Sie hatte gerade das Mindestalter von 16 erreicht, da ist Lina Wolters in die FDP eingetreten - und wurde gleich Vorstandsmitglied des Selmer Stadtverbands. Was interessiert sie an der FDP?

Selm

, 19.06.2020, 18:30 Uhr / Lesedauer: 4 min

Wahlprogramm, Kandidatenkür, Wahllisten, Themen setzen: Das sind die Dinge, für die sich Lina Wolters derzeit interessiert. Die Schülerin aus Selm ist mit 16 Jahren in die Selmer FDP eingetreten und als zweite stellvertretende Vorsitzende gleich auch in den Vorstand gewählt worden. Warum engagiert sie sich in einer Partei, was sagen die Mitschüler dazu und was sich in Selm ändern muss, erzählt sie im Interview.

Mit 16 haben viele andere Schüler alle möglichen Interessen. Woher kommt ihre Begeisterung für die Politik? Haben Ihre Eltern das vorgelebt?

Ich bin die erste in meiner Familie, die in der FDP ist. Mein Opa war früher in der SPD, mein Papa ist in der CDU.

Das klingt nach spannenden Diskussionen beim Abendessen.

Ja, da geht es schon mal hoch her (lacht). Meine Eltern haben immer viel Wert darauf gelegt, dass ich mir eine eigene Meinung bilde und dass ich auch für mich eingestanden bin. Ich war im Kindergarten sehr schweigsam und habe nie mit fremden Menschen gesprochen. Deshalb haben meine Eltern immer darauf Wert gelegt, dass ich sage, was ich will. Ich glaube, daher kommt das. Und wir haben auch immer viele Nachrichten geguckt. Ich finde es einfach wichtig, sich ehrenamtlich zu engagieren. Ich finde, dass die Politik das Sprachrohr ist, das mir als jungem Menschen die Gelegenheit gibt, auch für andere junge Menschen einzutreten.

Warum gerade die FDP?

Es ist das Leitbild und wie die Menschen es ausleben. Es geht darum, dass jeder einzelne sein Leben so leben kann, wie er es gerne möchte und dass man selbst ja auch der Profi darin ist, wie man sein Leben leben möchte. Und dass einem darum niemand sagen kann, was besser für einen ist. Jeder braucht die gleichen Chancen. Das sind die Regeln, nach denen wir Politik machen, die mich da noch mal bestätigt haben.

Was waren Ihre ersten Berührungspunkte mit der Partei?

Ich bin 2018 zuerst zu den Jungen Liberalen (JuLi) gekommen, das ist die Jugendorganisation der FDP. Vorher gab es das Superwahljahr 2017 und da habe ich das Interesse dafür entwickelt und fand den Wahlkampf der FDP total spannend. Da wurde das neue Leitbild verabschiedet, bei dem es um Aufstiegschancen ging und um Freiheit. Das habe ich leidenschaftlich mitverfolgt. Mit 14, das ist das Mindestalter, bin ich dann zu den JuLis gegangen.

Das Superwahljahr war also entscheidend, dass die FDP Ihre Partei geworden ist und keine andere. Melden sich manchmal Zweifel an der Entscheidung?

Es gibt manchmal Momente, da hinterfragt man sich. Gerade letztes Jahr als die Sache mit Kemmerich war (Thomas Kemmerich von der FDP ließ sich mit Stimmen der CDU, FDP und AfD zum Ministerpräsidenten Thüringens wählen, löste damit eine Regierungskrise in Thüringen aus und trat schließlich zurück, Anm. d. Red.). Aber dann habe ich gemerkt, dass das Einzelne sind. Es gab ja auch genug Politiker aus der FDP, die sich davon abgegrenzt haben. Das hat mich noch mal darin bestätigt, für Freiheit zu kämpfen. Man hat es nicht leicht, aber es ist zu wichtig, als dass ich aufhören würde.

Wie kommt Ihr Engagement bei den Mitschülern an? Sind die auch politikinteressiert oder wir man da eher komisch angeguckt, wenn man für eine Partei viel Zeit investiert?

Anfangs war es ein bisschen komisch, weil ich an Wochenenden nicht immer da war und mit Party machen konnte. Ich war dann auf Bundes- oder Landeskongressen. Aber ich glaube, viel mehr junge Leute interessieren sich für Politik, treten aber nicht mehr in Parteien ein. Gerade in Selm haben wir das Problem, dass die Parteien nicht mehr richtig an Jugendliche rankommen, aber das ist im ganzen Bundesgebiet auch der Fall. Das Interesse ist bei vielen da und auch das Verständnis. Aber es geht eher Richtung Bewegungen wie Fridays for Future, Aufstehen und so weiter. Ich glaube, der Reiz von Parteien wird manchmal nicht so klar. Aber es ist gar nicht so verkrustet wie man meint. Es ist eigentlich total spannend, sich parteipolitisch zu engagieren. Man kann für ein Thema kämpfen und freut sich, wenn es schließlich als Antrag durchkommt und am Ende im Wahlprogramm landet. Ich glaube, das muss man als Partei viel mehr nach außen transportieren.

