Die Musical Kids sind eines der erfrischendsten Projekte für die Selmer Kulturlandschaft. Kinder und Jugendliche brachten Musicals mit Erfolg auf die Bühne. Doch der Vorhang ist gefallen.

Selm, Olfen, Nordkirchen

, 01.07.2020, 20:11 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Pressemitteilung des Chorkreises Lünen-Lüdinghausen liest sich nüchtern: „Die Musical Kids, die jahrelang das Selmer Publikum alle zwei Jahre mit bühnenreifen Aufführungen begeisterten, gibt es nicht mehr.“ Allein aus der Mitteilung und den weiteren Sätzen, die Vorsitzender Martin Bramkamp in seiner Mail an die Medien findet, lässt sich allenfalls erahnen, dass es nicht einer, sondern mehrere Gründe sind, die dazu geführt haben, dass ein Projekt der Zukunft nun Vergangenheit ist.

„Susanne Kaletta, die von Anfang an die Kinder und Jugendlichen betreut, Stücke ausgesucht und die Proben begleitet hatte, zieht sich aus persönlichen und beruflichen Gründen aus dieser Arbeit und dem Vorstand des Chorkreises zurück“, heißt es in der Pressemitteilung weiter. Grund 2 dürfte etwas mit der Corona-Krise zu tun haben. „Das für 2020 geplante Stück kann – wegen der fehlenden Proben – in diesen Herbstferien nicht aufgeführt werden“, teilt der Chorkreis-Vorsitzende mit.

So hat alles begonnen: Die Gewinnerinnen des Wettbewerbs "Make a change" Annika Tautz (links) und Katharina Schulz freuen sich über die Unterstützung von 1500 Euro für ihr Projekt "Musical Kids Selm". Es fehlt die Dritte im Bunde, Katharina Heruth, die nicht an der Preisverleihung teilnehmen konnte.

So hat alles begonnen: Die Gewinnerinnen des Wettbewerbs "Make a change" Annika Tautz (links) und Katharina Schulz freuen sich über die Unterstützung von 1500 Euro für ihr Projekt "Musical Kids Selm". Es fehlt die Dritte im Bunde, Katharina Heruth, die 2012 nicht an der Preisverleihung teilnehmen konnte. © Anna Gellner (Archiv)

Wir haben bei Susanne Kaletta nachgefragt und sie um ein Statement gebeten. „Corona hat auch für die Musical Kids und die Produktion für 2020 vieles durcheinander gebracht“, berichtet sie. Insbesondere Gerlind Hofmann, die die musikalische Leitung und Regie innehatte, und sie selbst, die für Organisation und ebenfalls die Regie zuständig gewesen sei, hätten sich seit Beginn der Pandemie mit den möglichen Konsequenzen auseinandergesetzt, führt Susanne Kaletta aus. Das „erste Ende“ sei überraschend gekommen: „Die (ohnehin Ausweich-) Probenräume (weil die Burg Botzlar nicht nutzbar ist) standen gefühlt ,von jetzt auf gleich‘ nicht mehr zur Verfügung. Die Requisiten sind noch heute dort gelagert.“

Produktion 2020 war nicht umsetzbar

Leider sei mit Beginn von Corona schnell klar gewesen, dass die Produktion 2020 nicht umsetzbar sein würde. „Weder probentechnisch noch organisatorisch ließe sich die Zeit aufholen. Auch eine Verschiebung war und ist nicht planbar. Andere Probenformen sind nicht leistbar. Das hat vor allen Dingen finanzielle Hintergründe und liegt auch am Ehrenamt.“

Die Beiträge der Familien seien ohnehin schon (für Teilnahmen von Kindern) verhältnismäßig hoch und deckten „trotzdem“ die Kosten für die musikalische Leitung nicht immer. Dies seien aber auch die einzigen laufenden Kosten. Die Organisation erfolge ehrenamtlich. Für die restlichen Kosten, Requisiten, Kostüme, Deko und vor allen Dingen die technische Ausstattung bei den Aufführungen der Kids können laut Susanne Kaletta pro Produktion circa 10.000 bis 12.000 Euro gerechnet werden.

