Etwa 25 Menschen haben Samstag vor dem Selmer Bürgerhaus gegen den Umgang mit Corona protestiert. Sie hielten aber keine Plakate in die Höhe und skandierten Forderungen - sie meditierten.

Selm

, 10.05.2020, 10:19 Uhr / Lesedauer: 3 min

Nicht wirklich laut und eher zögerlich am Anfang stimmt eine Gruppe vor dem Selmer Bürgerhaus am Samstagnachmittag ein Lied an. „Bella Ciao, bella ciao, bella ciao, ciao, ciao...“ schallt zurückhaltend über den Willy-Brandt-Platz. Ein typisches Protestlied mit Ursprung in Italien. Ein Lied, das seit dem Zweiten Weltkrieg, als es italienische Partisanen - Widerständler gegen den Faschismus - sangen, weltweit bekannt ist und meistens von eher Linken gern als Kampflied genutzt wird.

Mit Kampf und Krieg hat die Veranstaltung vor dem Selmer Bürgerhaus am Samstag nichts zu tun, mit Protest aber umso mehr. „Ausheblung unserer Grundrechte“ steht auf den Aufstellern, die die Organisatoren der Demo mitgebracht haben, Buttons mit der Aufschrift „Shutdown? Nein danke“, liegen zum Mitnehmen bereit.

Passanten, auf dem Edeka-Parkplatz ist am Samstagnachmittag natürlich viel los, schauen rüber, kommen vorbei, wundern sich. Wahrscheinlich tun sie das nicht unbedingt wegen des Protestes an sich: In Deutschland haben an diesem Samstag in sehr vielen Städten Proteste gegen den Umgang mit Corona in Deutschland stattgefunden - in München, Stuttgart, Berlin, aber auch in der unmittelbaren Nähe in Lünen oder in Dortmund.

Teilnehmer äußern ihren Protest durch Meditation

Was die Gruppe, die auf mitgebrachten Matten oder Stühlen oder einfach auf dem gepflasterten Boden sitzt, da denn eigentlich macht: Diese Frage steht dem Mann, der auf dem Platz Pfandflaschen sammelt, oder den beiden Jugendlichen, die quer hinüber schlendern, wahrscheinlich eher durch die Art und Weise, wie die Gruppe den Protest zum Ausdruck bringt, ins Gesicht geschrieben. Die Teilnehmer meditieren zusammen. Ähnliche Veranstaltungen hat es beispielsweise auch in Lünen und Dortmund gegeben. „Meditieren für die Freiheit“: So ist die Veranstaltung in Selm überschrieben.

Swen Tammen hatte die Aktion organisiert. Er machte Musik und führte eine Meditation.

Swen Tammen aus Bork hatte die Aktion organisiert. Er machte Musik und führte eine Meditation. © Marie Rademacher

„Das Meditieren führt einen in die eigene Emotionalität“, erklärt Swen Tammen später im Gespräch mit der Redaktion. Er hat die Veranstaltung organisiert. Der 52-Jährige ist hauptberuflich Diplom-Physiker und als solcher in der Software-Entwicklung tätig. Nebenberuflich ist er aber auch Meditationslehrer. Dass das Meditieren eine friedliche Stimmung auf den Platz bringt, ist ihm wichtig, sagt er. Ihre eigene Emotionalität könnten die Teilnehmer so kontrollieren - und das sei gerade in einer Situation des Protests und Widerstandes gut, wo es sonst auch schon mal zu unkontrollierten Gefühlsausbrüchen kommen könnte, sagt Tammen.

In Dortmund beispielsweise hat es in den vergangenen Tagen und auch am Samstag gleich mehrere Einsätze der Polizei gegeben: Weil sich Demonstrierende nicht an die Kontaktregeln gehalten hatten, sich polizeibekannte Neonazis unter die Gruppen mischten und Medienvertreter oder Polizisten angegriffen wurden, wurden die Beamten dort gleich in mehreren Fällen aktiv.

Mit Aufstellern informierten die Demonstranten Passanten, worum es ihnen ging.

Mit Aufstellern informierten die Demonstranten Passanten, worum es ihnen ging. © Marie Rademacher

Auch in Selm ist die Polizei am Samstag bei der Veranstaltung präsent: Ein Streifenwagen steht etwas abseits, ein Beamter schaut sich das Geschehen aus der Distanz an. Die Veranstaltung ist ordnungsgemäß angemeldet und gestattet, wie die Stadt Selm auf Anfrage der Redaktion bestätigt hatte. Alle halten sich an die Abstandsregeln. Und dass es ruhig und friedlich bleibt, ist Tammen und den anderen Teilnehmern sehr wichtig.

Gegen Impfpflicht und für Aufarbeitung

Aber sie haben natürlich - sonst würden sie es ja nicht tun - schon den Drang, auch ihren Standpunkt klarzumachen. „Wir wollen zeigen, dass wir nicht alles mitmachen“, sagt ein Teilnehmerin nach der Meditation. Vor allem in Bezug auf eine mögliche Impfpflicht, wie sie sagt, habe sie Sorge. „Mir ist wichtig, dass auch wirklich richtig aufgearbeitet wird, was passiert ist.“

Weder sie noch Swen Tammen leugnen, dass es das Virus gibt. Aber den Umgang mit demselben finden sie „überzogen“. Swen Tammen deutet im Gespräch mit der Redaktion mehrmals auf das kleine Buch, das in der in der Hand hält: das Grundgesetz. Darauf beziehe er sich, sagt er. Versammlungsfreiheit, Bewegungsfreiheit, Meinungsfreiheit, Unversehrtheit - darum gehe es ihm in erster Linie. Und um den Diskurs. „Es gibt eine Einheitsmeinung in Deutschland“, sagt er. „Es hat dazu gar keine richtige Diskussion stattgefunden“, erklärt er weiter.

Button mit der Aufschrift "Shutdown? Nein danke" lagen zum Mitnehmen aus.

Button mit der Aufschrift "Shutdown? Nein danke" lagen zum Mitnehmen aus. © Marie Rademacher

Wer sich jetzt gegen die Regeln auflehne, werde sofort entweder in die rechte Ecke gestellt oder als Verschwörungstheoretiker abgetan. Ein Schubladendenken, das Swen Tammen ablehnt. „Das ist absolut nicht die Situation“, sagt er - nicht nur mit Blick auf die Aktion in Selm. „Das sind ganz normale Menschen, die es nicht mehr aushalten, zu Hause zu sitzen“, sagt er. Die Veranstaltung in Selm ist auf Privatinitiative entstanden: Keine feste Gruppe, Organisation oder Partei steht dahinter.

„Die Gedanken sind frei hier - sowas von frei“, sagt Tammen nach der von ihm geführten Meditation dann zu den Teilnehmern. „Wenn ihr etwas sagen wollt, könnt ihr einfach aufstehen und es sagen.“ Wortbeiträge mit Forderungen kommen von den restlichen 20 bis 30 Protestierenden aber nicht wirklich. Sie machen zusammen noch eine Bewegungsübung. Sitzen entspannt in der Sonne, während Swen Tammen auf seiner afrikanischen Harfe entspannende Musik erklingen lässt. Seine in die Luft gereckte Faust am Ende von „Bella Ciao“ - sie bleibt an diesem Samstag vorm Bürgerhaus die einzige deutliche typische Protest-Geste.

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