So geht es den Wochenmärkten in der Region

Umfrage und Zahlen

Für den Sonntagsbraten, da ging Oma immer auf den Markt. Denn dort, da war sie sich sicher, gab es gutes Fleisch. Und das Obst und Gemüse war immer frisch, die Brötchen lecker. Den Sonntagsbraten gibt es heute längst nicht mehr in jeder Familie und Brötchen dafür an jeder Tankstelle um die Ecke. Wie wirkt sich das auf die Wochenmärkte aus? Wir haben uns in der Region mal umgesehen.

NRW

, 04.03.2014, 12:17 Uhr / Lesedauer: 4 min
Andreas Langhammer bietet Berliner in Bork an. Für ihn lohnt sich das Geschäft mit den süßen Teilchen.

Andreas Langhammer bietet Berliner in Bork an. Für ihn lohnt sich das Geschäft mit den süßen Teilchen.

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Eindrücke von Wochenmärkten

Die Wochenmarkt-Händler geben sich Mühe mit der Gestaltung ihres Marktplatzes und der Bedienung der Kunden.
25.02.2014
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Ute Babel verkauft immer noch gerne Brötchen und Kuchen auf dem Markt. "Mir gefällt das hier mit den Leuten", sagt sie.© Foto: Jennifer Riediger
Auf dem Marktplatz in Castrop-Rauxel ist drei Mal die Woche Markt.© Foto: Jennifer Riediger
Auf dem Marktplatz in Castrop-Rauxel ist drei Mal die Woche Markt.© Foto: Jennifer Riediger
An seinem Stand verkauft Karl Johann Otto Textilien.© Foto: Jennifer Riediger
Seit 1974 steht er auf dem Markt in Castrop-Rauxel.© Foto: Jennifer Riediger
Auf dem Markt in Bork verkauft Andreas Langhammer frische Berliner.© Foto: Jennifer Riediger
Auch bei Regen kommen einige Borker auf den Wochenmarkt.© Foto: Jennifer Riediger
Der Obst- und Gemüsestand Drewes auf dem Borker Wochenmarkt läuft gut.© Foto: Jennifer Riediger
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Seit 1951 steht sie mit ihrem Mann auf dem Wochenmarkt in Castrop, fährt jeden Donnerstag und Samstag 130 Kilometer aus Versmold dort hin, um selbst gemachten Hackbraten und Mettwurst an die Kunden zu bringen. In den vergangenen Jahren gelingt dem Beschicker-Ehepaar das immer weniger. „Früher, da ging es um halb sieben los, bis eins durch. Wir hatten noch nicht einmal aufgebaut, da standen die Leute in Schlangen hinten an der Tür“, erinnert sich die 70-Jährige. Denn um 6 Uhr war Schichtwechsel im Krankenhaus, da kamen die Schwestern auf dem Weg nach Hause am Markt vorbei, um sich mit Lebensmitteln einzudecken.

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Die Wochenmarkt-Händler geben sich Mühe mit der Gestaltung ihres Marktplatzes und der Bedienung der Kunden.
25.02.2014
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Ute Babel verkauft immer noch gerne Brötchen und Kuchen auf dem Markt. "Mir gefällt das hier mit den Leuten", sagt sie.© Foto: Jennifer Riediger
Auf dem Marktplatz in Castrop-Rauxel ist drei Mal die Woche Markt.© Foto: Jennifer Riediger
Auf dem Marktplatz in Castrop-Rauxel ist drei Mal die Woche Markt.© Foto: Jennifer Riediger
An seinem Stand verkauft Karl Johann Otto Textilien.© Foto: Jennifer Riediger
Seit 1974 steht er auf dem Markt in Castrop-Rauxel.© Foto: Jennifer Riediger
Auf dem Markt in Bork verkauft Andreas Langhammer frische Berliner.© Foto: Jennifer Riediger
Auch bei Regen kommen einige Borker auf den Wochenmarkt.© Foto: Jennifer Riediger
Der Obst- und Gemüsestand Drewes auf dem Borker Wochenmarkt läuft gut.© Foto: Jennifer Riediger
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Schlangen vor ihrer Tür – die gibt es schon seit einigen Jahren nicht mehr. Das Verhalten der Einkäufer, das sei der Hauptgrund, warum so wenig los sei auf dem Markt in der Altstadt, meinen Dieter und Christa Jerzembeck. „Die Leute kaufen doch heutzutage bei Edeka und Aldi ein. Da können sie bis vor die Tür fahren. Das ist bequem. Hier bekommen sie für falsches Parken noch ein Knöllchen“, sagt der 76-jährige Beschicker. „Die jungen Leute sind berufstätig, gehen mittags in der Firma essen und kochen kaum noch“, sagt seine Frau.

Dass sich der Markt „ganz schön verändert“ hat, das hat auch Ute Babel beobachtet. Vor 44 Jahren hat sie angefangen, Brötchen und Kuchen auf dem Markt zu verkaufen. Seit es Brötchen an Tankstellen und in den Supermärkten gebe, sei es schwerer geworden. „Aber ich meine, dass die Brötchen hier anders schmecken. Sie kommen frisch aus dem Ofen“, sagt die 70-Jährige. Auf Qualität setzt auch Karl-Johann Otto. Er verkauft seit mehr als vier Jahrzehnten in Deutschland gefertigte Textilien auf dem Castroper Markt. „Noch leben wir von unseren Stammkunden, aber die Wertigkeit der Ware wird hier in Castrop nicht mehr honoriert“, bilanziert er. Früher, sagt er, habe er seine Ware mit bis zu drei Mitarbeiterinnen auf dem Markt verkauft. „Da musste man um jeden Meter Verkaufsfläche kämpfen.“ Heute bietet der Markplatz reichlich Raum. 10 bis 15 Stände stehen dort bei schlechtem Wetter im schlechtesten Monat – traditionell der Januar – 30 bis 40 bei gutem Wetter im Sommer. Damit der Markt nicht weiter an Zulauf verliert, wünscht sich Karl-Johann Otto generell mehr Unterstützung von der Stadt, als nur den Marktplatz an Markttagen abzusperren. Maresa Hilleringmann, Pressesprecherin der Stadt, weist darauf hin, dass die große Umgestaltung des Marktplatzes ab März 2014 letztlich auch den Marktbeschickern zugutekomme. Auch versuche man einen „engen Draht“ zu den Händlern zu halten und für Ideen, wie man den Markt attraktiver gestalten könne, sei man immer offen.

