Die Selmer Schulen sind mit der digitalen Kommunikationssoftware IServ ausgestattet worden. Der Vater einer Selmer Grundschülerin hat datenschutzrechtliche Bedenken. Und nicht nur die.

Selm

, 12.09.2020, 12:05 Uhr / Lesedauer: 3 min

Über die Kommuniaktionsplattform IServ können die Lehrer mit den Schülern

direkt kommunizieren. Es gibt verschiedene Module, die unter anderem für das „Lernen auf Distanz“ genutzt werden können. Ein Schwerpunkt wird auf der Nutzung des Moduls „Aufgaben“ liegen. Hier stellt die Lehrperson eine Aufgabe zu einem festgelegten Zeitpunkt bereit und die Schüler müssen die Aufgabe zu einem festgelegten Zeitpunkt wieder abgeben. Dies kann zum Beispiel in Form eines Fotos des bearbeiteten Arbeitsauftrages geschehen. So hat es zum Beispiel die Overbergschule den Eltern ihrer Schüler mitgeteilt.

Wie melden sich die Schüler bei IServ an? Auch das beschreibt der Elternbrief so: „Nach der Unterzeichnung der Nutzungsvereinbarung durch Eltern und Schüler erhält jeder Benutzer und jede Benutzerin einen Account mit einem vorgegebenen Passwort durch die Klassenlehrkraft.“ Die Schüler bekommen also eine eigene E-Mail-Adresse mit einem eigenen Passwort. Und dort fängt für besagten Vater einer Grundschülerin aus Selm das Problem an.

Vater: Unklar, welche Daten gespeichert werden

Allein schon durch die E-Mail-Adresse, in der unter anderem der Klarname des Schülers steht, können laut dem Vater - IT-Spezialist - Rückschlüsse auf den Nutzer gezogen werden. „Da es sich um proprietäre Software handelt, ist nicht klar welche Daten tatsächlich gespeichert werden“, erklärt er gegenüber der Redaktion. Proprietäre Software bezeichnet eine Software, die das Recht und die Möglichkeiten der Wieder- und Weiterverwendung sowie Änderung und Anpassung durch Nutzer und Dritte stark einschränkt. „Ein Sicherheits-Audit liegt ebenfalls nicht vor“, sagt der Selmer.

Aber das sei noch nicht alles, was ihm Sorgen bereite. Er verweist auf den Artikel in einem Magazin, in dem folgender Fall beschrieben ist: Durch Zufall entdeckt die 43-jährige Mutter, dass sich ihr zwölfjähriger Sohn bei einem Porno-Portal angemeldet hatte. Dabei hatte sie ihm untersagt, einen eigenen E-Mail-Account einzurichten, da dieser ihm den Weg auf alle möglichen Internet-Seiten ebnen könnte. Doch das Verbot lief ins Leere. Die E-Mail-Adresse, mit der sich der Junge einloggte, hatte er von seiner Schule erhalten. Und zwar für eben eine Kommunikationsplattform.

Mutter: Zusätzliche Kontrollpflicht

Der Artikel schildert den Protest der Mutter, ihr werde von der Schule eine zusätzliche Kontrollpflicht aufgebürdet und gleichzeitig die Kontrolle vollständig aus der Hand genommen. „Denn selbst wenn die Eltern wollten, sie könnten ihre Kinder nur kontrollieren, wenn diese ihnen das Passwort preisgeben, das ihren Account vor unbefugtem Zugriff schützen soll“, wird die Frau im Bericht zitiert.

Genau das treibt auch den Selmer Vater um. Dass IServ und der E-Mail-Account quasi das Tor zu Schmuddelseiten sein könnten. Seine Reaktion auf die Einführung von IServ an der Grundschule seiner Tochter: „Wir haben dagegen Widerspruch eingelegt.“

Stadt: Umfangreiches Sicherheitskonzept

Wie geht der Schulträger - also die Stadt Selm - mit einem solchen Widerspruch um? Kann ein Kind von der Teilhabe an iServ befreit werden? Wenn ja, wie wird es dann im Falle der Notwendigkeit des Lernens auf Distanz beschult? Hat es weitere Widersprüche oder Proteste/Kritik in Sachen iServ an Selmer Schulen gegeben? Diese Fragen beantwortet Stadtsprecher Malte Woesmann so: „Bisher hat es eine Anfrage mit Bedenken zur Nutzung von IServ bei einer Selmer Schule gegeben, von der die Stadtverwaltung Kenntnis hat. Datenschutzrechtliche Bedenken stehen der Nutzung von IServ nach Ansicht der Stadtverwaltung jedoch nicht entgegen. Hinter IServ steht ein umfangreiches IT-Sicherheitskonzept, welches ständig an den aktuellen Stand angepasst wird.“

Zwar könne der Nutzer von allen Plattformen von überall (über Android-, Apple-, Windows-Geräte) auf die IServ-Lösung zugreifen. Der Zugriff erfolge standardmäßig ausschließlich auf Informationen innerhalb der schulinternen Lern- und Kommunikationsplattform. „Das heißt, die Schüler können nur ihre Lehrer oder Mitschüler anschreiben. Sie können weder E-Mails an externe Adressen schreiben noch empfangen. Somit besteht für Unbefugte keine Möglichkeit, auf personenbezogene Daten der Schüler zuzugreifen“, erklärt Woesmann.

Wie der Schüler oder die Schülerin, deren Eltern Widerspruch gegen die Verpflichtung zur Online-Plattform IServ eingelegt haben, im Falle eines möglichen Distanzunterrichts unterrichtet wird, entscheide die Schule, da es sich um eine innere Schulangelegenheit handelt, und nicht der Schulträger.

Wir haben den Schulpflegschaftsvorsitzenden des Selmer Gymnasiums, Andreas Godelmann, gefragt, ob ihm von Seiten der Eltern von Gymnasiasten ähnliche Sorgen bezüglich des Zugangs ihrer Kinder zu Schmuddelseiten bekannt seien. Antwort: „Bisher habe ich von Elternseite nichts Negatives gehört.“

Eltern schließen Nutzungsvereinbarung ab

Die Stadt verweist beim Thema IServ indirekt auf die Aufsichtspflicht der Eltern: „Eltern schließen für ihre Kinder eine Nutzungsvereinbarung mit der Schule ab.“

Hatte die Stadt eigentlich auch andere Kommunikationsplattformen als IServ im Blick? Auf eine CDU-Anfrage im Schulausschuss im Frühjahr zur Höhe der Kosten bei anderen Anbietern beziehungsweise Produkten hatte Beigeordnete Sylvia Engemann geantwortet, dass zum Beispiel „Logineo“ durch eine unzureichende Leistung nicht vergleichbar sei. So biete Logineo nur eingeschränkte Funktionen; die Schulen benötigen jedoch ein verlässliches und startbereites System. Auf Nachfrage der UWG hatte Ulrich Walter, Leiter des Städtischen Gymnasiums, gesagt, dass der eingeschlagene Weg mit IServ der richtige sei. Die Plattform werde sehr intensiv genutzt. Logineo erscheine bisher unsolide.

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