Stadt verkauft Kita-Grundstück für nur einen Euro - ein Schnäppchen ist das trotzdem nicht

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Fast 7000 Quadratmeter groß, ruhige Lage, unverbaubare Nachbarschaft zum Wald: Das Grundstück der ehemaligen Pestalozzischule ist besonders - auch was den Kaufpreis angeht: ein Euro.

Selm

, 13.04.2019 / Lesedauer: 4 min

Allen Eltern einen Kindergartenplatz anbieten: Das ist Ziel der Stadt Selm. In diesem Jahr kann sie es nur mit einem Kraftakt erreichen, alle 21 Kinder auf der Warteliste tatsächlich zu versorgen. Im nächsten Jahr soll ein besonderer Neubau öffnen.

Einstimmig. Alle Mitglieder des Stadtrates haben am Donnerstagabend die Hand gehoben, als es darum ging, die Lücken im Angebot möglichst umgehend zu stopfen - mit einem Container.

Container bietet Platz für 25 Konfetti-Kinder

25 Mädchen und Jungen ab drei Jahre werden ab August 2019 am Bockmühlenweg in den provisorischen, zusätzlichen Gruppenraum der Kita Konfetti der Arbeiterwohlfahrt ziehen. Nach gut einem Jahr soll der Container wieder verschwunden sein, obwohl die Zahl der Kita-Kinder nach Schätzungen des Jugendamtes nicht sinken wird. Die Lösung: ein dauerhafter Anbau an der Kita. Woanders wird größer gebaut.

Der Straßenname wird auch 2020 Berechtigung behalten: „Pädagogenweg“ steht auf dem Schild. Zurzeit weist es noch auf den mächtigen hellen Putzbau der Pestalozzischule: der ehemaligen Förderschule. Bald auf die neue Vier-Gruppen-Kita an der gleichen Stelle. Dass der Neubau dort in Rekordzeit entstehen soll, haben Rat und Verwaltung bereits beschlossen. Wie er aussehen wird, hat der Investor jetzt erstmals öffentlich gemacht.

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Alexander Benthaus zog im Bürgerhaus alle Blicke auf sich - oder vielmehr auf seinen Entwurf für den eingeschossigen Neubau: Gruppenräume in Richtung Wald für die Kinder über drei Jahre (Ü3) und unter drei Jahre (U3), Gymnastikraum und Küche an den Seiten, Betreuerräume und Technikraum zu Straße hin.

Stadt verkauft Kita-Grundstück für nur einen Euro - ein Schnäppchen ist das trotzdem nicht

So soll die neue Kita aussehen. Alexander Benthaus hat den Entwurf am 11. April dem Rat präsentiert. © Architekturbüro Benthaus

In der Mitte des so entstehenden Atriums Platz für Sanitärräume und Familienzentrum - und für tobende Kinder. „Das finde ich ganz wichtig“, sagt Architekt Benthaus, der mit seinem Vater nicht nur das gleichnamige Brambauer Architekturbüro führt, sondern auch die Benthaus GmbH, einen Bauträger.

Benthaus GmbH kauft Grundstück von der Stadt

Die GmbH ist es auch, die als Geschäftspartner der Stadt Selm auftritt. Sie kauft von der Stadt das Baugrundstück, ohne dafür aber tief in die Tasche greifen zu müssen. Für etwas anderes schon.

Seit Donnerstagabend ist es beschlossene Sache: Das Familienunternehmen Benthaus verpflichtet sich, die Pestalozzischule und die Sporthalle daneben auf eigene Kosten abzubrechen. Und die Abbruchmaterialien zu entsorgen. „Die Stadt Selm wird von jeglicher Kostenbeteiligung freigestellt“, wie es in der Sitzungsvorlage heißt. Auch die sogenannte Baureifmachung der knapp 7000 Quadratmeter Baugrund - Platz nicht nur für die Kita, sondern auch für drei Mehrfamilienhäuser - ist allein Sache von Benthaus. Dieser Teil der Abmachung könnte es in sich haben.

Abbruch, Entsorgung und Bodenaustausch kosten 1,3 Millionen Euro

Die Bergbauvergangenheit Selms lässt grüßen: Das Grundstück neben dem Zechenbusch liegt zwar im Grünen, ist aber im Altlastenkataster des Kreises Unna als Altlastenverdachtsflächen eingetragen. Nicht nur das Abbruchmaterial, sondern auch der Boden darunter müssen entsorgt werden. Das kann teuer werden. Die Kommunale Bewertungsstelle beim Kreis Unna hat im März die Rechnung aufgemacht. Rund 1,3 Millionen Euro kämen etwa zusammen für die Baureifmachung durch den Abbruch, die Beseitigung von Altlasten und die Bodenwiederauffüllung. Ein Kaufpreis in Höhe von 1,00 Euro sei daher gerechtfertigt, so die Bewertungsstelle.

Stellt man die voraussichtlichen Kosten für die Baureifmachung der vermarktbaren Fläche mit der Größe von 6.677 Quadratmetern gegenüber, errechnet sich ein fiktiver Kaufpreis von 194,69 Euro pro Quadratmeter. Zum Vergleich: Der Bodenrichtwert, den der Obere Gutachterausschuss für Grundstückswerte NRW zum Stichtag 1. Januar 2019 für die westlich angrenzenden Flächen bei ein- bis zweigeschossiger Bebauung ermittelt hat, beträgt 160 Euro pro Quadratmeter für baureifes Land.

UWG hat Vorbehalte gegen Investorenmodell

Über Altlasten und Kosten fiel in der öffentlichen Ratssitzung kein Wort. Die Baupläne stießen auf zustimmendes Schweigen. Bei der Abstimmung über die „Baureifmachung der künftigen Vertragsflächen am Pädagogenweg zum Bau einer Tagesstätte für Kinder und zur Wohnbebauung“ gab es trotzdem Gegenstimmen, aus den Reihen der UWG. „Das hat überhaupt nichts mit dem Entwurf zu tun“, betonte Dr. Hubert Seier. Er und einige seiner Fraktionskollegen seien allerdings aus grundsätzlichen Erwägungen dagegen. „Eine Kita gehört in die Hand der Stadt“, so Seier, „und nicht in die eines Investors“.

Die Stadt hofft, dass Benthaus die neue Kita in Trägerschaft des DRK möglichst bis Mitte 2020 fertigstellen wird. Festgeschrieben ist ein anderes Datum: Bis Ende dieses Jahres muss das Grundstück baureif sein.

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