In Selm hat die FDP zuletzt keine großen Erfolge verbuchen können. Bei der letzten Kommunalwahl 2014 holte die Partei nur 2,2 Prozent. Dann trat auch noch der einzige FDP-Vertreter im Rat aus der Partei aus und die FDP flog somit aus dem Rat. Was will der neue Vorstand der Selmer FDP jetzt anders machen, um mehr Prozente zu holen?

Wir haben gerade die Personen gewählt, die auf der Liste stehen werden. Und wir schreiben ganz akribisch am Wahlprogramm. Wir setzen darauf, den Bürgern neue Köpfe zur Wahl zu stellen. Und wir wollen tatsächliche Veränderung bringen. Zwei Punkt im Wahlprogramm sind: Wir wollen mehr Polizei nach Selm bringen und Kitaplätze ausbauen. Ich glaube, das ist ein großes Thema. Wir haben uns von 2013 bis 2017 erneuert als FDP und das wollen wir jetzt auch nach Selm bringen: Das Lebensgefühl von Freiheit auch für die Selmer attraktiv zu gestalten und dementsprechend Wahlkampf zu machen.

Stehen sie selbst auf der Liste zur Wahl?

Ich darf noch nicht das passive Wahlrecht ausüben. Ich darf zwar wählen, aber ich darf mich nicht wählen lassen. Aber ich konnte meine Mutter überzeugen. Sie ist jetzt auch in die FDP eingetreten, vielleicht durch eine zwei Jahre lange Dauerbeschallung von mir. Ich konnte sie überzeugen, bei der Kommunalwahl zu kandidieren.

Streben Sie, wenn Sie alt genug sind, ein Ratsmandat an?

Ich glaube schon. Ich finde es besonders kommunal spannend, dass man die Veränderungen sieht, die man angestrebt hat. Wenn man dafür gekämpft hat, dass ein Spielplatz neu gemacht wird und dann irgendwann sieht, dass da ein Kind spielt, dann freut man sich. Da ist die Bundespolitik nicht so dankbar, da sieht man nicht sofort, dass man was verändert hat. Die Debatten im Stadtrat fände ich dann besonders spannend. Ich sage gerne frei raus meine Meinung und hatte auch nie große Probleme, mit Menschen zu reden, die älter sind als ich. Besonders mit Männern. Ich habe von Anfang an gelernt, wenn mir ein älterer Mann in der Politik sagen will, ich hätte ja noch keine Ahnung, da direkt gegenzugehen und mit den Themen zu kommen, von denen ich Ahnung habe.

Bei welchem Thema braucht Selm denn am dringendsten eine Veränderung? Wofür wollen Sie einstehen?
Das Wichtigste ist, bei den Schulen anzufangen. Denn da wird die Grundlage geschaffen, dass jeder am Ende die gleichen Chancen hat aufzusteigen und das zu verwirklichen, was er will. Wir müssen die Schulen daran anpassen, was gerade die Realität ist. Ich finde die Selmer Schulen sind immer noch nicht digital genug. Da brauchen wir auch Weiterbildung von Lehrern. Ich glaube, das fällt mir einfach zu, weil ich jung bin und mich auch wirklich dafür interessiere. Da ich selber noch zur Schule gehe, stehe ich auch mit Herzblut dahinter.
Wir müssen auch die Demokratie schulen. Denn die Demokratie ist das, was im Moment am meisten angegriffen wird. Wir sollten jeden darauf vorbereiten, was ihn am Ende der Schule im richtigen Leben begegnet und ich glaube, dann haben wir schon eine ganz gute Grundlage geschaffen, um auch die Generationengerechtigkeit herzustellen.

Zur Person

Lina Wolters: Mit 14 zu den Jungen Liberalen

  • Lina Wolters ist 16 Jahre alt. Die Schülerin steht kurz vor dem Ende der 10. Klasse am Gymnasium Selm. Danach will sie das Abitur dort schaffen.
  • Sie interessiert sich für Tennis und reitet gerne.
  • Anfang Mai hat der Selmer Stadtverband der FDP Lina Wolters zur zweiten stellvertretenden Vorsitzenden gewählt. Mit 16 Jahren durfte sie in die Partei eintreten.
  • Zuvor war Lina Wolters im Kreisverband Unna der Jungen Liberalen aktiv und als stellvertretende Kreisvorsitzende im Vorstand vertreten. Mit 14 Jahren war sie das jüngste Vorstandsmitglied, das sich je im Kreisverband Unna engagiert hatte. Die Schülerin durfte mit 14 Jahren auch bereits auf dem Bundeskongress der Jungen Liberalen sprechen.
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