2500 Impfungen für chronisch Erkrankte kann der Kreis Borken noch vor Ostern im Impfzentrum Velen anbieten. © dpa
Corona

Landrat erschrocken über Bürgerreaktionen

Wer, wann, warum und warum nicht? Das sind die Fragen, die im Moment die Menschen in der zweiten Impfgruppe umtreiben. Nicht jeder, der online eine Terminzusage bekommt, wird auch geimpft.

Unsere Berichterstattung, dass im Impfzentrum weniger Impfdosen bestellt wurden, da sich Reste angehäuft hatten, hat dazu geführt, dass sich viele Leserinnen und Leser in der Redaktion gemeldet haben. Es herrscht Unverständnis darüber angesichts der Aussage einer Mitarbeiterin am Impfzentrum, dass man die „Schlagzahl“ beim Impfen eher noch verdoppeln könne. Den Mitarbeitern im Impfzentrum macht niemand einen Vorwurf. Sie handelten nach Vorgaben und Erlassen. Aber der Ruf nach pragmatischen und unbürokratischen Lösungen wird laut:

Spontan bereit, geimpft zu werden

„Ich bin jederzeit innerhalb von einer halben Stunde am Impfzentrum, wenn die mich abends anrufen und noch Dosen übrig haben“, sagt Rolf Seckler aus Kamen. Der 74-Jährige gehört zur Risikogruppe und wäre jetzt in der zweiten Runde auch an der Reihe. Verständlich, dass der Wunsch besteht, so schnell wie möglich mit dem Impfstoff versorgt zu werden.

Die derzeitige Entwicklung am Impfzentrum Unna gebe ihm aber nicht das Gefühl, dass alles getan werde, um diesem Wunsch der Menschen zu entsprechen. Daher wendet er sich in einem offenen Brief an Mario Löhr und fordert den Landrat auf, die Organisationsdefizite anzugehen.

Flexible Lösungen müssen möglich sein

Dass alles getan werde, was ginge, mag auch Horst Engel aus Lünen nicht glauben. Er begleitete seine Frau zu deren Impftermin. Als Arzthelferin wurde sie aus beruflichen Gründen geimpft – und Horst Engel fragte an, ob er nicht auch gleich die Spritze bekommen könne. „Ich habe das eigentlich nicht erwartet“, sagt Engel, doch am Empfang bekam er ein „Ja, das geht“, zu hören. „Meine Frau und ich guckten uns verwundert an, waren aber hocherfreut. Der Herr hat sich aber wahrscheinlich selbst gewundert, dass er etwas zusagen durfte, und hat vorsichtshalber bei seiner Kollegin, die zwei Meter neben ihm saß, nachgefragt.“ Die Ernüchterung folgte prompt, wie Engel auch in einer Mail an Kreismitarbeiter und das Impfzentrum über seine Erfahrungen dort schildert. „Es hieß, dass es nur möglich sei, geimpft zu werden, wenn der Impfling über achtzig ist und der/die LebenspartnerIn als Begleitperson dabei ist. Warum ist es nicht möglich, flexibel auf impfwillige Begleitpersonen zu reagieren?“, fragt sich Engel.

Impftermine platzen, weil das Alter nicht stimmt

„Es geht für uns um Leben und Tod“, bringt es Knut Heinecke auf den Punkt. Der Kamener ist durch eine Vorerkrankung belastet. „Ich fühle mich wie im Gefängnis, ich kann mich der Gefahr, das Virus zu bekommen, nicht aussetzen, das würde ich nicht überleben.“

Unter Vorlage eines Attests und Angabe seiner Daten, hatte er einen Impftermin für Anfang März bekommen. Nachdem bekannt geworden war, dass bei der Vergabe dieser Termine jedoch Fehler gemacht worden seien, hatte er sich beim Gesundheitsamt des Kreises rückversichern wollen, was in letzter Instanz jedoch nicht funktionierte, da die entsprechende Internetseite inzwischen abgeschaltet worden sei. „Ich habe mich dann trotzdem zum erhaltenen Termin zum Impfzentrum begeben und wurde dann dort sehr barsch als ,Erschleicher‘ vom Sicherheitsdienst weggeschickt.“

