zarte Geigenkorpus pocht, der große Basswanst trommelt und das Akkordeon, in dem ohnehin zwischen Tasten und Knöpfen ein ganzes Orchester versteckt zu sein scheint, raschelt und klopft.

Zweieinhalb Stunden vergehen im Flug durch alle Genres. Jetzt kommt die Katerstimmung. Denn alle, die nach der grenzgängerischen Musik süchtig geworden sind, müssen warten bis zum 12. Januar. Dann tritt Uwaga das nächste Mal in NRW auf: um 19 Uhr beim Schlosskonzert Eller in Düsseldorf.

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