Selmer Landwirte ärgern sich über Plakat-Aktion

Umweltministerium in der Kritik

"Steht das Schwein auf einem Bein, ist der Schweinestall zu klein" - mit solchen Sprüchen im Stil traditioneller Bauernregeln will das Bundesumweltministerium auf Missstände in der modernen Landwirtschaft aufmerksam machen. 1,5 Millionen Euro kostet die Aktion. Das ärgert mehrere Landwirte der Region maßlos.

SELM

, 09.02.2017, 06:23 Uhr / Lesedauer: 2 min
Selmer Landwirte ärgern sich über Plakat-Aktion

Elf "Neue Bauernregeln" hat das Bundesumweltministeriums ausarbeiten lassen. Mit ihnen soll in 70 deutschen Städten plakatiert werden.

Als humorlos gelten Friedhelm May und Hugo Brentrup nicht. Dennoch können die beiden Selmer Landwirte zurzeit überhaupt nicht lachen – zumindest nicht über die Plakatkampagne, die Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) Ende Januar gestartet hat.

Ob „Gibt’s nur eine Pflanzenart, wird’s fürs Rebhuhn richtig hart“, "Haut Ackergift die Pflanzen um, bleiben auch die Vögel stumm" oder „Steht das Schwein auf einem Bein, ist der Schweinestall zu klein“: Mit elf Reimen im Stil traditioneller Bauernregeln will die Ministerin auf Missstände in der modernen Landwirtschaft aufmerksam machen – und weist doch eher auf Missstände in der Politik hin, wie nicht nur May und Brentrup meinen, die beide Mitglied der örtlichen CDU sind. Auch ihr Berufskollege Friedrich Ostendorff aus Bergkamen, der für die Grünen im Bundestag sitzt, ärgert sich.

"Zweckentfremdung von Steuergeldern"

„Das ist eine Zweckentfremdung von Steuergeldern“, sagten alle drei übereinstimmend auf Anfrage am Mittwoch. 1,5 Millionen Euro hatte die Ministerin für die auf Plakatwänden in 70 Städten und im Internet zu sehenden Sprüche in der Optik von Häkeldeckchen ausgegeben. „Das Geld ist weg“, so Ostendorff.

Dennoch rät er Hendricks, die Plakate so schnell wie möglich einzustampfen „und mit der Arbeit zu beginnen“. Da sie auch Bauministerin sei, müsse sie sich nämlich die Frage gefallen lassen, was ihr Beitrag sei, dass moderne Ställe künftig dem Tierwohl mehr entsprechen als heute. Im Münsterland gäbe es zahlreiche Landwirte, die durchaus neuartige Außenklimaställe bauen wollten - also Ställe, die es den Tieren ermöglichen, auch rauszugehen. Anträge ließen sich vor Ort aber nicht umsetzen, weil dafür die baurechtlichen Rahmenbedingungen noch nicht formuliert seien.

Berufsstand an den Pranger gestellt

Nicht nur „lächerlich“ und „anmaßend“ findet Hugo Brentrup die „Bauernregeln“ aus Berlin, sondern auch unsachlich. „Vom Ferkel bis zur Wurst müssen wir alles genau dokumentieren.“ Die Tierhaltung werde peinlich genau vor Ort kontrolliert, „und bei kleinsten Abweichungen gibt es hohe Strafen“. Bei Pflanzenschutzmitteln „unterliegen wir den strengsten Bestimmungen der Welt“.

Dennoch werde der Berufsstand an den Pranger gestellt. Auch May sieht darin eine Doppelmoral. „Die Leute sagen in Umfragen, dass sie lieber Biofleisch kaufen würden. Tatsächlich greifen sie aber bei den Billigprodukten im Supermarkt zu.“

Starker Gegenwind - Rücktritt gefordert

Mit der Aktion ist die Bundesumweltministerin auch auf politischem Parkett ordentlich ins Fettnäpfchen getappt. Die Bauern und mit ihnen Politiker von CSU und CDU sind auf den Barrikaden. 

Nach Bundesagrarminister Christian Schmidt (CSU) rief am Mittwoch auch CSU-Chef Horst Seehofer die Ministerin dazu auf, sich bei den Bauern zu entschuldigen. Die Sprüche seien nicht nur eine „Verunglimpfung, sondern eine Beleidigung“, sagte Seehofer auf dem Rossmarkt im oberpfälzischen Berching. Der baden-württembergische Landwirtschaftsminister Peter Hauk (CDU) forderte die SPD-Ministerin unverhohlen zum Rücktritt auf: „Mein Tipp an Frau Hendricks lautet: Plakate abreißen, einstampfen und dann zurücktreten.“

Ein Sprecher von Hendricks wies dies zunächst zurück: „Das ist eine alberne Forderung, dazu gibt es keinen Anlass.“ Am Donnerstag ruderte Hendricks dann allerdings ein wenig zurück. Ein Sprecher ihres Ministeriums ließ ausrichten: mit den "spielerisch-humorvollen 'Bauernregeln'" sei es gelungen, die Aufmerksamkeit eines großen Teils der Öffentlichkeit für das Thema zu gewinnen. Jetzt komme das Ministerium aber zu seinem "Kernanliegen": einen breiten Dialog darüber zu führen, wie Landwirtschaft und Naturschutz miteinander versöhnt werden könnten. Dafür solle nun eine neue Homepage online gehen. 

Die Kampagne im Internet
Zur Homepage der Bauernregel-Kampagne und den einzelnen Sprüchen geht es .

Mit Material von dpa

Lesen Sie jetzt