So läuft das Projekt „Chancen auf dem Arbeitsmarkt“ in Selm

Programm für Arbeitssuchende

Die Tür zum Arbeitsmarkt war für Madeleine Bauch (34) und Sabrina Matzke (35) Jahre lang fest verschlossen. Seit Mai arbeiten sie im Selmer Bürgerhaus und sorgen für Orientierung: ein Geben und Nehmen.

Selm

, 30.01.2018, 12:33 Uhr / Lesedauer: 3 min
So läuft das Projekt „Chancen auf dem Arbeitsmarkt“ in Selm

Sprachkurs? Die Frau, die gerade das Bürgerhaus am Willy-Brandt-Platz betreten hat, sagt nur das eine Wort. Dann blickt sie sich im Foyer ratlos um. Selbst, wenn ihr jemand auf ihre Frage antwortete, würde sie das kaum verstehen. Scheu mustert sie den Unterrichtsplan. In der dritten Zeile steht „Deutsch als Zweitsprache“ und daneben „Alphabetisierung“. Wohin die Besucherin muss in dem großen Gebäude, bliebe ihr ein Rätsel – wenn es nicht Madeleine Bauch und Sabrina Matzke gebe.

In wenigen Minuten wird die Frau auf der richtigen Etage im korrekten Kursraum stehen – persönlich begleitet und freundlich verabschiedet. Solche Szenen wie diese sind seit rund neun Monaten regelmäßig im Bürgerhaus zu beobachten. „Die neuen Mitarbeiterinnen sind einfach eine riesige Hilfe“, sagt Michael Reckers, der Leiter der Volkshochschule, die zusammen mit der Musikschule in dem roten Klinkerbau zwischen Burg Botzlar und Marktplatz untergebracht ist. „Die beiden sind inzwischen so etwas wie das Gesicht unseres Bürgerhauses.“

Vier Jahre Hartz IV

Klar, er und seine Kollegen seien Gästen ebenfalls behilflich, den Weg zu finden oder den richtigen Ansprechpartner, sagt der VHS-Leiter. Aber sie seien nun einmal immer nur kurz auf den Fluren unterwegs. Madeleine Bauch (34) und Sabrina Matzke (35) haben zwar auch noch andere Aufgaben: etwa Unterrichtsmaterialien kopieren und laminieren, Kursräume vorbereiten, das Dozentencafé selbstständig organisieren. „Ansprechpartner zu sein für unsere Besucher, ist aber ein ganz zentrales Element“, ergänzt Petra Bröscher. Sie betreut für die VHS das Projekt, das offiziell „Chancen eröffnen – Soziale Teilhabe am Arbeitsmarkt“ heißt. Langzeitarbeitslose Menschen, die mindestens seit vier Jahren Hartz IV beziehen und mindestens ein minderjähriges Kind haben oder gesundheitliche Einschränkungen haben sind die Zielgruppe.

Teilhabe am Arbeitsmarkt? Eine 30-Stunden-Woche zum gesetzlichen Mindestlohn? Madeleine Bauch schüttelt den Kopf. In den vergangenen Jahren sei bei ihr davon nicht die Rede gewesen. Mehr als ein paar Minijobs gab es nicht. Dabei hat sie eine Berufsausbildung: Bürokauffrau. „Dann wurde ich Mutter.“ Drei Kinder hat sie: zwölf, zehn und sieben Jahre alt. Den Wunsch, zurückzukehren in den Beruf, gab es zwar schon länger, „aber dafür werden Erfahrung erwartet und Softwarekenntnisse“ – Fehlanzeige. Als das Jobcenter anrief und von der Stelle im Bürgerhaus sprach, habe sie gedacht: „Das wird bestimmt wieder nichts.“ Als es anders kam, „war ich erst einmal richtig baff“.

„Feuer und Flamme“

Sabrina Matzke war „sofort Feuer und Flamme“, als sie das gleiche, bis Ende 2018 befristete Angebot bekam. Danach sei sie ganz still geworden. „Mit wurde plötzlich klar, was sich jetzt alles ändern müsste“, sagt die alleinerziehende Mutter von zwei Kindern im Alter von elf und zehn Jahren. Betreuungsplatz in der offenen Ganztagsschule (OGS) suchen, mit den Kindern üben, wie es ist, stundenweise alleine zu sein, vorkochen und Haushaltsarbeiten verschieben: „Ich musste den ganzen Alltag umkrempeln“ – mit Erfolg. „Meine Kinder sind viel selbstständiger geworden.“ Und sie selbst selbstbewusster.

„Ich war sofort Feuer und Flamme“, sagt Sabrina Matzke.

„Ich war sofort Feuer und Flamme“, sagt Sabrina Matzke.

Bauch und Matzke gehören zu 700 Menschen im Kreis Unna, die derzeit an dem bundesweiten Programm teilnehmen, wie Katja Mintel vom Jobcenter Unna sagt: Männer und Frauen, die mindestens seit vier Jahren Hartz-IV beziehen, minderjährige Kinder haben oder krank sind. „Selm hat allein 58 solche Stellen.“ Zum Vergleich: In Werne sind es 20. Die Einsatzfelder sind vielfältig: vor allem in der Stadtbildpflege, aber auch in Radstationen, Sozialkaufhäusern, Flüchtlingseinrichtungen und Kitas. Von Bürgerhaus-Betreuern hat Mintel noch nichts gehört. „Aber warum nicht?“ Wichtig sei allein, dass es sich immer um zusätzliche Helfertätigkeiten handelt, die im öffentlichen Interesse liegen und wettbewerbsneutral sind. Städte bräuchten erst gar nicht auf die Idee zu kommen, echte Arbeitsverhältnisse ersetzen zu wollen durch Programmteilnehmer, für die das Jobcenter zahlt.

Die beiden Bürgerhaus-Mitarbeiterinnen hoffen, bald ganz unabhängig zu sein von Jobcenter und Agentur für Arbeit und stattdessen eine Arbeitsstelle auf dem sogenannten ersten Arbeitsmarkt zu finden – das, was vor einem Jahr noch undenkbar schien. Bauch träumt von einer Rückkehr ins Büro, Matzke kann sich auch eine Service-Tätigkeit wie jetzt gut vorstellen.

378 arbeitslose Frauen

„Ich kann die beiden nur empfehlen“, sagt Petra Bröscher. Sie ist nicht nur ihre Ansprechpartnerin bei der täglichen Arbeit, sondern auch Coach. „Wir schauen, welche Kurse in unserem VHS-Angebot zur beruflichen Bildung helfen:“ Word und Excel etwa, aber auch Rhetorik und Selbstbehauptung. Und ein Tipp, den Bröscher allen gibt, insbesondere den 378 arbeitssuchenden Frauen unter den 857 Selmer Arbeitslosen. „Nicht aufgeben und sich nie als zu aufdringlich empfinden, wenn man nach neuer Unterstützung sucht“ – damit sich neue Türen öffnen.

Wer sich dann um die Gäste im Bürgerhaus kümmert? Petra Bröscher zuckt mit den Schultern. „Ich kann nur sagen, dass hier etwas schrecklich fehlen würde.“

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