Möglichkeiten, mehr Kunden auf die Marktplätze zu locken, gebe es viele, sagt Felix Henkel, Geschäftsführer der Vereinigung der Wochenmarkthändler „gemeinsam-handeln“. Man könne Bürgersprechstunden auf dem Marktplatz abhalten, Vereine könnten Aktionen, wie Torwandschießen, anbieten, oder man könne die Sachen aus Fundbüros auf dem Marktplatz versteigern. Auch Märkte unter bestimmten Mottos seien möglich. In Duisburg gebe es beispielsweise einen Sport- und Gesundheitsmarkt. Mit seiner Vereinigung versucht er die Tradition des Marktes wieder ins Bewusstsein der Menschen zu holen, veranstaltet den Wettbewerb „Schönster Wochenmarkt“ und lädt zum Stammtisch, bei dem Beschicker Erfahrungen austauschen können. Auch Sorgen können dort thematisiert werden. Die größte sei bei den Beschickern die Sorge um die Nachfolge. „Das unternehmerische Risiko geht fast keiner mehr ein“, weiß Henkel. Der Händler laufe Gefahr, bei schlechtem Wetter die Ware wieder mit nach Hause zu nehmen. Und das auch mal mehrere Wochen am Stück.

Nicht alle Wochenmärkte haben aber mit Problemen zu kämpfen. Blickt man in die Region und spricht mit den Veranstaltern der Wochenmärkte, so ergibt sich ein geteiltes Bild. Während in Datteln und Selm die Zahl der Beschicker in den vergangenen 20 Jahren um etwa die Hälfte zurückgegangen ist – in Datteln sank sie von 100 auf 50, in Selm von 30 auf 15– ist die Zahl der Händler auf anderen Märkten – wie in Schwerte mit 45 Ständen am Samstag und in Lüdinghausen mit 25 Ständen – konstant geblieben. In der Innenstadt von Unna wächst nach Auskunft der Stadt die Zahl der Stände sogar. Vor 20 Jahren seien 30 bis 40 Händler auf den Unnaer Markt gekommen, mittlerweile habe sich die Zahl der Stände auf rund 50 erhöht. Dazu kämen an jedem Markttag noch acht bis zehn Tageshändler in der Innenstadt.

auf einer größeren Karte anzeigen Und auch neue Märkte entstehen in der Region. Im August 2012 rief Franz-Josef Raubuch den Frischemarkt in Bork – ein Stadtteil von Selm – ins Leben. Seitdem stehen jeden Donnerstag von 15 bis 17 Uhr etwa acht Händler auf dem kleinen Platz, verkaufen Obst und Gemüse aus der Region, Fisch, Honig, Eier und bieten eine große Käseauswahl an. Und, ganz wichtig, Berliner. Sie werden auf dem Markt frisch gebacken und gefüllt. Skeptisch, ob das gut gehen würde, war Franz-Josef Raubuch nie. Aber die anderen. „Die Leute haben ganz schön geguckt. Ein Markt in Bork und dann auch noch nachmittags, wie soll das gehen, haben sie gefragt.“ Der heute 66-Jährige hoffte aber gerade durch diese Uhrzeit nicht nur die Rentner, sondern auch die Eltern von schulpflichtigen Kindern anzulocken, die dann schon von der Arbeit seien. Und seine Idee funktioniert, die Beschicker sind zufrieden. Andreas Langhammer von der gleichnamigen Bäckerei wollte seine Berliner im vergangenen Jahr eigentlich nur von Silvester bis Karneval anbieten – und blieb. „Es lohnt sich für mich, aber es ist auch einfach schön hier, ein Treffpunkt für Borker Bürger.“ Den Franz-Josef Raubuch gerne noch etwas erweitern würde. „Ein Stand mit Geflügel wäre toll und einen mit Gewürzen“, sagt er.

Aber auch auf die Wünsche der Kunden geht er ein. „Die älteren Leute hatten sich einen Stand gewünscht, wo sie mal eine neue Hose oder ein neues Pullöverchen kaufen können“, sagt Raubuch. Er hat einen gefunden. Er kommt aus Lünen und „hat keinen Schund“, sagt Raubuch zufrieden. Das auf die Kunden abgestimmte frische Angebot und die fehlende Konkurrenz – es gibt nur einen Supermarkt in Bork, keinen Metzger – sorgen für die Kundschaft, glaubt Raubuch. Die Kunden bestätigen ihn, kommen auch bei Regenwetter, mit Schirm und Kapuze. „Der Markt ist super, weil hier nur gute Verkäufer sind. Hier hab ich gute frische Waren und man ist schnell zu Hause. Es sei denn man klönt“, sagt ein Stammkunde.

Zahlen und Fakten
In Deutschland gibt es mehr als 3300 Wochenmärkte, etwa 50.000 Markthändler sind dort unterwegs an 15.000 Verkaufsfahrzeugen. 
In NRW gibt es 712 Wochenmärkte.
(Quelle: Fahrzeugwerk Borco-Höhns)

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