Dank an Sponsoren

Sponsoren hätten die Musical Kids immer gut unterstützt. „Aber Akquise und Fördermittelbearbeitung in der Freizeit neben einem Vollzeitjob zu machen, ist auch nicht ohne. Dazu kosten das ständige ,Klinken-Putzen‘ und die organisatorischen Fragen rund um Proben/-orte, Kostüme, Aufführungsorte, Probenteilnahmen, Internet, Plakate, Eintrittskarten und vieles mehr enorm viel Zeit und Energie.“

Ein weiteres Problem: „Zusätzlich zur Finanzierung ist und war auch die Besetzung durch die Corona-Zeit gefährdet. In der Regel verlassen nach den Sommerferien einige Kids die Gruppe, neue kommen hinzu. Für die Produktion 2020 war eine Kontinuität über den Aufführungszeitraum Herbst hinaus nicht gewährleistet.“ Ob, wie und wann eine Wiederaufnahme möglich ist, sei aktuell leider ungewiss.

Alles begann hoffnungsvoll 2012

Begonnen hatte alles hoffnungsvoll im Jahr 2012. Katharina Schulz, Annika Tautz und Katharina Heruth hatten sich mit einer guten Projektidee für den Wettbewerb „Make a change“ beworben. Ein Wettbewerb, den die Bürgerstiftung Selm ins Leben gerufen hatte, um Jugendlichen die Gelegenheit zu geben, etwas in Selm auf die Beine zu stellen. Das junge Trio siegte mit der Idee, ein Musical aufzuführen.

Das war das erste Musical: Antonia und der Reißteufel.

Das war das erste Musical: Antonia und der Reißteufel. © Arndt Brede (Archiv)

Wenig später konnten die Musical Kids, wie die Truppe sich nannte, an die Vereinsstruktur des Chorkreises Lünen-Lüdinghausen als „Projektaktivität“ (so hieß das damals) andocken. Es fanden sich viele, die singen und tanzen und schauspielern wollten. Kinder und Jugendliche aus Selm, Olfen, Nordkirchen, Südkirchen und Werne.

Und schon gingen die Proben los. In der Burg Botzlar und im Bürgerhaus. Letztendlich entschied man sich für das Musical „Antonia und der Reißteufel“. Premiere war im Oktober 2014. „Mit bezaubernden und hinreißenden Stimmen und überzeugendem Auftreten begeisterten die Kids ihr Publikum“, urteilten die Ruhr Nachrichten damals.

Dermaßen motiviert setzten sich die Musical Kids das Ziel, alle zwei Jahre ein Musical aufzuführen.

Die Musical Kids bei der engagierten Probenarbeit.

Die Musical Kids bei der engagierten Probenarbeit. © Musical Kids

Nächstes Etappenziel: die Aufführung des Musicals „Löwenherz - Leonarda und das magische Amulett“. Die Aufführungen im Januar 2017 waren genauso ein Publikumserfolg wie das „Antonia“-Musical. Auch das dritte Musical - „Hexenhaus“ - faszinierte im Oktober 2018 die Zuschauer und -hörer. Die Multitalente hatten ihren festen Platz in den Herzen der Menschen und auch in der Selmer Kulturlandschaft. So dachte man.

Für Engagement ausgezeichnet

Im Oktober 2019 wurden die Musical Kids im Partika-Saal der Robert-Schumann-Hochschule in Düsseldorf vom Sparda-Musiknetzwerk für ihr „Engagement für den kreativen sängerischen Nachwuchs in der Region“ ausgezeichnet.

Im Oktober dieses Jahres sollten die Aufführungen des neuen Stücks laufen. Das Musical trägt den bezeichnenden Titel „Atemlos“.

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