Etwas mehr als zwei Jahre hat der Umbau der Kreisstraße gedauert. Kaum ein Projekt der jüngeren Stadtgeschichte hat für so viel Diskussionsstoff gesorgt. Ein Rückblick.

Selm

, 02.08.2019, 16:05 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Umsetzung der Idee, die Bundesstraße 236 im Selmer Zentrum umzubauen, hatte sich bereits mehrere Jahre verzögert. So hatte der heutige Projektverantwortliche Lothar Unrast 2008 darauf hingewiesen, dass es schon seit Jahren Pläne gebe, es aber an der Terminierung durch den Landesbetrieb Straßenbau NRW mangele, weil andere Projekte Priorität hätten.

Der Umbau der Kreisstraße: Eine Geschichte von Verzögerungen, Ärger und Schönheit

Die Kreisstraße, bevopr der erste Bauabschnit begann. © Arndt Brede

Im Vorfeld der tatsächlichen Baumaßnahmen gab es bereits 2016 Kritik. Und zwar von der Werbegemeinschaft Selm. Die Kaufleute befürchteten Umsatzeinbußen für die Zeit der Bauarbeiten dadurch, dass Kunden die Geschäfte nicht mehr erreichen könnten. Bürgermeister Mario Löhr sagte damals gegenüber der Redaktion: „Wir gehen davon aus, dass die Geschäfte zu jeder Zeit fußläufig von Kunden erreicht werden können.“

Angst wegen wegfallender Parkplätze

Weitere Angst der Geschäftsleute: Parkplätze an der Kreisstraße könnten nach dem Umbau wegfallen. Löhr dazu: Es werde Ersatzparkplätze geben. „In Summe werden daher weniger Parkplätze verloren gehen, als wirklich entlang der Kreisstraße weggenommen werden.“

Der Umbau der Kreisstraße: Eine Geschichte von Verzögerungen, Ärger und Schönheit

Auch aus der Vogelperspektive erschließt sich, wie massiv die Bauarbeiten in den Alltag der Anwohner und Geschäftsleute eingriffen. © Günther Goldstein

Was folgte, waren unter anderem Gespräche zwischen der Verwaltung und Betroffenen: Geschäftsleuten und Anwohnern.

Joachim Horn vom gleichnamigen Reisebüro erklärte im April 2016: „Wenn man die Kreisstraße sperrt, hat man kilometerweite Umwege, die sich auf die Kreisstraße und die Altstadt auswirken. Wir können alle froh sein, wenn wir die eineinhalb Jahre halbwegs überleben.“

Der Umbau der Kreisstraße: Eine Geschichte von Verzögerungen, Ärger und Schönheit

Manche Wege führten auch mitten durch die Baustelle. © Viktoria Michelt

Berken-Geschäftsführer Hans-Georg Schirmeisen damals: „Schlimmer als jetzt kann es nicht werden. Das, was jetzt dort ist, hat überhaupt keine Zukunft. Es ist eine Durchgangsrennstraße, da kommt man ja kaum über die Straße zu den Geschäften.“ Zur Bauphase erklärte er: „Es wird schwierig werden und ich glaube auch, dass einige Geschäfte es nicht überleben werden.“

Der Umbau der Kreisstraße: Eine Geschichte von Verzögerungen, Ärger und Schönheit

Um zu verhindern, dass Autos über den Gehweg auf der Ostseite der Kreisstraße fahren, war er für den motorisierten Verkehr gesperrt. © Arndt Brede

Angepeilt war, mit dem Umbau im ersten Bauabschnitt im Sommer 2016 zu beginnen. Prognostizierte Bauzeit: 18 Monate.

Ungeklärte Formalitäten

Doch der Beginn verzögerte sich: Ungeklärte Formalitäten, hieß es von der Verwaltung als Begründung. Doch neue Gutachten und Berechnungen, die laut Bürgermeister Löhr nötig seien, ließen die Prognose für den Baubeginn auf März 2017 rutschen.

Riesige Baugruben

Und dann kam der März 2017: Mitte des Monats tat sich eine riesige Baugrube auf der Kreisstraße in Höhe der Einmündung Brückenstraße auf.

Der Umbau der Kreisstraße: Eine Geschichte von Verzögerungen, Ärger und Schönheit

Die große Baugrube der Kanalarbeiten im Vorfeld des ersten Bauabschnitts. © Arndt Brede

Dort begann der unterirdische Bau eines Regenwasserentlastungskanals bis zur entsprechenden Baugrube in Höhe der Eisdiele an der Kreisstraße.

