Da fehlt doch was! Ein Blick von oben auf Selm: Die Münsterlandstraße führt von Norden nach Süden durch die Stadt. Doch links ist alles frei. Kein Wunder: Das Bild entstand in den 1980er-Jahren. Das mehr als 35 Jahre alte Jugendhaus Sunshine, das gerade erst von Grund auf saniert wurde, ist ist damals erst im Bau. © Regionalverband Ruhr
Aktive Mitte in Selm

Stadion wird Campus und Äcker werden Auenpark: Luftbilder aus 90 Jahren

Selm hat sich immer verändert, selten aber so rasant wie in den vergangenen Jahren. Das ist nicht nur ein Bauchgefühl. Luftbilder aus den letzten fast 90 Jahren belegen das eindrucksvoll.

Selms „Aktive Mitte“ war vor drei Generationen noch Randlage. Das war auch noch zu Beginn des 21. Jahrhunderts so. Der Campus zu beiden Seiten des Sandforter Weges und der sich nördlich anschließende Auernpark sind brandneu. Spuren der Veränderung gibt es in den vergangenen rund 90 Jahren dennoch reichlich rund um die Kreuzung Münsterlandstraße/Ludgeristraße/Kreisstraße/ Sandforter Weg, die ursprünglich gar nicht so existierte. Die Luftbilder aus dem Archiv des Regionalverbandes Ruhrgebietes zeigen das eindrucksvoll: eine Zeitreise mit sieben Stationen.

Erster Halt 1926: Schwarzsehen auf den Tiefpunkt der Stadt

Aus diesem Jahr stammen die ersten Aufnahmen, die das Archiv des Essener Verbandes, ein Zusammenschluss der elf kreisfreien Städte und vier Kreise des Ruhrgebiets, präsentiert. Wer sich in diesem Zeitfenster auf die Suche macht nach dem Stück Selm zwischen der Bahnlinie Dortmund-Enschede und der Bundesstraße zwischen dem hessischen Münchhausen und dem münsterländischen Olfen, sieht schwarz. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Das Archiv hält – anders als für andere Städte – keine Aufnahmen bereit – und erspart den Selmerinnen und Selmern damit einen Blick in tiefe Depression. 1926 erlebte Selm einen Tiefpunkt der Stadtgeschichte. Die Zeche Hermann – wegen der schlechten Arbeitsbedingungen unter Tage auch Zeche Elend genannt – schloss. 3300 Männer wurden über Nacht arbeitslos – 90 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung.

Zeitreise in die 1930er-Jahre. Dieses Luftbild ist rund 85 Jahre alt. Es wurde zwischen 1934 und 1939 aufgenommen. Die Münsterlandstraße war noch nicht gebaut. Die Bahnlinie (links im Fotoausschnitt) liefert Orientierung genauso wie das Stadion. © Regionalverband Ruhr © Regionalverband Ruhr

Zweiter Halt 1930er-Jahre: Stadion, Äcker und ein Riss

Der Fußballplatz oberhalb der Overbergschule ist ein Ankerpunkt auf der etwas verschwommenen Aufnahme. Wer sich dagegen an dem Lauf der Münsterlandstraße, also der B236, orientieren will, ist verloren. Denn die gibt es noch gar nicht. Kleinparzellige Äcker reihen sich aneinander, wo später Autos rollen werden. Und wo damals bereits der Ball rollte, haben kurz vorher auch noch Kühe gegrast.

Das alte Stadion, auf dem sich heute der Campus und die mehr als 100 Wohnungen in Mehrfamilienhäusern befinden, war damals noch ein ganz neues Stadion: Erst 1934 bekam der fünf Jahre zuvor gegründete Ballverein Selm 1919 dort seine sportliche Heimat. Vorher hatte er mehrfach umziehen müssen: von der sogenannten Hermannwiese, von wo der Ball regelmäßig in den Selmer Bach fiel, auf eine Viehweise gegenüber des Hofes Schulze Weischer und 1920 auf eine Fläche an der Kreisstraße, die die Kicker erst roden mussten: eine Plackerei, die aber nur vier Jahre Spielbetrieb sicherte. Denn dann wurde just an dieser Stelle die Kirche St. Josef gebaut, die Ende 2016 abgerissen wurde. Heute steht neben dem verbliebenen Turm das neue Pfarrzentrum St. Josef.

