Wie viel sein Leben wert sei, weiß Michael Scott Moore genau: 20 Millionen Dollar. Für Ashwin Raman wäre der Preis noch höher gewesen. Doch der Selmer entging den somalischen Piraten knapp.

Selm

, 15.04.2019 / Lesedauer: 6 min

Dass er es hätte kommen sehen, behauptet Ashwin Raman nicht. Aber dass er ein komisches Gefühl hatte. Von Anfang an. „Ich arbeite immer alleine“, sagt der vielfach ausgezeichnete TV-Journalist, während er sein Auto in Richtung Köln steuert, „nur dieses eine Mal nicht“.

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977 Tage in der Hand von Piraten

2012 war das. Somalia. Der heute 72-Jährige reiste damals zusammen mit einem jüngeren Kollegen, dem Deutsch-Amerikaner Michael Scott Moore (49). Die beiden hatten sich 2009 in Dschibuti kennengelernt während Ramans Recherchereise für die TV-Doku „Somalia - Land ohne Gesetz“. Drei Jahre später wollte der Selmer nachlegen: „Im Land der Piraten - Terror vor Somalias Küste“. Als der SWR diese Reportage im deutschen Fernsehen ausstrahlt, sitzt Michael Scott Moore nicht zu Hause in Berlin vor dem Fernseher, sondern liegt angekettet und von sämtlichen Nachrichten abgeschnitten in einem Versteck irgendwo in Somalia: im besagten Land der Piraten - in ihrer Hand.

Bodyguards als Beschützer und Bedrohung gleichzeitig

„Diese Begleiter“, Ashwin Raman schüttelt hinterm Steuer den Kopf. Bei den Männern, die angeblich zu seinem und Michaels Schutz abgestellt waren, „hatte ich gleich ein schlechtes Gefühl“: bis zu den Zähnen bewaffnete junge Somalis, mit denen er und sein Kollege sich kaum verständigen konnten. Ein von Michael Scott Moore beauftragter Mittelsmann hatte sie engagiert. Als Bodyguards, die ihre Auftraggeber beschützen. Oder doch als Wächter, die eine wertvolle Beute nicht aus den Augen lasen sollen? Wieder schüttelt Raman den Kopf.

An diesem Abend im Februar 2019 fährt der gesundheitlich angeschlagene Filmemacher, der sich inzwischen von den Kriegsschauplätzen der Welt verabschiedet hat, zu einem Wiedersehen mit Michael Scott Moore in Köln. Das erste persönliche Treffen nach Erscheinen von dessen Somalia-Buch. Und das dritte oder vierte, nachdem Michael wieder auf freiem Fuß ist - nach 977 Tagen in der Hand von Piraten und der ständigen Drohung: „Wir werden dich töten.“ So lautet auch der Titel seines Buchs, dessen druckfrische deutsche Ausgabe Moore an diesem Abend auf Einladung des Vereins Amerika Haus in Köln in Deutschland vorstellen will.

455 Seiten Erfahrungsbericht über 977 Tage

455 Seiten, ein Wälzer. Sieben Jahre zuvor hatte Moore noch Sorge, in Somalia ausreichend Material für einen einzigen Artikel zusammen zu bekommen. Ashwin Raman, der gerade von der Autobahn abfährt, kann sich noch genau daran erinnern. Mike ebenfalls. Alle anderen können das Gespräch, dass die beiden Kollegen etwa 24 Stunden vor der Entführung führten, in Moores Buch nachlesen.

„Hast du genug Material für einen Artikel?“

Ich bezweifelte das und wollte noch meine Interviews in Nord-Galkayo abwarten.

„Viel ist es nicht“, gab Ashwin zu, „aber manchmal muss man mit dem arbeiten, was da ist.“

„Ich weiß.“

Aus den Interviews in Galkayo, einer Stadt in Zentral-Somalia, wird nichts. Michael Scott Moore begleitet Ashwin Raman zum Flughafen dort - zusammen mit ihrem Führer, einem Übersetzer und einem bewaffneten Leibwächter. Der Fahrer habe sich fürchterlich geärgert, einen Umweg nehmen zu müssen, sagt Raman. Ein anderes Fahrzeug habe eine Panne gehabt und den ursprünglichen Weg versperrt. Vermutlich sein Glück.

