Das alte Postamt in Bork: Das 1910 gebaute Haus steht auf der Schlucht. Seit der Schließung der Post ist es im Privateigentum. 1991 war es Schauplatz eines Verbrechens. © Marie Rademacher
Ungeklärtes Verbrechen

Postraub in Bork: Das Verbrechen ist bis heute nicht aufgeklärt

Die Räuber sind mit ihrer Beute mitten durch Bork gelaufen: da, wo es mehr Polizei gibt als woanders. Geschnappt wurden sie nicht. Das brauchen sie heute auch nicht mehr zu fürchten.

Es ist noch nicht richtig hell, an diesem 29. Januar 1991, als Heinrich Haub gegen 7.55 Uhr die Tür zu seiner Dienststelle aufschließt. Der Bundestag hatte zwei Wochen zuvor in Bonn Helmut Kohl zum vierten Mal zum Bundeskanzler gewählt. Boris Becker ist gerade Weltranglisten-Erster beim Tennis geworden. Und im Irak tobt der Golf-Krieg. Der Tag verspricht, ungewöhnlich mild und sonnig zu werden. Doch an all das ist kein Gedanke mehr zu verschwenden, nachdem der 40-Jährige erst einmal das Postamt betreten hat. Denn innen wird er schon erwartet.

Dieser Zeitungsausschnitt zeigt Heinrich Haub, den Leiter der Post In Bork, einen Tag nach dem Überfall, als er schon wieder im Dienst war. © Repro vom Hofe © Repro vom Hofe

Ida Weiß kann sich noch 30 Jahre später genau erinnern. „Damals waren die Fenster noch neu“, sagt die heute 89-Jährige. Drehbare Griffe versprachen mehr Sicherheit. Den offenbar gut vorbereiteten Kriminellen konnten sie aber dennoch nicht standhalten. „Die hatten ein Loch hineingebohrt.“, sagt Ida Weiß. Dadurch habe sich das Fenster öffnen lassen, ohne dass das jemand auf den ersten Blick hätte erkennen können. Im Schutz der Dunkelheit seien die Täter dann auf der Rückseite des Hauses eingestiegen und hätten in den Diensträumen der Post gewartet. Während Ida Weiß und ihre Familie – Ehemann und drei Söhne – eine Etage höher nichts Böses ahnten. Genauso wenig wie Heinrich Haub.

Pistole an die Schläfe gedrückt

„Überfall! Ruhig!“ Mit diesen Worten empfangen zwei maskierte Männer den Dienststellenleiter der Borker Post. Sie sprechen aktzentfreies Deutsch, wie Haub später zu Protokoll geben wird. Über ihre Köpfe hatten sie sich Jutesäcke gezogen. Beide tragen Jeans, der eine einen Wildlederblouson, der andere eine beige Jacke. Die größte Aufmerksamkeit zieht aber das auf sich, was einer von den beiden in der Hand hält und kurz darauf an die Schläfe des Postbeamten drückt: eine Pistole.

Dieses Repro einer Postkarte aus den 1920er-Jahren ist dem Buch
Dieses Repro einer Postkarte aus den 1920er-Jahren ist dem Buch „Handwerk, Handel und Gewerbe in Bork an der Lippe“ von Franz-Josef Schnieder entnommen. © Repro vom Hofe © Repro vom Hofe

„Dir passiert nichts“, sagt einer der Täter. „Wir wollen nur das Geld.“ Im Verteilerraum für Briefe – gleich hinter dem Schalterraum – befindet sich der Tresor. Die Täter zerren Haub dorthin und zwingen ihn, den Geldschrank zu öffnen. Während der eine das Geld – Banknoten in allen Größen – in eine mitgebrachte Leinentasche packt, fesselt der andere den Postobersekretär an Händen und Füßen. Den Mund klebt er ihm mit Klebeband zu. Über den Kopf zieht er ihm einen Sack. Die Tat scheint nach Plan zu laufen, da passiert etwas Unvorhergesehenes.

Täter fliehen durch die Vordertür

Gerade als die beiden Täter durch die Hintertür fliehen wollen, kommt der zweite Postbeamte zum Dienst und schneidet den Tätern, ohne es zu wissen, den Fluchtweg ab. Sie stürzen zurück zu dem Gefesselten und nehmen ihm seine Schlüssel ab, um wenig später das Postamt von vorne zu verlassen: durch den Haupteingang, der auf die Straße Auf der Schlucht führt. Dabei hätten die zwei doch beobachtet werden müssen, sagt die Polizei später. Oder auf ihrem weiteren Weg durch den Ort, an dem von 1951 bis in die 90er-Jahre die Bereitschaftspolizei des Landes konzentriert war und heute die Polizeihochschule (LAFP) ansässig ist. Falsch gedacht. Die Fahndung bleibt ergebnislos. Bis heute.

Es gebe im Computer keinen einzigen Datensatz zu der Sache, sagt Staatsanwalt Henner Kruse. Keine Festnahme. Keine Anklage. Damit brauchen die Täter auch nicht mehr zu rechnen. Raub gehört zu den Delikten, die – wie auch der Totschlag – nach 20 Jahren verjähren. 30 Jahre lang – also bis jetzt – hätte die Post auch noch ihren Herausgabeanspruch an dem erbeuteten Geld geltend machen können. Von den 34.840 Mark Beute wird aber nichts mehr da sein.

Heinrich Haub lebt nicht mehr. Seine detailreiche Schilderung des Überfalls hatte er wenige Stunden nach der Tat einer Ruhr-Nachrichten-Reporterin gegeben. Ida Weiß wohnt seit den 1960er-Jahren in dem Postgebäude. Wegen der Arbeit – auch ihr Mann Heinz Weiß war Postbeamter – war die Familie von Gladbeck nach Bork gezogen. Als sich die Post zurückzog, hat die Familie 1997 das Haus gekauft.

Über die Autorin
Leiterin des Medienhauses Lünen
Leiterin des Medienhauses Lünen Wer die Welt begreifen will, muss vor der Haustür anfangen. Darum liebe ich Lokaljournalismus. Ich freue mich jeden Tag über neue Geschichten, neue Begegnungen, neue Debatten – und neue Aha-Effekte für Sie und für mich. Und ich freue mich über Themenvorschläge für Lünen, Selm, Olfen und Nordkirchen.
Zur Autorenseite
Sylvia vom Hofe

Der neue Lokalsport-Newsletter für Dorsten

Immer freitags um 18:30 Uhr das Wichtigste aus dem Dorstener Lokalsport direkt in Ihr E-Mail-Postfach.

Informationen zur Datenverarbeitung im Rahmen des Newsletters finden Sie hier.