Pub-Schließung und Besuchsverbot: Selms Partnerstädte kämpfen gegen Corona

dzCoronavirus in Europa

Die Zahl der Corona-Infektionen steigt in Europa sprunghaft. Die Sorge um eine neue Pandemie-Welle eint Selm und seine drei Partnerstädte. Die Schutzmaßnahmen sind aber unterschiedlich.

Selm

, 09.10.2020, 08:10 Uhr / Lesedauer: 3 min

Wenn sie sich treffen, geht es meist herzlich zu - mit Musik, Tanz, Umarmungen und dem einen oder anderen Trinkspruch. Für die Menschen aus den Partnerschaftsvereinen Selm, Walincourt-Selvigny in Frankreich, Workington in England und Iwkowa in Polen ist Städtepartnerschaft eine Herzensangelegenheit. Daran hat sich wegen Corona nichts geändert - an den Treffen schon. Wie stark sie die Pandemie beeinflusst und wie schlimm es gerade in den einzelnen Städten aussieht, war Thema eines Treffens am Mittwochabend (7.10.) - ohne Nähe und Berührung, sondern mit Videokamera und Kopfhörern. Herzlich war es trotzdem.

Neuer Höchstwert: 75 Tote in 24 Stunden

In Europa breitet sich das Coronavirus in einem hohen Tempo aus. Nicht nur Deutschland hat am Mittwoch, dem Tag des Zoom-Meetings mit den Vertretern der Selmer Partnerstädte, einen neuen Höchstwert an Neuinfektionen seit April verzeichnet. Auch Polen erreichte am Mittwoch einen neuen Rekordwert: 3003 neue Fälle innerhalb von 24 Stunden. Im gleichen Zeitraum starben in Polen 75 Menschen im Zusammenhang mit dem Virus - so viele wie nie zuvor, wie die Nachrichtenagentur dpa berichtet. Höchstwerte auch in Großbritannien - und ein hartes Durchgreifen der Regierung, das unmittelbar vorm Meeting bekannt wurde.

Sperrstunde und Alkoholverbot in Pubs

„Die schottische Regierung hat gerade wegen steigender Corona-Zahlen Alkohol in Pubs, Restaurants und Bars verboten“, sagt Barbara Cannon aus Workington. Außerdem wird es in Schottland eine Sperrstunde für die Gastronomie geben.

Video
Iwkowa, Workington, Walincourt-Selvigny und Selm: Vier Partnerstädte tauschen sich über Corona aus

So weit ist es im englischen Workington, der rund 25.000 Einwohner zählenden Industriestadt an der Westküste von England in Cumbria noch nicht. „Wir rechnen aber damit, dass sich das nächste oder übernächste Woche ändern könnte.“ Es gebe 5 verschiedene Levels: 1 wie normal bis 5 wie Lockdown. Im Sommer habe die Region bei 3 gelegen, seit einem Monat bei 4. Einige Städte wie Manchester und Newcastle hätten schon wieder 5 erreicht und damit einen lokalen Lockdown.

An den Lockdown in Frankreich hat Magda Meli, die Ehefrau des Bürgermeisters von Walincourt, noch schlimme Erinnerungen. 55 Tage lang mussten sie und ihre Landsleute zwischen dem 17. März und dem 11. Mai fast immer im Haus bleiben. Nur das Einkaufen von Lebens- und Arzneimitteln war erlaubt - aber nur einem Familienmitglied und eine Stunde lang. „Ich weiß noch, wie wir immer die Zettel schrieben“, sagt sie.

„Covid 19 mag uns beeinflussen, es kann uns aber nicht stoppen.“
Bogdan Kaminski, Bürgermeister von Iwkowa

Als besonders schlimm empfand Annie Verneuil, die Vorsitzende des Partnerschaftsvereins Walincourt-Selvigny, die Situation für die älteren Menschen. „Wir haben hier normalerweise viele verschiedene Angebote für Seniorinnen und Senioren: Karten spielen, Scrabble, andere Treffen.“ Alles sei ausnahmslos gestrichen. Und in Altenheimen hätten Glasscheiben Familienangehörige getrennt. „Das war Isolation.“

Monika Zientz kann Tochter in Amsterdam nicht besuchen

David Jones, vom Vorstand der Twinnings in Workington, erinnert sich noch mit Schmerz an die Zeit, als er seine Enkel nicht besuchen durfte - zum eigenen Schutz. „Das war schrecklich“: ein Gefühl, das viele in der Runde kennen.

Monika Zientz aus Selm hat ihre Tochter, die in Amsterdam lebt, seit Januar nicht mehr in die Arme schließen können. Zumindest mehrere Monate waren es, in denen Barbara Cannon in Workington ihre drei Kinder und drei Enkel nicht treffen konnte. Jetzt gerade wieder nicht, weil ihr Sohn in einem Level-5-Gebiet wohnt. Ein Kontaktverbot, das für sie schlimm ist, für ihre alte Mutter aber eine Katastrophe.

In der Phase der amtlich verordneten Einsamkeit haben alle das schätzen gelernt, das auch ihr Städtepartnerschafts-Gespräch an diesem Nachmittag ermöglicht: Video-Konferenzen. Nicht nur in Familien, Freundeskreisen, in Schulen und an Arbeitsplätzen hat der digitale Austausch seinen festen Platz. Das polnische Iwkowa ist noch einen Schritt weitergegangen.

Iwkowa hält Rats- und Ausschusssitzungen online ab

In der keine 7000 Einwohner zählenden Gemeinde gehören Video-Konferenzen auch zum kommunalpolitischen Alltag. Während in den anderen Städten politische Sitzungen mit Masken und Abstand stattfinden, setzt Iwkowa auf digitalen Austausch. Diskussionen, Abstimmungen - alles online.

Menschenansammlungen meiden, Masken tragen, private Feiern am besten verschieben: Damit es nicht noch schlimmer kommt mit der aktuellen zweiten Welle, appellieren die Vertreter der vier Partnerstädte, die Auflagen zu befolgen. Sie wünschen sich, dass flächendeckende Lockdowns mit einschneidenden wirtschaftlichen Folgen vermieden werden. Und noch etwas.

Jubiläum 2021 feiern in Selm - persönlich oder digital

„Dass wir uns im Mai 2021 endlich einmal persönlich wiedersehen können“, sagt Monika Zientz. Dann gelte es in Selm zu feiern: das fünfjährige Bestehen der Städtepartnerschaft mit der malerisch gelegenen polnischen Gemeinde Iwkowa, die berühmt ist für ihre Trockenpflaumen, selbstgebackene Brote und eine kleine Holzkirche. Die Vorbereitungen für das Fest laufen bereits. Unter anderem bereitet das Team des Selmer Jugendheims dafür einen Eurovision-Song-Contest vor, an dem junge Leute aus allen vier Partnerstädten teilnehmen können. „Ich kann nur hoffen, dass Corona das zulassen wird“, sagt Monika Zientz. Der Bürgermeister von Iwkowa, Bogdan Kaminski, ist optimistisch - unabhängig von dem Virus.

„Covid 19 mag uns beeinflussen“, sagt Bogdan Kaminski, „es kann uns aber nicht stoppen“. Die europäischen Freundschaften seien so eng, dass er sich kein Szenario ausmalen könne, dass die Zusammenarbeit ernsthaft gefährden könne. „Feiern, tanzen, singen - das werden wir“ - am liebsten gemeinsam, notfalls an getrennten Standorten vor Bildschirmen.

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