Auffallend: der Riss, der durch die Stadt geht, die damals noch eine Landgemeinde war. Stadtrechte gab es erst 1977. Zwischen Selm-Beifang und Selm-Dorf, zwischen den Anfang des 20. Jahrhunderts fast über Nacht errichteten Bergbau-Siedlungen und dem über Jahrhunderte nur mäßig gewachsenen münsterländischem Örtchen gibt es keine Berührungspunkte. Ausgerechnet das älteste Anwesen von ganz Selm, der Hof Schulze Weischer, ist eine Art Scharnier zwischen beiden Teilen. Er liegt schräg gegenüber des Stadions – und das bereits seit mehr als 1000 Jahren.

Dieses Luftbild ist die in der RVR-Sammlung die erste Aufnahme von Selm nach dem Krieg. Es entstand vermutlich 1963. Das Foto lässt erahnen, wie damals gearbeitet wurde. Mehrere Aufnahmen galt es, zu einem Gesamtbild zusammenzustellen. © RVR © RVR

Dritter Halt 1960er-Jahre: Neue Straße und Widerstand

Die Münsterlandstraße ist da: die Verlängerung der Kreisstraße in nördliche Richtung bis zum Kreuzungspunkt Olfener Straße. An die neue Verkehrsader schließen sich rechts bereits Wohnbereiche an: das Seiland wird bebaut. Selm Entwickelt sich zur Wohnstadt für viele Menschen, die im Ruhrgebiet arbeiten. 14.245 Menschen zählt die Einwohnerstatistik für das Jahr 1961. 1926, als die Zeche schloss, waren es 11.634. Im Jahr 1909, als die Kohleförderung begann, waren es rund 2000.

Die 1960er-Jahre schickten sich an, Selm-Beifang gründlich zu verändern – vermutlich gründlicher als es 50 Jahre später passieren sollte. Das Unternehmen Gebrüder Stumm GmbH – bis zur Gründung der Ruhrkohle AG war der Montankonzern unter anderem Eigentümer der Zeche Minister Achenbach in Lünen, auf der viele Selmer arbeiteten – privatisierte die Hermannsiedlung, die sogenannte Alte Kolonie rund um die Burg Botzlar. Bei der Gelegenheit sollten zahlreiche Gebäude Platz machen für Neues. Der Protest der Anwohnerschaft verhinderte den flächendeckenden Abriss.

De Fußball rollt zu dieser Zeit nach wie vor im Stadion – und das mit großem Erfolg. Der BV Selm mausert sich für einige Jahre zu einer Spitzenmannschaft der Verbandsliga, der höchsten westfälischen Amateurliga.

Dieses Luftbild der RVR-Sammlung entstand zwischen 1963 und 1980 Neben dem Stadion und jenseits des Sandforter Weges gibt es inzwischen Veränderungen. Die Overbergschule unterhalb des Stadions hat Gesellschaft bekommen. Und zum Sporttreiben gibt es jetzt auch mehr Fläche. © RVR © RVR

Vierter Halt: In den 1970er-Jahren wird Beifang immer sportlicher

Das letzte Luftbild in Schwarz-Weiß aus dem Archiv des Regionalverbandes Ruhr wurde zwischen 1968 und 1980 aufgenommen: einer Zeit, als noch niemand von der Aktiven Mitte sprach, aber von der Schulsportaußenanlage. Jenseits des Sandforter Weges hat sich einiges getan.

Zwar ist der BV Selm, der 2010 mit Grün-Weiß zur SG Selm fusionieren wird, sportlich auf Talfahrt, dafür macht sich der Breitensport breit – nicht nur mit Fußball. Das Hallenbad öffnet, und die 1974 gegründete Tennisgemeinschaft erhält ihre ersten zwei Plätze. Auch der 1971 gegründete Korfballverein trainiert auf dem Gelände – allerdings erst nach Schulschluss. Denn dass Mädchen und Jungen, Frauen und Männer, gemeinsam in einer Mannschaft spielen, wie es beim Korfball üblich, ist im Schulsport zunächst noch nicht erlaubt.

