Overbergschülerin Pia macht den Corona-Lolliselbsttest. Sie könnte sich das Ergebnis von der Schule bescheinigen lassen, falls ihre Eltern das wünschen. © Overbergschule
Testbescheinigungen

Schulen in Selm sind jetzt quasi auch Testzentren

Lollitests und Schnelltests haben die Schulen ja schon als Aufgabe ministeriell auferlegt bekommen. Jetzt kommt in diesem Zusammenhang eine weitere Aufgabe dazu. Was hat das mit Goethe zu tun?

Die Coronabetreuungsverordnung (CoronaBetrVO) des Ministeriums für Arbeit, Gesundheit und Soziales vom 21. Mai 2021 bildet die Grundlage für die Wiederaufnahme des Schul-Präsenzunterrichtes in den Kreisen und kreisfreien Städten mit Inzidenzen von stabil unter 100 ab dem 31. Mai 2021. Und so kamen sie denn auch wieder in Scharen in die Schulen auch in Selm. Die Schüler werden auf Corona getestet. In Grundschulen per Pooltests, auch Lollitests genannt. In weiterführenden Schulen mit Schnelltests.

Nun wollen diese Schüler, und auch Lehrkräfte und weiteres schulisches Personal, das sich zu testen hat, ja nach Schulschluss Angebote wahrnehmen, bei denen der Nachweis eines negativen Corona-Tests notwendig ist. Also müssen sie in ein Schnelltestzentrum gehen. Oder, sie fragen bei ihrer Schule nach, ob die nicht eine Testbescheinigung ausstellen kann. Kann? Muss, wenn es Schüler und Lehrkräfte wollen.

Testbescheinigung ist auf Wunsch auszustellen

In einer weiteren Schulmail sind die Schulen nämlich zusätzlich zu den Informationen zum Präsenzunterricht mit folgendem Passus mit einer weiteren Pflichtaufgabe konfrontiert worden: „Darüber hinaus wird ab dem 31. Mai 2021 bei den Schultestungen (Schultestungen als Selbsttests oder ersatzweise PCR-Pooltests für Schülerinnen und Schüler) jeder getesteten Person auf Wunsch für jede Testung, an der sie unter Aufsicht teilgenommen hat, von der Schule ein Testnachweis ausgestellt (§ 1 Absatz 2b Satz 4 CoronaBetrVO und § 4a CoronaTestQuarantäneVO). Der Personenkreis umfasst die Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer sowie das sonstige an der Schule tätige Personal.“

Wie kommt diese Anordnung bei denen an, die in den Schulen für die ordnungsgemäße Durchführung zu sorgen haben, nämlich bei den Schulleitungen? Wir haben stichpunktartig nachgefragt.

„Das wird uns nun auch noch aufgebürdet, das muss ich deutlich sagen. Und das müssen wir wieder alles organisieren, auch ganz kurzfristig.“ Das sagt Anja Knipping, Leiterin der Grundschule Auf den Äckern. Erst am Freitag, 28. Mai, habe die Schule die richtige Bescheinigung erhalten. Jetzt gehe es auch darum, zu prüfen, ob das Kind, für das eine Bescheinigung gewünscht werde, auch tatsächlich zum Zeitpunkt der Lollitests in der Schule gewesen sei.

Eigentlich sollen die Schüler ihre Namen selber auf die vorgedruckte Testbescheinigung schreiben. „Unsere Grundschulkinder können eben nicht selber den Namen eintragen“, erklärt die Schulleiterin. Und wenn man das dann doch mache, dauere es 20 Minuten. Also werde der Name des Kindes vom Schulpersonal eingetragen.

„Es ist eine große Herausforderung“

„Es ist eine große Herausforderung“, bringt Anja Knipping die Aufgabe auf den Punkt. Obwohl: „Jetzt wissen wir natürlich nicht, wie der Run darauf ist.“ Obwohl: „Im Grunde ist das ja eine gute Idee. Aber dass wir das eben noch so oben drauf immer noch so machen müssen. Wir kriegen ja jetzt keine Kraft, die das organisiert und auch macht. Sondern wir müssen Leute hier in der Schule finden, die das zusätzlich machen.“

Wie ist das eigentlich bei den Pooltests, also den gesammelten Tests? Wann ist das Ergebnis da? „Wir können die Bescheinigung erst maximal am nächsten Tag ausfüllen“, führt die Schulleiterin aus. Denn das Laborergebnis erfahre sie am Abend des Testtages. „Wir können eine Bescheinigung für ein Kind nur dann ausfüllen, wenn alle Kinder der betreffenden Gruppe negativ getestet worden sind.“ Sollte nur ein positiver Fall innerhalb der Gruppe sein, müsse die ganze Gruppe oder Klasse nachgetestet werden.