Fehlbucher werden rüde abgewiesen

Ähnlich erging es Barbara Krause aus Bergkamen, als sie ihren vorerkrankten Mann (73) begleitete. Sie hatte über das Internetportal einen Termin vereinbart – und war der Meinung, alles richtig gemacht zu haben. „Ich dachte, wenn ich buchen konnte, ist auch alles in Ordnung. Aber das war ein heilloses Chaos in Unna. Ich hätte nie gedacht, dass ich das in Deutschland einmal erleben würde.“

Denn nach Prüfung aller mitgebrachten Unterlagen, inklusive ärztlicher Bescheinigung, erfuhr das Ehepaar vor Ort, dass der Mann nicht geimpft werden könne, weil er noch keine 80 Jahre alt sei. „Ich habe dann nachgehakt und erfahren, es sei nicht rechtens gewesen, dass ich einen Termin für ihn gebucht hätte. Ich hätte damit sogar eine Straftat begangen“, gibt Barbara Krause wieder, was sie im Unnaer Impfzentrum erfuhr – und was ihr einen gehörigen Schrecken eingejagt habe.

KVWL schaltet fehlerhaftes Buchungs-Portal ab

Doch strafbar, so erklärt Andreas Daniel, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL), die das Anmeldeverfahren regelt, habe sie sich natürlich nicht gemacht. „Wer an der Tankstelle Zigaretten kaufen will, aber noch keine 18 Jahre als ist und keinen Ausweis vorlegen kann, macht sich ja auch nicht strafbar“, zieht Daniel einen Vergleich. Konsequenzen hätten Fehlbuchungen daher nicht. Es sei viel eher so, dass die KVWL das fehlerhafte Online-Portal derzeit abgeschaltet habe und Termine derzeit nur über die Telefonhotline 0800 116117-02 vereinbart werden können.

Vor Ort wollte Barbara Krause nicht diskutieren. „Ich bin niemand, der dann da einen Zirkus macht. Aber ein anderes Ehepaar wurde rausgeworfen. Da ging es richtig zur Sache“, beobachtete Krause, dass man die Leute nachdrücklich zur Tür begleitet habe und der Satz fiel: „Wenn Sie jetzt nicht gehen, dann rufe ich die Polizei.“

Außer der Reihe Geimpfte sind bekannt

Wütend sei sie selbst erst später geworden. Denn Bekannte wurde angerufen, dass Impfstoff übrig sei und sie spontan kommen könnten, andere erhielten als Begleitperson ebenfalls die Impfung, weil Impfstoff übrig war. „Ich gönne das allen. Es ist ja auch wichtig, dass so viele Menschen wie möglich schnell geimpft werden“, sagt Barbara Krause. „Aber da passt etwas nicht zusammen.“

So sieht es auch Horst Engel: „Ich habe mit Nachdruck gefragt, ob ich auch geimpft werden könnte, an mehreren Stellen“, sagt er. „Und dann lese ich, dass Impfstoff abbestellt werden musste.“

Landrat entsetzt über Verunsicherung der Bürger

In einer am Montag spontan einberufenen Pressekonferenz zeigte sich Landrat Mario Löhr über die Vielzahl der am Samstag und Sonntag eingegangenen Bürgeranfragen beim Kreis Unna entsetzt. „Wir haben die Sorgen der Bürgerinnen und Bürger gespürt. Es war eine Vielzahl von Mails, die uns erreichte. Das war erschreckend“, so der Landrat. Um Missverständnissen vorzubeugen betonte Löhr, dass Impfstoff nicht vernichtet worden sei. Man habe lediglich eine neue Impfstoff-Lieferung ausfallen lassen, weil aufgrund fehlerhafter Terminplanungen noch Impfstoff vorhanden gewesen war. „Diese Fehlerquelle ist aber jetzt abgeschaltet“, so Löhr.

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1982 in Dortmund geboren. Abi in Holzwickede, Journalistik-Studium wieder in Dortmund. Seit 2013 Redakteur beim Hellweger Anzeiger. Freut sich über die spannende Herausforderung, den Wandel eines Traditionsverlags hin zu einem modernen, familiengeführten Multimedia-Unternehmen zu begleiten.
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