Kommunionkind Elise fiebert einem Fest entgegen, das immer weniger Familien feiern

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Ostern ist das höchste Fest der Christenheit. Das weiß Elise (9) aus Selm längst. Sie freut sich aber noch mehr auf ein anderes Fest, das immer weniger Familien feiern.

Selm

, 21.04.2019 / Lesedauer: 5 min

Ungestüm kommt Elise die Treppe hinabgesprungen: ein blonder Wirbelwind in einem Traum in Weiß. Nur die nackten Füße, die fröhlich auf den Fliesen patschen, passen nicht ganz ins Bild.

„Schuhe haben wir noch nicht für die Feier der Erstkommunion“, sagt Mama Jennifer Stalberg und lacht. Klassische Lackschuhe oder sportliche Chucks zum Schnüren? Da gehen die Meinungen noch auseinander. In einem anderen Punkt sind sich aber Elise und der Rest ihrer Familie völlig einig.

Kommunionkind Elise fiebert einem Fest entgegen, das immer weniger Familien feiern

Familie Stalberg (v. l. Vater Sascha, Sohn Henri, Mutter Jennifer, Tochter Elise und (rechts) Tochter Rosalie zusammen mit Pastoralreferentin Nicole Thien. © Foto Sylvia vom Hofe

„Mein Kleid finde ich ja toll“, beginnt das Mädchen, nachdem es am Esstisch im Wohnzimmer Platz genommen und versonnen den bestickten Stoff über den Knien glatt gestrichen hat. Es ist einer der kälteren Apriltage, an dem sie die weiße Neuerwerbung Probe tragen darf. Vorsorglich hat ihr Vater den Kaminofen angemacht. „Aber“, ergänzt Elise, „das Kleid ist nicht das Wichtigste.“


Geschenketisch wartet im Geschäft

Nein, die Schuhe seien es auch nicht. Nicht einmal dieser fantastische Geschenketisch in ihrem Selmer Lieblingsgeschäft: voll mit Sachen, die ihr gut gefallen und unter denen ihre Gäste passende Geschenke aussuchen können. „Am meisten“, sagt sie, „freue ich mich darauf, endlich richtig dazu zu gehören.“

„Dazu“ - damit meint sie die Gemeinschaft aller Christen, lateinisch die communio, die sich um den Altar versammeln und das Brot essen darf, von dem die Gläubigen sagen, dass es ewiges Leben verspricht. Bislang erhält Elise noch keine von den dünnen, runden Oblaten, die Hostien heißen - anders als ihre Eltern, die ältere Schwester Rosalie (11) und die anderen in der Borker Kirche. Das soll sich am 26. Mai ändern.

„Endlich“, sagt Elise. So etwas von einer Neunjährigen zu hören, verwundert. Gut auswendig gelernt? Die großen, blauen Augen, die begeistert strahlen, zerstreuen den Verdacht. Elise freut sich aus Überzeugung auf ihre Erstkommunion. Längst keine Selbstverständlichkeit mehr.

Zahl der Täuflinge und Kommunionkinder geht zurück

77 Mädchen und Jungen gehen in diesem Frühjahr in der Kirchengemeinde St. Ludger zur Erstkommunion. 2018 waren es 82, im Jahr 2000 sogar 152. Der Rückgang lässt sich nicht allein mit rückläufigen Geburtenzahlen begründen.

Längst vorbei sind die Zeiten, als in katholischen Gegenden, nahezu alle Kinder des dritten Schuljahrs Erstkommunion feierten. Als alle Neugeborenen getauft wurden. Als die Mitgliedschaft zur Kirche keine Grundsatzfrage war, sondern bestenfalls eine der Konfession. Die Distanz zur Kirche wächst, mit rasantem Tempo.

„Es gibt viele, die sich bewusst und entschieden engagieren, aber viele tragen auch zunehmend Vorbehalte gegen die Kirche im Herzen“, stellt auch Dieter Hogenkamp, Pfarrer der Olfener Gemeinde St. Vitus, fest. Dort haben 2018 45 Männer und Frauen der katholischen Kirche den Rücken zugewandt. In der Selmer Gemeinde St. Ludger waren es 55, in Nordkirchen 31 und in Cappenberg, der zweitkleinsten Gemeinde im gesamten Bistum immerhin 15 - fünf Jahre zuvor nur 3.

Elise ist das egal. Ihr geht es nicht um Statistiken, und von den großen Problemen der Kirche - den Skandalen, dem Priestermangel, dem Gläubigenmangel und dem Glaubensmangel - weiß sie nichts. Sie freut sich nur auf ihren großen Tag, auf den sie sich schon seit Monaten vorbereitet.

