Der erste Stolperstein, der in Selm verlegt wurde, erinnert an das Leben - und die Ermordung - von Moritz Heumann. © Günther Goldstein
Holocaust-Gedenktag

Moritz Heumann: Die Geschichte zum ersten Stolperstein der Stadt Selm

Moritz Heumann, Metzger und Viehhändler aus Selm, ist 1944 im Konzentrationslager Auschwitz gestorben. An sein Leben erinnert ein Stolperstein - der erste, der in Selm verlegt wurde.

Opa stand am Hafen und winkte dem Schiff hinterher: Das ist die letzte Erinnerung, die Johanna Lore Gartenhaus an ihren Großvater hat. Sechs Jahre war sie alt, als ihre Familie 1939 in die USA auswanderte. Nur der Großvater, der blieb zurück. Hoffte auf ein Wunder.

Noch einmal hörte Johanna Lore Gartenhaus danach von ihm – durch einen Brief aus dem Konzentrationslager. Am 11. Oktober 1944 wurde er dann für tot erklärt. Todesort: Auschwitz, Vernichtungslager.

Moritz Heumann: So hieß der Großvater von Johanna Lore Gartenhaus.

Moritz Heumann: Das ist auch der Name, der auf dem allerersten Stolperstein steht, der in Selm gesetzt wurde. An der Kreisstraße 80 – 1939 hatte das Haus noch die Nummer 52 – hat ihn im September 2009 der Künstler Gunter Demnig gesetzt. Zum Hintergrund: Der Künstler aus Köln hatte in den 1990er-Jahren die Idee, durch die zehn-mal-zehn Zentimeter großen, in den Boden eingelassenen Messingtafeln an das Leben der Opfer des Nationalsozialismus zu erinnern. 1996 hat er in Berlin Kreuzberg den ersten dieser Stolpersteine verlegt, mittlerweile gibt es sie in 1265 Kommunen in Deutschland und in 21 Ländern in Europa.

Hauptschullehrer ergriff 2006 die Initiative.

Dass es auch in Selm Stolpersteine gibt, die zum Erinnern und Gedenken mahnen, ist der Initiative Rudolf Barbians zu verdanken. 2006, so erinnert er sich heute im Gespräch mit der Redaktion, saß er als einer von relativ weniger Besuchern in einem VHS-Vortrag zum Stolperstein-Projekt. Damals war er noch Lehrer an der Erich-Kästner-Hauptschule in Bork. Und dachte sich zusammen mit Manon Pirags von der VHS, dass es doch toll wäre, wenn Schüler seiner Schule dafür sorgen könnten, dass auch in Selm Stolpersteine verlegt werden.

In einer Projektgruppe, in der Schüler der siebten bis zehnten Klasse waren, wurde alles vorbereitet: Die Antragstellung für die Verlegung, die Recherche der Geschichten der zumeist jüdischen Familien aus Selm, der Kontakt mit dem Künstler, die Suche nach Sponsoren.

Künstler Gunter Demnig hat auch den Stolperstein Auf der Sagkuhl in Selm selbst verlegt.
Künstler Gunter Demnig hat auch den Stolperstein Auf der Sagkuhl in Selm selbst verlegt. © Rademacher © Rademacher

„Ich bin selbst gar kein Geschichtslehrer“, sagt Rudolf Barbian. Ihm sei das Projekt aber unheimlich wichtig gewesen – „für Selm“. Und so sei es auch den Schülern gegangen. Durch die Hilfe eines Mitarbeiters der Stadtverwaltung gingen sie auf Spurensuche. Sie erfuhren so nicht allein durch Bücher von der Geschichte ihres Landes – hautnah wurde ihnen bewusst, wie groß die Tragweite der Verbrechen, die während der Zeit des Nationalsozialismus verübt wurden, immer noch ist.

Johanna Lore Gartenhaus war zur Stolperstein-Verlegung in Selm

Einen großen Teil dazu beigetragen hat sicher auch die Begegnung mit Johanna Lore Gartenhaus. Zur Verlegung des Stolpersteins für ihren Großvater ist sie 2007 aus den USA noch mal nach Deutschland gekommen und hat in der Alten Synagoge in Bork – an dem Ort, an dem ihre Eltern 1931 geheiratet hatten – einen Vortrag gehalten.

Darin schilderte sie die Umstände der Flucht ihrer Familie aus Selm. Ihr Opa war Viehhändler und Metzger auf der Kreisstraße in Selm. Und Jude – genau wie der Rest der Familie. Der Grund, warum ein friedliches Leben in der Stadt für sie ab der Machtergreifung der Nationalsozialisten kaum möglich war.

„Noch genau erinnerte sich Johanna Lore Gartenhaus an die grausamen Vorkommnisse: Angefangen mit dem Verbot der Nationalsozialisten, in jüdischen Geschäften einzukaufen, bis hin zur Reichspogromnacht 1938, die für die Familie der damals Sechsjährigen den Ausschlag zur Flucht gab. Die Ausweise jüdischer Bürger wurden gekennzeichnet, sie erhielten einen Mittelnamen, der auf ihre Konfession verwies. Moritz Heumann erhielt den Mittelnamen Israel, dies zeigte die Enkelin den Schülern und weiteren Zuhörern anhand alter Ausweispapiere“, berichteten die Ruhr Nachrichten von der Veranstaltung damals.

Insgesamt gibt es in Selm elf Stolpersteine

Insgesamt zehn Stolpersteine sind durch die Initiative von Rudolf Barbian und seinen Schülerinnen und Schülern 2007 in Selm verlegt worden. Ein weiterer Stein – der Auf der Sagkuhl in Selm – kam im Jahr 2012 dazu. Elf kleine, in den Boden gelassene Messingtafeln gibt es nun insgesamt in Selm, die aufmerksame Passanten immer wieder über die Geschichten, Schicksale, Verbrechen, die dahinter stehen stolpern lassen und sie so in Erinnerung behalten.

Johanna Lore Gartenhaus und Künstler Gunter Demnig bei der Verlegung des ersten Stolpersteins in Selm im Jahr 2007.
Johanna Lore Gartenhaus und Künstler Gunter Demnig bei der Verlegung des ersten Stolpersteins in Selm im Jahr 2007. © Malte Woesmann (Archiv) © Malte Woesmann (Archiv)

Übrigens: Der erste Selmer Stolperstein für Moritz Heumann hat auch den Kreisstraßen-Umbau überdauert. Auf Anregung von Rudolf Barbian, so erzählt er im Gespräch mit der Redaktion, habe die Stadt ihn entnehmen lassen und eingelagert, bis die Bauarbeiten abgeschlossen waren. Dann wurde der Stolperstein wieder eingesetzt. „Allerdings falsch herum – um 180 Grad gedreht, sodass man nicht auf das Haus, sondern auch die Straße guckte“, erzählt Barbian. Diesen Fehler habe die Stadt aber schnell wieder behoben.

Für Johanna Lore Gartenhaus, so erklärte sie es 2007 in der Alten Synagoge in Bork, bedeutet es viel, dass der Stein dort an ihren Großvater erinnert. Sie sagte: „Es hat nie eine Beerdigung für meinen Großvater gegeben. Jetzt kann ich ruhen.“

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Ich mag Geschichten. Lieber als die historischen und fiktionalen sind mir dabei noch die aktuellen und echten. Deshalb bin ich seit 2009 im Lokaljournalismus zu Hause.
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Marie Rademacher

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