Raman, der indischstämmige Kriegsreporter, fliegt wie geplant nach Mogadischu. Moore, der in Kalifornien geborene Journalist, der eine Zeit lang für Spiegel online tätig war und ein Buch über die Faszination des Surfens veröffentlicht hat, will zwei Tage später nach Nairobi reisen. Auf dem Rückweg vom Flughafengelände versperrt ein Pick-up den Weg. Männer mit Kalaschnikows springen von der Ladefläche, zerren Moore aus dem Auto, schlagen ihn zusammen: der Beginn seiner Gefangenschaft.

Etwa 1000 Menschen seien damals in Somalia in der Hand von Piraten gewesen, sagt der Selmer und folgt den Schildern zur Kölner Innenstadt. Dass die Kidnapper immer erst kurz vor Ende des Aufenthalts ihrer Opfer zuschlügen, sei bekannt. So könnten Fahrer, Bewacher, Übersetzer und Hotelmitarbeiter zuvor ihren Teil an den Besuchern verdienen.

Gefährlichster Ort der Welt und größte Müllkippe

„Dort herrscht seit fast 30 Jahren Bürgerkrieg“, sagt Raman. „Ein idealer Nährboden für Kriminalität“.“ Das Land habe keine funktionierende Polizei mehr und keine Küstenwache: ein Vakuum, in das nicht nur Piraten eindringen. Riesige Trawler aus dem Ausland fischen die Gewässer leer. Andere bringen Giftmüll, den sie vor Somalias Küsten entsorgen. Raman, der jetzt kurz vorm Ziel in Köln in allen Richtungen nach einem Parkplatz Ausschau hält, hat in seinem langen Berufsleben als Auslandsberichterstatter viele Kriegs- und Krisenregionen der Welt besucht. Das Land am Horn von Afrika sei eines der gefährlichsten Länder der Erde, eines der ärmsten und „die billigste Müllkippe der Welt“.

Wie Menschen unter diesen Bedingungen leben können, wollte Moore aufschreiben in seinem Buch über ein vergessenes Land. Tatsächlich ist er es aber selbst, der jetzt im Mittelpunkt des Werks steht. Und der in drei Jahren Geiselhaft immer wieder befürchtete, selbst vergessen worden zu sein. Einige, die rund um die Uhr an ihn dachten, sind bereits da: oben im Saal des Tagungshauses mitten in Köln.

Piraten haben Ashwin Ramans Kollegen 977 Tage lang in Somalia gekidnappt

Michael Scott Moores Tante hat immer an die Befreiung ihres Neffen geglaubt - fast drei Jahre lang. © Foto Sylvia vom Hofe

Inge Ynteme zum Beispiel. „Wir haben keinen Tag aufgehört zu hoffen“, sagt Michael Scott Moores Tante. „Wir hatten einen E-Mail-Verteiler in der Familie, damit jeder sofort erfuhr, wenn etwas Neues passierte“, ergänzt Daniela Wawra, seine Cousine. Die heute 79-jährige Marlis Saunders war es in der Regel, die neue Nachrichten verschickte: Michaels Mutter, mit denen die Piraten verhandelten. Er selbst beschreibt das in seinem Buch so:

„Im Haus meiner Mutter gaben sich die Agenten die Klinke in die Hand. Sie wollten von ihr alles über meine Reise wissen, über Gerlach (Anm. d. Red.: der Name des Mannes, den Moore für die Organisation der Reise engagiert hatte) und Ashwin, über alle meine Freunde und Bekannten. Sie installierten eine Abhöranlage an ihrem Telefon und schärften ihr ein, was sie zu sagen hätte, sobald sie bei ihr anriefen.“

Nicht nur das FBI interessiert sich dafür, was Ashwin Raman weiß, sondern auch der Bundesnachrichtendienst. Die Beamten fragen nach, immer wieder. „Wir haben uns dafür in Berlin getroffen“, sagt der Journalist, als er das letzte Stück zu Fuß zum Kölner Tagungsort des Vereins Amerika Haus eilt. „Und in Selm.“

