Kritische Radfahrer geben Selm beim Fahrradklimatest eine schlechte Note

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Der Fahrradklimatest des ADFC ist da. Knapp über 100 Selmer haben teilgenommen. Sie haben ihre Stadt fahrradtechnisch auf den Prüfstand gestellt. Und Selm hat schlecht abgeschnitten.

Selm

, 10.04.2019 / Lesedauer: 5 min

Nur ausreichend. Würde man in der Schule sagen. Mit einer Gesamtnote von 3,8 hat die Stadt Selm beim Fahrradklimatest des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC) abgeschnitten. Eine starke Verschlechterung im Vergleich zu den Vorjahren. Von insgesamt 311 Städten mit einer vergleichbaren Einwohnerzahl (20.000 bis 50.000 Einwohner) ist Selm dabei nur auf Platz 128 gelandet.

Das Warten auf die Ergebnisse des Tests hat auch Christian Jänsch nicht schlafen lassen. „Ich bin heute Nacht schon aufgestanden“, erzählt der Sprecher der örtlichen Gruppe des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC) und lacht.

Über die Selmer Benotung wundert sich der 64-Jährige nicht. „Es ist mir wirklich ein Anliegen, deutlich zu machen, wie sehr sich die Situation verschlechtert hat“, sagt Jänsch.

Aufruf zur bundesweiten Teilnahme

Bereits im Herbst 2018 hatte der ADFC bundesweit zur Teilnahme am Fahrradklimatest aufgerufen: einem Zufriedenheitsbarometer der Radfahrer im ganzen Land. Zum vierten Mal haben auch Selmer daran teilgenommen. „106 Teilnehmer aus Selm haben mitgemacht“, sagt Jänsch. Das seien rund 20 mehr als beim letzten Klimatest vor zwei Jahren. Damals hatte Selm in Schulnoten ausgedrückt mit einem Befriedigend abgeschlossen. Genau genommen: 3,3. Zwei Jahre zuvor – damals gab es sogar 400 Teilnehmer – stand noch eine Zwei vorm Komma (2,9). „Das ist ein drastischer Verlauf zum Schlechteren hin“, sagt Jänsch.

2012 sei Selm sogar die beste Stadt im Kreis Unna gewesen. Doch dieses Jahr haben sowieso nur fünf Städte im Kreis mitgemacht, deren Noten sich zwischen 3,5 (Bergkamen) und 4,1 (Schwerte) einpendeln. Da liegt Selm genau in der Mitte.

In der Stadtgrößenklasse, in der auch Selm geprüft wurde, hat Baunatal mit einer Note von 2,7 den ersten Platz erreicht. Letzter mit 4,8 wurde Hof. In der näheren Umgebung zeigt sich, dass Olfen beim Fahrradklimatest weit besser abgeschnitten hat als Selm: Olfen bekam eine Durchschnittsnote von 2,6. Zum Vergleich: Lünen erhielt eine 3,9, Lüdinghausen eine 3,6. Datteln ist mit einer 4,6 weit hinten. In der Gesamtbewertung aller Städte der Stadtgrößenklasse ergab sich eine Gesamtnote von 3,9.

Schlechte Fahrradführung an Baustellen wurde bemängelt

Womit erklärt sich der Experte des ADFC die schlechten Noten im Bereich Fahrradfreundlichkeit? Bei den Stärken und Schwächen zählt der ADFC unter „positiven Aspekten“ in Selm die Werbung für das Fahrradfahren sowie den Punkt „Radfahren macht Spaß“ auf. Unter den negativen Aspekten steht hervorgehoben: kein oder geringes Angebot öffentlicher Leihfahrräder, wenig attraktive Fahrradmitnahme in öffentlichen Verkehrsmitteln sowie die schlechte Führung an Baustellen.

Was die schlechte Führung an Baustellen betrifft, hat Christian Jänsch prompt mehrere Beispiele parat. Eines befindet sich direkt vor der Haustür: an der Kreisstraße, gegenüber dem Laden „Nadel und Faden“. Der Radweg ist an der Baustelle am Campus gesperrt, Radfahrer werden gemeinsam mit Fußgängern über einen Zebrastreifen auf die andere Straßenseite geführt.

Bis zur nächsten Ampel, an der sie wieder auf ihre Seite wechseln können, sind es einige Hundert Meter. Und dort schiebt niemand. „Die Radfahrer fahren dann auf der für sie falschen Seite weiter“, sagt Jänsch. Eine Lösung wäre es gewesen, den Radweg auf der selben Seite auf die Fahrbahn zu führen und mit Baken zu sichern.

Ärger über den Sandforter Weg

Es ist ein Beispiel von vielen. Aufschlussreich ist besonders der Bereich der offenen Fragen, der in dem Test den Selmern die Möglichkeit gab, Probleme selbst zu benennen. „Was denken Sie über die Fahrradsituation in Ihrer Stadt?“, hieß es dort.

Lediglich drei der Befragten hatten sich zu dem Thema positiv geäußert: „Alles Bestens bei uns“, hatte ein Teilnehmer geschrieben. Eine andere Stimme war die, dass man das Fahrverhalten der Radfahrer mehr kontrollieren müsse. „Wenn ich die erwische, die können sich warm anziehen“, scherzt Christian Jänsch.