Sommer 2017: Es geht los

Im Sommer begannen dann die Arbeiten am eigentlichen Umbau der B236. Großräumige Umleitungen wurden ausgeschildert, etwa über den Zeche- Hermann-Wall. Doch viele Autofahrer nahmen andere Strecken.

Der Umbau der Kreisstraße: Eine Geschichte von Verzögerungen, Ärger und Schönheit

Der Schleichverkehr führte zu haarsträubenden Ergebnissen: Hier versucht ein großer LKW mit Anhänger, sich in die Schulstraße zu quetschen. © Anwohner

Zum Beispiel über die Schulstraße, den Beifanger Weg und den Kreuzkamp.

Der Umbau der Kreisstraße: Eine Geschichte von Verzögerungen, Ärger und Schönheit

Viele Autofahrer versuchten anfangs, durch die Kreisstraßenbaustelle zu fahren. © Jessica Hauck

Der Umbau der Kreisstraße: Eine Geschichte von Verzögerungen, Ärger und Schönheit

Die Stadt stellte extra Schilder auf, um deutlich zu machen, dass der Baustellenbereich nicht passierbar ist. © Arndt Brede

Andere nahmen einfach den Weg durch die eigentlich abgesperrte Baustelle. Der nächste Knackpunkt ließ nicht lange auf sich warten. Beim Kanalvortrieb verdrehte sich der Bohrkopf.

Der Umbau der Kreisstraße: Eine Geschichte von Verzögerungen, Ärger und Schönheit

Der Umbau der Kreisstraße verzögerte sich mehrfach. © Theo Wolters

Zudem stießen die Arbeiter auf alte Versorgungsleitungen. Zeitverzögerungen waren unter anderem die Folge. Und Kostensteigerungen.

Um Zeit aufzuholen, entschieden sich die Verantwortlichen für den Umbau, Kanalarbeiten im zweiten Abschnitt vorzuziehen, also noch während der Arbeiten im dritten Bauabschnitt zu beginnen. Prognostiziertes Ende der Gesamtmaßnahme damals: Weihnachten 2018.

Zwischenzeitlich hatten die Planungen für einen großen Parkplatz an der Landsbergstraße begonnen.

Neujahrsempfang 2018: Löhr kündigt Ende des Umbaus noch für 2018 an

Während des Neujahrsempfangs im Januar 2018 verkündete Bürgermeister Mario Löhr, dass der Kreisstraßenumbau 2018 abgeschlossen sein werde. Im April dann die Botschaft der Verwaltung: Die Kreisstraße wird wohl erst im April/Mai 2019 komplett für den Verkehr freigegeben.

Der Umbau der Kreisstraße: Eine Geschichte von Verzögerungen, Ärger und Schönheit

Die Stadt lässt 80 bis 90 Parkplätze an der Ecke Landsberg-/Kreisstraße bauen. © Arndt Brede

Im Februar 2019 wurde es dann für Verkehrsteilnehmer kompliziert. Wege der Arbeiten am Kreisverkehr Alte Zechenbahn wurden Kunden der Geschäfte dort über den Netto-Parkplatz geleitet.

Kosten steigen drastisch

Drei Monate später war klar: Das Ende der Baumaßnahme wird erst im Sommer 2019 sein. Und: Der Umbau kostet die Stadt rund eine Million Euro mehr als gedacht. Der letzte Sachstand war zuvor gewesen: Die Stadt zahlt 1,34 Millionen Euro Eigenanteil. Zumindest was den Zeitplan des Umbaus betrifft, war im Juni 2019 Land in Sicht. Der zweite Bauabschnitt war in eine Richtung (Richtung Bork) bis zum neuen Kreisverkehr Alt Zechenbahn befahrbar. Später auch wieder in beide Fahrtrichtungen, mit einer Baustellenampel geregelt.

Nun also - genauer: seit dem 30. Juli 2019 - ist die Kreisstraße wieder durchgehend zweispurig befahrbar.

Tempobremse und Aufenthaltsqualität

Die Baumaßnahme hinterlässt bei Geschäften Umsatzeinbußen und personelle Konsequenzen, bei Anwohnern zeitweise großen Ärger wegen des Schleichverkehrs. Sie hinterlässt aber auch eine neue Kreisstraße, deren Fahrbahn verengt ist und als Tempobremse dient, deren Verkehrsfluss aber durch zwei Kreisverkehre verbessert werden dürfte und die Aufenthaltsqualität für Fußgänger und Radfahrer bietet.

Lesen Sie jetzt