Selmer Gastro-Großhändler kennt vor Gericht seinen Lebenslauf nicht mehr

dzBetrugsprozess in Dortmund

In Dortmund wird der Betrugsprozess gegen einen Selmer Gastro-Großhändler fortgesetzt. Und gleich zu Beginn bekommt der Angeklagte einen freundlichen Rüffel von der Richterbank.

Selm

, 03.06.2020, 19:20 Uhr / Lesedauer: 2 min

Ein heute 41-jähriger Gastro-Großhändler aus Selm soll im Jahr 2015 Lebensmittelbestellungen für über 600.000 Euro aufgegeben, die Lieferungen anschließend aber nie bezahlt haben.

Lockere Atmosphäre im Saal

In dem Betrugsprozess vor dem Dortmunder Landgericht herrschte schon am ersten Verhandlungstag eine lockere Atmosphäre, als der Vorsitzende Richter Thomas Beumer den Staatsanwalt beim Verlesen der Anklage bat, die vielen Fleischbegriffe in den einzelnen Bestellungen nicht mehr zu verlesen. Schließlich sitze in der Kammer eine bekennende Veganerin.

In ähnlich gelöster Stimmung wurde am Mittwoch die Verhandlung gegen den 41-Jährigen fortgesetzt. Bevor sich der Mann demnächst zu den Vorwürfen der Staatsanwaltschaft äußert, wollten die Richter ihn besser kennenlernen. Deshalb war die Erörterung seines bisherigen Lebensweges angesetzt.

Lebenslauf erörtert

Schon im Vorfeld des Verhandlungstages hatte sich jedoch gezeigt, dass der Selmer mit Zahlen und vor allem Daten offenbar ziemlich auf Kriegsfuß steht. Aus den Akten lässt sich der Lebenslauf jedenfalls nicht mehr komplett rekonstruieren, denn die bisherigen Angaben des Unternehmers stimmen an vielen Stellen nicht mit der Wirklichkeit überein.

Aus diesem Grund hatte Richter Beumer dem Angeklagten über seinen Verteidiger mitteilen lassen, dass er für den Fortsetzungstag am Mittwoch alle Daten noch einmal überprüfen und sein Gedächtnis anstrengen möge. Vor allem ein Termin war den Richtern wichtig: In welchem Jahr hatte der Unternehmer nachträglich seine Abiturprüfung abgelegt?

Richter im Stil eines Lehrers

Ganz im Stil eines Lehrers fragte Richter Beumer dann auch gleich, nachdem die Sitzung offiziell eröffnet worden war: „Haben Sie Ihre Hausaufgaben gemacht?“ Und ebenso im Stil eines ertappten Schülers musste der 41-Jährige kleinlaut einräumen: „Nein. Das habe ich vergessen.“ Das anschließende Lachen nahm aber sofort jeden Druck aus der Situation.

Den verspürt der Selmer allerdings dennoch. Denn nach einem informellen Gespräch zwischen Richtern, Staatsanwaltschaft und Verteidigung kann er jetzt ziemlich genau erahnen, was am Ende auf ihn zukommt. „Nach derzeitiger Aktenlage spricht vieles für eine Verurteilung wegen Betruges“, sagte der Vorsitzende Richter am Mittwoch. Daher rate er dem 41-Jährigen dringend dazu: „Wenn an den Vorwürfen etwas dran ist, sollte man über ein Geständnis nachdenken.“

Haft wohl auch bei Geständnis

Doch selbst im Fall eines solchen umfassenden Geständnisses muss der Angeklagte mit einer Haftstrafe rechnen. Vier bis fünf Jahre halten die Richter aktuell für realistisch.

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