Eine Schatzkiste für jedes Kind

„Das“, sagt sie, „ist meine Schatzkiste“. Jedes Kind der Kommunionvorbereitungsgruppe habe so eine Schatulle: aus sechs Holzbrettern gezimmert, bunt angemalt, beklebt und zunehmend gefüllt. Zettel mit Liedern und Gebete stapeln sich darin neben Plätzchenrezepten: Erinnerungen an Gottesdienste und Aktionen. Und an Geschichten aus der Bibel.

Kommunionkind Elise fiebert einem Fest entgegen, das immer weniger Familien feiern

Elise zeigt ihre Schatzkiste. © Foto Sylvia vom Hofe

„Die von dem Sohn und dem Vater gefällt mir besonders“, sagt sie und nestelt zwischen den Papieren. Da gehe es um einen Sohn, der so ziemlich alles falsch gemacht habe. Anstatt aber böse zu sein auf ihn und ihn nicht mehr sehen zu wollen, lässt sein Papa ein Fest feiern, als er wieder nach Hause kommt. In der Grundschule Auf den Äckern hätten sie auch schon darüber gesprochen, sagt Elise. „Ich finde es gut zu wissen, dass man immer umkehren kann.“

Nicole Thien sitzt auch am Tisch und hört lächelnd zu. Sie ist Pastoralreferentin in St. Ludger und zuständig für die Kommunionvorbereitung. Dass Elise so begeistert aufgenommen hat, was sie vermitteln will, freut sie. Entscheidenden Anteil an dem Erfolg haben aber auch andere.

Kommunionkind Elise fiebert einem Fest entgegen, das immer weniger Familien feiern

Wer Kommunionkind werden will, muss auch mitmachen. Elise hat mehr Stempel als nötig. © Sylvia vom Hife

„Ich kann mich noch gut an meine eigene Kommunionvorbereitung erinnern“, sagt die Mutter, die in Netteberge groß geworden ist. Dafür habe sie sich Woche für Woche mit einigen andere Kindern bei einer Frau zu Hause getroffen: einer Katechetin. „Wir haben erzählt, gespielt und gemalt.“ Schön sei das gewesen. Kaum, dass sie selbst Kinder hatte, stand für sie fest „Das möchte ich auch einmal machen.“ Aber die Art der Kommunionvorbereitung hat sich inzwischen geändert.

„Erleben ist wichtiger als nur zu lernen“

Statt jeder Woche treffen sich die Kinder seltener: zu sechs verbindlichen Gottesdiensten und vier großen Aktionen wie dem Kochen nach biblischen Rezepten. Die Veranstaltungen finden nicht in privaten Wohnzimmern statt, sondern in Kirchen und Pfarrheimen, und nicht nur die einzelnen Mädchen und Jungen sind einbezogen, sondern die ganze Familien. „Wir laden dazu ein, Glauben und Gemeinde zu erleben“, sagt Thien. Gute Erfahrungen zu vermitteln sei nachhaltiger als nur Wissen weiter zu geben.

Elise behält das Gelernte und Erfahrene nicht für sich, sondern bespricht es - etwa mit ihrer Freundin, die aus einer hinduistischen Familie stammt. Die nicht wie Elise an ein Leben nach dem Tod glaubt, sondern an die Wiedergeburt. Elise spielt auch mit Kindern, die Gott Allah nennen. Und welche, die gar keinen Gott kennen. Ob sie miteinander befreundet sind oder nicht, hängt nicht davon ab. „Ich selbst möchte gerne etwas mit Gott zu tun haben.“


Auch die besten Freundinnen sind unter den Gästen

Die Einladungen sind schon ausgesprochen. Mit 25 Gästen will Elise ihre Erstkommunion feiern: Nicht nur Verwandte, sondern auch fünf ihrer Freundinnen werden kommen zu dem ersten großen Fest, bei dem sie alleine im Mittelpunkt steht. Den Geburtstag muss sie sich Jahr für Jahr mit ihrer älteren Schwester teilen, die am gleichen Tag zur Welt kam. Außerdem darf man dann auch nicht so ein tolles Kleid tragen.

Patsch, patsch. Barfuß springt das Mädchen wieder die Treppe hoch: umziehen, damit bis zum 26. Mai nichts schmutzig wird. Ihre Mutter schaut schmunzelnd hinterher. Das Kleid, sagt sie, habe nur 59,99 Euro gekostet. „Es gibt auch welche für über 300 Euro.“ Aber darauf komme es gar nicht an.

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