Doch dann wird er wieder ernst. Der Großteil der Umfrageteilnehmer hatte sich nämlich negativ geäußert.

Bereits im Dezember des letzten Jahres hatten sich die Umfrageteilnehmer zum Beispiel über den Sandforter Weg geärgert: Dort hatte die Stadt die Straßenführung so geändert, dass Radfahrer auf Höhe der Zufahrt zum Jugendzentrum Sunshine unvermittelt nach links auf die Straße geführt werden. Die Stadtverwaltung hatte auf die Beschwerden mit der Aussage reagiert, die Maßnahme sei so ungefährlicher.

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Christin Jänsch ärgert sich auch über die Selmer Kreisverkehre mit ihrer uneinheitlichen Regelung für Radfahrer. Die Radler würden teilweise auf die Straße geführt, teilweise gebe es eine rot gezeichnete Fahrradfurt. Manchmal stehen die Vorfahrtsschilder vor dem Zebrastreifen, dann wieder dahinter. Dabei sei innerhalb einer Stadt eine einheitliche Regelung zu empfehlen. „In Selm scheinen die Bauunternehmen zu entscheiden, welcher Kreisel welche Radfahrregeln bekommt“, sagt er. Und ärgert sich darüber, dass der ADFC bei solchen Fragen nicht hinzugezogen werde.

ADFC würde sich bessere Absprachen wünschen

Und das ist ein weiteres Ärgernis für Jänsch: Die fehlenden Absprachen vor Ort müssten nicht sein, sagt er. „Unsere Vorschläge, Ortstermine zu vereinbaren, werden teilweise ignoriert. Anfragen werden nicht beantwortet, bei wichtigen Terminen werden wir nicht berücksichtigt.“

Das Fazit der Umfrage für viele Teilnehmer lautet im Fahrradklimatest: Selm sei eine „Autostadt“, „auf dem Weg in die fahrradmobile Steinzeit“, „Selm schafft sich fahrradtechnisch ab“, ein Konzept sei „nicht zu erkennen“. Christian Jänsch sagt dazu: „Die Stadt tut überhaupt nichts mehr, um die Fahrrad-Infrastruktur zu verbessern. Es herrscht Stillstand.“

Bei der Stadtverwaltung waren die Ergebnisse des Fahrradklimatests am Dienstag noch nicht angekommen. „Wir müssten die Ergebnisse natürlich erst einmal genau betrachten und analysieren“, sagt Stadtsprecher Malte Woesmann auf Anfrage. „Da uns die Ergebnisse nicht vorliegen, werden wir dazu heute keine Stellungnahme abgeben.“

„Olfen - das sind für mich Traumwelten“

Christian Jänsch hofft jedenfalls darauf, dass in der Zukunft mehr für Radfahrer investiert wird. Die Testergebnisse geben ihm recht. „Die Selmer sind kritischer geworden“, sagt er. Denn eigentlich könnte das Radfahren in der Stadt viel Spaß machen. „Die Gegend ist flach, es gibt ein gut ausgerichtetes Radwegesystem, sodass man schnell im Kreis Coesfeld ist oder in Dortmund.“ Auch die ADFC-Radtouren kämen gut an.

Jetzt, sagt Jänsch, müsse noch mehr passieren, um auch Familien, Schulkindern und Pendlern das Radfahren zu erleichtern. So hatte Mobilitätsmanagerin Julia Schmidt in einer Ausschussitzung im November Pläne vorgestellt, die Waltroper Straße in Bork zu einer Fahrradstraße umzubauen. Konkrete Maßnahmen gibt es jedoch noch nicht. In Olfen ist man schon weiter: Dort wird noch in diesem Jahr die Bilholtstraße zur fahrradfreundlichen Straße umgebaut. Christian Jänsch: „Das sind für mich Traumwelten.“

Der Fahrradklimatest des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs
  • Der ADFC-Fahrradklima-Test ist die größte Befragung zum Radfahrklima weltweit und fand im Herbst 2018 zum achten Mal statt. Er beleuchtet, wie es um die Fahrradfreundlichkeit in Deutschlands Städten und Gemeinden bestellt ist. Wo Städte beim Radklima punkten können und wo nachgebessert werden muss, können Radfahrende in der Umfrage beurteilen.
  • Während des dreimonatigen Befragungszeitraums im Herbst 2018 wurden sechs Themenblöcke vorgestellt. Schwerpunkt 2018 war das Thema Familienfreundlichkeit.
  • Die Präsentation des ADFC-Fahrradklima-Tests hat am Dienstag, 9. April, im Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) in Berlin stattgefunden. Die Sieger-Städte werden ausgezeichnet.
  • Das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur fördert den ADFC-Fahrradklima-Test im Rahmen des Nationalen Radverkehrsplans.
  • Um den ADFC-Fahrradklima-Test noch bekannter zu machen, kooperierten der ADFC und die Kampagnen „Mit dem Rad zur Arbeit“ und „Stadtradeln“. Stadtradeln beispielsweise motiviert rund 900 Kommunen und knapp 300.000 Menschen.
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