Zwischen 1998 und 2003 entstand diese Aufnahme. Rechts und links der Werner Straße, die unterhalb des Stadions nach rechts führt, sind Neubauten entstanden. © Regionalverband Ruhr © Regionalverband Ruhr

Fünfter Halt: Zur Jahrtausendwende wird gebaut

1989 hat das Stadion einen neuen Nachbarn bekommen, die später zusammen mit der 75 Jahre älteren Overbergschule den neuen Namen des Geländes – Campus – prägen wird: das städtische Gymnasium. Zur Jahrtausendwende hat es sich bereits etabliert. Ein Grund mehr für Familien, nach Selm zu ziehen. Bis 2005 steigt die Bevölkerungszahl kontinuierlich auf zuletzt 27.472 Menschen. Zum Vergleich: Zum Stichtag 31. Dezember 2020 sind es laut IT.NRW 25.888. Um allen Platz zu bieten, wird vor und nach der Jahrtausendwende kräftig gebaut – auch zu beiden Seiten der Neuen Werner Straße. Innerstädtische Äcker werden zu Wohngebieten.

Die letzte Aufnahme aus dem Luftbildarchiv des Regionalverbandes Ruhrgebiet (RVR), die noch das Stadion zeigt. Sie entstand zwischen 1999 und 2009. © RVR © RVR

Sechster Halt: Als die Idee zur Aktiven Mitte entsteht

Noch ist aus der Luft nichts zu sehen von den bahnbrechenden Veränderungen. In den Köpfen und auf den Projektentwürfen zeichnet sich die Aktive Mitte aber bereits ab. Die Grundidee entstand um 2010 am sogenannten Langen Tisch, den Bürgermeister Mario Löhr ins Leben gerufen hatte: ein Forum für Unternehmer, Vereine, Ratsmitglieder und andere Akteure, die ehrenamtlich an Selms Entwicklung tüfteln. Die Ideen mündeten in einen Entwurf, der 2012 offiziell Projekt des Strukturförderprogramms Regionale 2016 wurde.

Die aktuellste Aufnahme stammt aus dem Jahr 2019. © Regionalverband Ruhr © Regionalverband Ruhr

Siebter Halt: Die größte Baustelle der Stadt ist in Betrieb

Das Stadion ist Geschichte. 2014 wurde die Sparkassen-Arena auf der anderen Seite des Sandforter Weges – ein Kunstrasenplatz – eröffnet. 2017 rollten die Bagger an, um mit dem Bau des Campus-Platzes zu beginnen. Das aktuellste Foto aus dem Archiv des Regionalverbandes führt ins Jahr 2018. Der neue Campus-Platz hat sich bereits als Feiermeile beim Stadtfest bewährt. Die Zweifachhalle neben der alten Dreifach-Sporthalle ist im Bau, genauso wie die Wohnhäuser auf der anderen Seite des Platzes. Und der sonst gerade Lauf des Selmer Bachs schlängelt sich durch eine neue Parklandschaft.

Der Regionalverband Ruhr sammelt seit über 100 Jahren Luftbilder vom Ruhrgebiet und damit auch von der Stadt Selm. Jetzt gibt es ein Tool, in dem diese Luftbilder frei zugänglich sind. Jeder kann nachsehen, wie sich sein eigenes Zuhause in den vergangenen 90 Jahren verändert hat. Hier können Sie es direkt ausprobieren. Dafür ist lediglich die gewünschte Adresse einzugeben und der Zeitraum zu wählen.

Über die Autorin
Leiterin des Medienhauses Lünen
Leiterin des Medienhauses Lünen Wer die Welt begreifen will, muss vor der Haustür anfangen. Darum liebe ich Lokaljournalismus. Ich freue mich jeden Tag über neue Geschichten, neue Begegnungen, neue Debatten – und neue Aha-Effekte für Sie und für mich. Und ich freue mich über Themenvorschläge für Lünen, Selm, Olfen und Nordkirchen.
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Sylvia vom Hofe

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