Ruckzuck war in der Zweifachsporthalle in Selm ein lokales Impfzentrum aufgebaut. Warum ging das nicht auch für ältere Menschen? © Arndt Brede
Meinung

Impfzentrum oder Impfen vor Ort? Ältere Menschen hätten die Wahl gebraucht

Ältere Menschen, die mitunter wenig mobil und besonders gefährdet sind, müssen weit zum Impfzentrum fahren. Warum konnten sie nicht wählen? Das ist eine verpasste Chance, findet unsere Autorin.

War das ein beeindruckendes Tempo, mit dem da in Selm am vergangenen Freitag zahlreiche Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen aus Kitas und Grundschulen geimpft worden sind.

Nur wenige Tage vorher, am Dienstag, gab die Stadt Selm bekannt, dass sich die neu gebaute Zweifachsporthalle am Campus in ein Impfzentrum verwandeln wird. Das hat auch gut funktioniert, nach allem, was man vor Ort und später im Nachgang von Kitas und Schulen gehört hat. Gute Organisation, professionelle Ausführung und ruckzuck gehen die Zahlen der Geimpften nach oben.

Keine Chance, zentrales Impfen geht erstmal nicht

Super Sache. Doch warum ist es plötzlich möglich ein Impfzentrum ganz zentral einzurichten, wenn vorher alle älteren Menschen der höchsten Prioritätsgruppe nach Unna fahren mussten? Ich erinnere mich zum Beispiel noch gut an ein Gespräch, das ich Anfang Februar, kurz vor der Öffnung der Impfzentren in NRW mit einer älteren Dame aus Selm geführt habe. Sie selbst wusste nicht, wie sie zum Impfzentrum kommen sollte. Ihr Enkel – der einzige Familienangehörige in der Nähe – konnte sie nicht fahren und Taxikosten so fürchtete sie, seien doch horrend für die lange Strecke.

Dabei hatte die Dame aber nicht nur sich im Sinn, sondern auch ihre Nachbarn, die sich ebenfalls fragten, wie sie denn nach Unna kommen sollten. Auch für die hoffe die Dame, dass es doch noch irgendwie eine baldige Impfmöglichkeit in der Nähe geben könnte. Zum Beispiel in der Zweifachturnhalle in Selm. Doch damals hieß es noch: Keine Chance, zentrales Impfen in Selm geht erstmal nicht.

Stundenlang Quälen mit einer Hotline und dann weit fahren

Ist das nicht ein ganz schöner Schlag für ältere Menschen? Sie mussten sich mitunter stunden- oder gar tagelang durch die Hotline der Kassenärztlichen Vereinigung quälen und irgendwie schauen, dass sie nach Unna ins Impfzentrum kommen. Während deutlich jüngere Menschen nun zentral geimpft werden können.

Klar ist, die Gruppe von Menschen, die am Freitag geimpft wurde, war recht überschaubar. Im Impfzentrum in der Zweifachturnhalle wurden etwa 500 Menschen geimpft. Riesig groß ist die Gruppe der Über-80-Jährigen auch nicht. Selm hat laut dem statistischen Landesamt IT.NRW 1660 über 80-Jährige. Einige von ihnen zählen sicherlich ohnehin zu der Gruppe der Pflegeheimbewohner, die zentral geimpft worden sind. Hätte man sich also zum Beispiel auf die älteste Gruppe der Über-80-Jährigen beschränkt, hätte man diese bei gleicher Auslastung innerhalb von drei Impftagen schon einmal mit der ersten Impfung versorgen können.

Klar ist aber auch, am Anfang, als es mit dem Impfen losging, gab es nur einen einzigen Impfstoff, nämlich den von Biontech und den auch nur in geringer Zahl. Kurz nach Weihnachten bekam jeder Landkreis und jede kreisfreie Stadt zum Beispiel zunächst gerade einmal 180 Impfdosen. Das heißt: Eine Menge, die rund einem Zehntel aller Über 80-Jährigen aus Selm entspricht gab es zunächst für den gesamten Kreis Unna. Total verständlich also, dass man haushalten musste und auch zunächst einmal in den Pflegeheimen gestartet ist.

Eine Wahl wäre förderlich gewesen

Die Frage ist also, ab wann ist genug Impfstoff vorhanden, dass alle Über-80-Jährigen im Kreis Unna geimpft werden können? Direkt zu Beginn hätte man schließlich noch nicht alle Städte mit genug Impfstoff versorgen können und man will und kann ja auch keine Stadt bevorzugen. Will man also lieber direkt am 8. Februar zum Start der Impfzentren in NRW geimpft werden und dafür nach Unna fahren oder wartet man lieber einen Monat und nimmt den beschwerlichen Weg nicht auf sich, um in einer Turnhalle in der Stadt geimpft zu werden?

Ich finde, diese Entscheidung hätte man den Damen und Herren über 80 überlassen müssen. Die, die fahren konnten und wollten, hätten sich einen Termin direkt zu Beginn holen können und alle anderen für einen späteren Zeitpunkt direkt vor Ort. So wären jetzt vielleicht inzwischen alle über 80-Jährigen geimpft, was aktuell immer noch nicht der Fall ist. Und so hätten Menschen selbst entscheiden können, ob für sie die schnelle Impfung Priorität hat oder ein leichterer Weg zur Impfung.

Entscheidungen selber treffen – ein demokratischer Prozess

So würde auch der Gedanke, „warum geht es denn jetzt auf einmal für diese Gruppe?“ gar nicht erst aufkommen, weil man sich selbst mit dem Für und Wider beider Optionen beschäftigt hat und mit den Konsequenzen leben muss. Und so gäbe es vielleicht auch mehr Verständnis für die Politik, die selbst ständig das Für und Wider ihrer Entscheidungen abwägen muss.

Das hätte den Prozess vielleicht an manchen Stellen komplizierter gemacht, aber es hätte vielen Menschen auch geholfen, sich nicht ohnmächtig zu fühlen. Zwei Optionen, eine Entscheidung. Und dann das Leben mit den jeweiligen Konsequenzen. So geht Demokratie und davon kann man gerade in der Corona-Krise nicht genug haben.

Über die Autorin
Redakteurin
Ich bin neugierig. Auf Menschen und ihre Geschichten. Deshalb bin ich Journalistin geworden und habe zuvor Kulturwissenschaften, Journalistik und Soziologie studiert. Ich selbst bin Exil-Sauerländerin, Dortmund-Wohnerin und Münsterland-Kennenlernerin.
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Sabine Geschwinder

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