Vor 14 Jahren war der Kreis Unna von Notinseln als Hilfe für Kinder angetan. Auch Selm hat solche Anlaufstellen. Nun will der Kreis das Projekt auslaufen lassen. Dabei kostet es gar nichts.

Selm

, 11.12.2019, 18:29 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Aufkleber sind bunt. Drei Kinder mit leuchtend bunten Pullis sind darauf zu sehen. Darunter prangt der Schriftzug „Notinsel“.

Einer dieser Aufkleber klebt neben der Ladentür von Gabriele Redemanns Geschäft Pega Moden an der Kreisstraße. „Es ist für mich eine Selbstverständlichkeit zu helfen, wenn jemand Hilfe braucht“, sagt Redemann. Egal, ob Kind oder Erwachsener. Als im Jahr 2006 die Familienbildungsstätte nach Geschäften suchte, die eine Notinsel werden wollten, war sie sofort dabei.

Fluchtpunkte in Notsituationen

Die Schilder seien eine Möglichkeit, „Kindern in Notsituationen Fluchtpunkte aufzuzeigen, in denen sie Hilfe und Ansprechpartner finden“, erklärt die Initiative Hänsel + Gretel das Projekt auf ihrer Webseite.

Die private Stiftung mit Sitz in Karlsruhe hatte das Projekt 2002 gegründet. 2006 animierte schließlich der Kreis Unna seine Kommunen zum Mitmachen. In Selm fanden sich vor allen Dingen auf Initiative der Familienbildungsstätte rund 30 Geschäfte und Unternehmen, die die Schilder anbrachten. „Wir haben damit bei allen offene Türen eingestoßen“, sagte die damalige Leiterin der Familienbildungsstätte Doris Krug 2006.

Schluss mit den Notinseln

Bald soll im Kreis Unna allerdings Schluss sein mit den Notinseln. „Der Kreis hat das Projekt zum 31. Dezember gekündigt“, erklärt Kämmerin Sylvia Engemann im Jugendhilfeausschuss am Dienstag. Das passiere vor allen Dingen vor dem Hintergrund, dass sich einiges in Sachen Jugendarbeit getan hätte.

Eine genauere Einordnung, was damit gemeint ist, liefert am Dienstag Stadtsprecher Malte Woesmann: „Was den Aspekt der Alternativen angeht, so gibt es heute vielfältigere und breitere Angebote in Sachen Kinder- und Jugendschutz als vor 15 Jahren, als die Notinseln eingerichtet wurden. Zu nennen wäre zum Beispiel das Haus Nienkamp mit seinen unterschiedlichen Beratungsangeboten oder auch die Familienzentren angedockt an die Selmer Kindergärten.“

Wenig Nachfrage nach den Notinseln

Ein weiterer Grund dafür, die Notinseln auslaufen zu lassen war, dass „das Thema Notinsel im Grunde bei Kindern und Jugendlichen gar nicht existent war“, erklärt Engemann. Das hätten auch Umfragen gezeigt.

Ein Fall, bei dem sich jemand hilfesuchend an ein Geschäft gewendet hätte, sei ihr nicht bekannt, sagt Engemann. Auf die Frage von Hubert Seier von der UWG, („Warum soll man die Aufkleber wegnehmen, auch wenn sie nicht angenommen werden?“), stellt Engemann allerdings klar: „Wir werden niemanden auffordern, die Sticker abzunehmen.“

Kreis Unna will Notinseln auch in Selm abschaffen - obwohl sie nichts kosten

Gabriele Redemann vom Geschäft Pega Moden findet, dass die Aufkleber eine gute Sache sind. © Sabine Geschwinder

Endgültiger Schlussstrich ziehen

Warum dann aber überhaupt das Projekt auslaufen lassen? War es zu teuer? Kreissprecherin Constanze Rauert sagt, dass nur am Anfang 1000 Euro angefallen seien, um das Projekt zu starten. Das sind die Gesamtkosten für alle Städte im Kreis. Folgekosten gab es keine.

Dennoch: Man habe festgestellt, dass das Projekt aus der Zeit gefallen sei. „Es war eine gut gemeinte Idee, vielleicht auch gut zu der Zeit“, sagt Rauert. Allerdings setze man heute eher auf andere Möglichkeiten, auf präventive. Rauert spricht von einem „sauberen Schlussstrich“, den man ziehen wolle.

„Wir wollen nicht darauf warten, dass ein Kind in den Laden geht, wenn etwas passiert ist“, sagt Kreissprecher Max Rolke. Man arbeite dafür eng mit den Kommunen zusammen. „Außerdem sind wir Erwachsenen inzwischen so sensibilisiert für das Thema, dass wir ein Kind nicht stehen lassen, wenn wir sehen, dass es Hilfe braucht.“ Den Einwand, dass manche Menschen das genau anders sehen, nämlich das Gefühl haben, dass weniger geholfen wird, beantwortet Rolke so: „Der Appell von uns ist: Geht mit offenen Augen durch die Gesellschaft. Da ist jeder gefordert.“

Nicht mehr nachvollziehbar, wer teilnimmt

Die Stadt Schwerte hatte das Projekt schon 2017 eingestellt und die teilnehmenden Händler aufgefordert, die Schilder abzunehmen. Der dortige Jugendamtsleiter Andreas Pap hatte damals als Grund die Kosten genannt, um weitere Infomaterialien zu ordern, sowie den Verwaltungsaufwand, um die Notinsel-Liste aktuell zu halten. Dem gegenüber stand geringes Interesse an der Aktion.

Für Selm ist nicht mehr nachvollziehbar, wie viele Stellen noch den Notinsel-Aufkleber haben. Die Stadt verweist auf Anfrage auf die Zuständigkeit des Kreises als Vertragspartner für die Notinseln. Kreissprecherin Constanze Rauert räumt ein, dass die Mitarbeiter, die das Projekt betreut hätten, inzwischen im Ruhestand seien. Listen oder Statistiken zu den Standorten könne sie deshalb nicht liefern. Wer auf der Internetseite der Notfallinseln nachschaut, findet nur einen Verweis auf das Jugendamt in Bork.

Gemeinschaft zeigen

Lisa Sandmann vom Geschäft Spielen und Träumen in der Altstadt gehörte zu den Geschäften, die früher einen Aufkleber hatten. Nach dem Umzug ihres Geschäftes vor etwa sieben Jahren hatte sie sich allerdings nicht um einen Nachfolge-Sticker bemüht. Sie sagt: „Die Kinder kommen nicht mehr und nicht weniger.“ Auch ohne Sticker habe sie Kinder gehabt, die in den Laden kommen, weil es mit dem Abholen von der Schule nicht geklappt hat. Trotzdem findet sie die Aktion mit den Stickern gut: „Es zeigt, wir sind eine Gemeinschaft.“

Gabriele Redemann hatte in all den Jahren keinen Fall, wo jemand wegen der Notfallinsel in ihr Geschäft gekommen ist. „Zum Glück“, sagt sie. Aber schaden könnte es doch trotzdem nicht, dass es sie gebe. Es müsste nur mehr darüber gesprochen werden.

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