Als der BND nach Selm kam

2014, Raman war bei der Arbeit für seinen nächsten Somalia-Film „Entführung auf hoher See – Somalische Piraten und der Fall MV Taipan“, hätten Nachrichtendienstmitarbeiter ihn erneut ansprechen wollen. Ob er bei seinen Dreharbeiten Neues erfahren habe über Michael? Raman nimmt die letzten Stufen zum Saal und schüttelt lächelnd den Kopf. Wie das denn? Den BND-Mitarbeitern habe er das damals auch gesagt: bei ihrem Gespräch in der Selmer Polizeistation an der Ludgeristraße.

Michael Scott Moore: Wir werden dich töten. 977 Tage in der Hand von Piraten. Edel Books, Hamburg, 2019, 455 Seiten, Taschenbuch, 17,95 Euro

„Ashwin!“ Kaum hat Ashwin Raman die letzte Stufe genommen, löst sich aus der Menschentraube vor der Tür des Saals ein Mann: groß, sportlich, jungenhaftes Lächeln: Michael Scott Moore. Mit großen Schritten eilt er seinem zwei Köpfe kleineren Kollegen entgegen. „Einem väterlichen Freund“, wie er später sagt. „Ein Vorbild, von dem ich viel gelernt habe.“ Jemand, der ihn an Sir Naipaul erinnere, den britischen Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger: „genauso verschmitzt und warmherzig, selbst wenn ihm nur selten ein freundliches Wort über die Lippen kommt“. Die beiden umarmen sich. Das letzte Mal hatten sie sich einige Monate zuvor in Selm getroffen und Döner gegessen.

Piraten haben Ashwin Ramans Kollegen 977 Tage lang in Somalia gekidnappt

Zu den Besuchern der ersten Lesung gehören auch Michael Scott Moores Cousine (vorne, mit Familie) sowie Ashwin Raman mit seiner Frau Monika (zweite Reihe). © Foto Sylvia vom Hofe

Das war vor der Veröffentlichung des Buches. Vor der ersten Lesung an diesem Abend in Köln. In den nächsten zwei Wochen wird das Buch „Wir werden dich töten“ auf Platz 13 der Spiegel-Bestsellerliste klettern. Es werden zahlreiche weitere öffentliche Termine folgen, TV- und Radio-Interviews, Talkshowbesuche. Die Fragen an Moore sind immer ähnlich. Selten geht es um das Schicksal Somalias, immer um seines:

Frage: Haben Sie je die Hoffnung verloren, befreit zu werden?

Moore: Ich habe mir verboten, Hoffnung zu haben.

Frage: Wie viel haben Sie abgenommen in der Zeit?

Moore: Rund 20 Kilogramm.

Frage: Was haben Sie sich als erstes gewünscht in Freiheit?

Moore: Ein kaltes Bier.

Frage: Wie haben Sie sich in der Gefangenschaft ablenken können?

Moore: Durch Yoga.

Frage: Haben Sie noch Nachwirkungen?

Moore: Ich schrecke immer noch nachts auf, aber das nimmt ab.

Die Antworten kommen prompt, oft von einem schmerzlichen Lächeln begleitet. Nur an einer Stelle weicht Moore aus: Ursprünglich hatten die Piraten 20 Millionen Dollar gefordert, zufrieden gegeben haben sie sich am Ende mit 1,6 Millionen: immer noch eine Riesensumme. Woher das Geld ist? Da wird er einsilbig. Seine Familie, so viel stehe fest, sei nicht vermögend. Die US-Regierung und die Bundesregierung würden aber grundsätzlich auch kein Lösegeld zahlen. Er sei, sagt er, allen dankbar, die geholfen hätten.

Ashwin Raman wartet geduldig, bis sein Kollege das letzte Autogramm geschrieben hat nach der Lesung. An diesem Abend wollen die beiden noch etwas plaudern: über die nächsten Projekte, das nächste Wiedersehen. Vielleicht in Kalifornien. Oder in Selm. Aber auf keinen Fall aber in Somalia.

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