So sieht die Testbescheinigung für die Grundschüler aus.
So sieht die Testbescheinigung für die Grundschüler aus. © Screenshot Arndt Brede © Screenshot Arndt Brede

Gab es denn schon Nachfragen von Eltern nach Testbescheinigungen für ihre Kinder? „Die gab es schon, bevor wir die Bescheinigungen hatten. Das stand nämlich in der Coronabetreuungsverordnung.“

Anfragen hat Christine Jücker, Leiterin der Overbergschule, auch bekommen. „Von Eltern eines Kindes, das zum Ballettunterricht sollte und dort einen negativen Test vorweisen muss.“ Und von einer Lehrkraft, die essen gehen möchte und ebenfalls ein negatives Testergebnis dabei haben muss, sei sie auch um eine Testbescheinigung gebeten worden. Das Problem: Die Lehrkräfte und das schulische Personal werden nicht in der Schule getestet: „Die haben Schnelltest-Kits mit nach Hause bekommen“, sagt die Schulleiterin. „Also musste sich die Lehrkraft in der Schule testen. Denn ich kann ja nur das bescheinigen, was ich sehe.“

Hoffnung, dass sich die Nachfrage in Grenzen hält

Christine Jücker und ihr Team nehmen die ministerielle Anordnung professionell: „Das ist eine Ansage von oben und wir machen das. Die Eltern wissen, was in der Schule los ist. Sie werden der ganzen Sache mit Augenmaß begegnen.“ Sie hoffe, dass die Nachfragen nach Testbescheinigungen sich in Grenzen halten.

„Es sind alles nicht unsere Aufgaben, aber wir machen es“, gibt Christine Jücker die Devise für die Overbergschule aus. In der Schule gebe es jedenfalls Formulare für die Bescheinigungen.

Auch die weiterführenden Schulen sind jetzt verpflichtet, Testbescheinigungen auszustellen, wenn das gewünscht wird. Und so ist auch Ulrich Walter, Leiter des Städtischen Gymnasiums Selm, jetzt Leiter eines Testzentrums. Quasi. „Bisher habe ich noch keine Zahlen darüber, wie viele Bescheinigungen ausgestellt werden mussten von den Lehrkräften.“ Diese neue Anforderung sei eine erhebliche Mehrbelastung für das Kollegium.

Verwundert die Augen gerieben

Die entsprechende Schulmail des Schulministeriums sei am Freitag gekommen. „Meine Kollegen haben sich verwundert die Augen gerieben, dass ich sie per Mail noch am Freitag informiert habe, dass sie ab Montag nicht nur die Eigentests zu begleiten, sondern das auch noch bei Bedarf zu dokumentieren haben.“ Nun sei ja vorgegeben, dass die Schüler ihren Namen und das Datum auf der Bescheinigung einzutragen und die Lehrer das dann zu unterschreiben haben. „Bei Klassen der unteren Jahrgänge, die ja teilweise annähernd 30 Schüler stark sind, testen wir in zwei oder drei Phasen. Damit ist schon mal die erste Unterrichtsstunde weg, Wenn jetzt jeder eine Unterschrift braucht, dann geht es in den unteren Klassen sicherlich bis in die zweite Stunde hinein.“

Die Frage nach dem Sinn

Die Frage sei, was man mit den Testbescheinigungen bewirke und wen man entlaste. Wenn es im Rahmen der Amtshilfe geschehe, weil Eltern mit ihren Kindern zu Behördengängen eine negativen Test vorweisen müssen, dann könne er verstehen, dass Schule die Testbescheinigungen ausstelle. „Aber nur, weil man Shoppen oder ins Freibad gehen möchte, kann Schule nicht nach Belieben für alle Schüler und Eltern Dokumente ausstellen.“ Und doch würden das alle Lehrkräfte tun, obwohl man ihnen seit Monaten viel zumute.

Gemischte Gefühle also bei den Schulleitern, die die Redaktion befragt hat. Irgendwie so, wie es Johann Wolfgang von Goethe im Schauspiel „Torquato Tasso“ zwar in einem anderen Zusammenhang, aber zur jetzigen Situation rund um die Testbescheinigungen und die Emotionen der Schulleiter passend, formuliert hat: „So fühlt man Absicht, und man ist verstimmt.“

Über den Autor
Redaktion Selm
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Arndt Brede

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