Viele Tränen sind geflossen, als Großbritannien die EU im Januar verlassen hat. Die Emotion, die der Brexit in Andrew Lawson aus Selms Partnerstadt Workington auslöst, ist vor allem Enttäuschung.

Selm

, 04.02.2020, 16:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Bilder werden in die Geschichte eingehen: Am 30. Januar stehen die britischen Abgeordneten Hand in Hand im Saal des Europaparlaments in Brüssel und singen das schottische Abschiedslied „Auld lang syne“. Großbritannien hat die Europäische Union verlassen. Einige Abgeordnete winken zum Abschied, bei manchen fließen Tränen.

Ganz so emotional wird Andrew J. Lawson nicht, als er ein paar Tage nach diesem historischen Ereignis über den Brexit und sein Gefühle dazu spricht. Der Brite stammt aus der Selmer Partnerstadt Workington, war dort im Alter von 21 Jahren auch schon mal Bürgermeister. Das ist acht Jahre her. Er ist ein „proud Remain voter“, sagt er, also jemand, der bei dem Referendum im Juni 2016, bei der die Bürger Großbritanniens für oder gegen den Austritt aus der Europäischen Union stimmen konnten, dafür war, in der EU zu bleiben.

Fast vier Jahre später, nachdem der Austritt wirklich vollzogen ist, sagt Andrew J. Lawson auf Englisch: „Ich bin enttäuscht, dass wir eine Gemeinschaft verlassen, die so viel getan hat, um den Frieden in dieser Welt zu erhalten und zu schützen.“

Keine EU-Fördergelder für Städtepartnerschafts-Projekte

„However“, so sagt er weiter, habe sein Land nun mal so entschieden. Und als Demokrat akzeptiere er das. „Meine Hoffnung ist, dass wir trotzdem weiter so nah wie möglich mit unseren Partnern und Verbündeten auf dem Kontinent zusammenarbeiten und mit Blick auf die Welt wesentliche Probleme angehen können.“

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Zumindest auf städtepartnerschaftlicher Ebene sehen er und Monika Zientz, die Vorsitzende des sich darum kümmernden Vereins aus Selm, keine Probleme. Die Partnerschaft wird natürlich weiter bestehen, sagt Monika Zientz. Auf lange Sicht werde sich aber zum Beispiel mit Blick auf Fördergelder etwas ändern: Aus EU-Töpfen wird so in Zukunft wohl nichts mehr in Städtepartnerschaftsprojekte fließen, die Deutschland und England miteinander verbinden.

59 Prozent stimmten in Workington für den Austritt

„Seltsam“: Das ist das Wort, das Monika Zientz findet, um ihre Gefühle zum nun vollzogenen Brexit zu beschreiben. Wobei sie auch sagt, dass man sich innerhalb der vergangenen vier Jahre nun auch schon ein Stück weit dran „gewöhnt“ habe.

Wobei: Während ihrer Reisen nach Workington und auch bei den Besuchen der Worktingtoner in Selm sei dieses Thema auch nicht unbedingt immer zur Sprache gekommen. Wenn, dann zumeist im Gespräch mit den deutlichen Brexit-Gegnern - so wie Andrew J. Lawson einer ist.

Die Brexit-Befürworter hielten sich in der Regel eher bedeckt, so die Erfahrung von Monika Zientz. Dabei sind die, die in dem Referendum 2016 für „Leave“ - also fürs Verlassen der EU gestimmt hatten - mit Blick auf die Stadt Workington in der Mehrzahl: 59 Prozent stimmten für den Austritt, 41 Prozent dagegen.

Begriff „the Workington Man“ etablierte sich bei General Election

Bei der Wahl des Unterhauses im Dezember 2019 geriet Selms Partnerstadt besonders in den Fokus: Während des Wahlkampfes hatte eine konservative Denkfabrik den Begriff „the Wortkington-Man“ geprägt. Das sei der archetypische Wechselwähler, der bei der Wahl den Unterschied machen könnte, hieß es vor der „General Election“, die die Premier Boris Johnson schließlich deutlich für sich entschied.

Die Beschreibung von „the Workington Man“ lautet so: Er ist ein weißer Mann und schon etwas älter, kommt aus dem Norden Englands und hat beim Referendum für das Verlassen der EU gestimmt. Eigentlich ist er Labour-Wähler, hat aber ganz grundsätzlich derzeit das Gefühl, dass sich das Land weg von seinen Interessen bewegt. Er verfolgt die Rugby-Liga, hat keinen Hochschul-Abschluss und stammt aus dem Arbeitermilieu.

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Der Wortkingtoner Andrew J. Lawson hält nicht viel von dem Begriff. „Unsere Community“, erklärt er angesprochen auf den „Workington Man“, „ist kein Gimmick und keine politische Phrase, mit der Meinungsforscher in London um sich werfen können. Sie ist eine lebendige, inspirierende und engagierte Gemeinschaft, die einfach nur will, dass die Politik und die Politiker auch unsere Sprache sprechen“, erklärt er.

An der Freundschaft zu Selm soll sich nichts ändern

Dass viele Menschen in seiner Heimat das Gefühl haben, dass Politiker das gerade nicht tun, ist seiner Ansicht nach der Grund dafür, warum es in Workington und allgemein in England so viele Menschen gegeben habe, die dafür gestimmt haben die EU zu verlassen.

Das müsse sich ändern, sagt Andrew J. Lawson. „Aber was sich nicht ändern sollte, das sind die Freundschaften und Allianzen, die wir über Jahrzehnte ausgebaut haben - insbesondere mit unserer Partnerstadt Selm.“

Zu Karneval, so erzählt es Monika Zientz, wird auch wieder eine kleine Gruppe aus Workington in Selm zu Besuch sein. Nachdem im vergangenen Jahr schon die 25-jährige Partnerschaft der beiden Städte gefeiert wurde, jährt sich in diesem Jahr das Bestehenden des Vereins, der sich in Selm darum kümmert, zum 25. Mal.

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