Die Fahrt zum Impfzentrum ist für viele Menschen aus Selm eine Herausforderung. © dpa
Impfen

Impfzentrum in Lünen oder Selm? Das sagt Selmer Politik zu dem Vorstoß

Die Lüner Politik macht Druck und will ein Impfzentrum in die Stadt holen - auch für Selmer Senioren würde sich der Weg dadurch stark verkürzen. So stehen die Selmer Ratsfraktionen zu dem Vorstoß.

Die Kritik kommt von älteren Menschen, sie kommt von Ärzten und von der Politik: Das Impfzentrum für den Kreis Unna in der Kreisstadt sei einfach zu weit weg – gerade für die Menschen über 80, die nicht mehr ganz so mobil sind und für die eine Fahrt – etwa mit öffentlichen Verkehrsmitteln – eine zusätzliche Gefahr wäre.

Die SPD in Lünen hat jetzt die Frage aufgebracht, ob es nicht möglich wäre, zusätzlich ein Impfzentrum in Lünen zu etablieren. Davon könnten auch Menschen aus Selm profitieren, die dort dann einen wesentlich näheren Anlaufpunkt hätten als in Unna. Die Politik in Lünen macht Druck: Die Landtagsfraktion der SPD hat einen Antrag für die kommende Landtagssitzung eingebracht und wünscht sich, dass die Landesregierung flexible Standort-Möglichkeiten zum Impfen schafft, die insbesondere für Risikogruppen akzeptabel und erreichbar sind. Auch die Lüner CDU unterstützt diesen Vorstoß.

Wie steht die Selmer Politik zu diesem Vorstoß? Wir haben bei den Parteien nachgefragt.

Das sagt die Selmer SPD:

Als „völlig richtig“ schätzt Jürgen Walter, Fraktionsvorsitzender der SPD im Selmer Rat, den Vorstoß ein. „Lünen hat circa 85.000 Einwohner, da ist die Überlegung doch völlig richtig, über ein eigenes Impfzentrum nachzudenken beziehungsweise sich dafür auch politisch einzusetzen“, erklärt er auf Anfrage der Redaktion. Auch er sei schon von einigen Bekannten angesprochen worden, die ihren Unmut darüber geäußert haben, dass das Impfzentrum in Unna insbesondere für Menschen über 80 zu weit weg sei.

Gut wäre aus Sicht der SPD deshalb, wenn auch das Impfen in Selm möglich wäre. „Wünschenswert wäre, die Corona-Schutzimpfung in den Arztpraxen zu bekommen“, so Walter. Mehrere Hausärzte aus Selm hatten dazu ja schon Bereitschaft signalisiert.

Hinzu komme ein weiterer Punkt: „Für mich persönlich steht aber die Terminabsprache mit den Impfzentren zur Corona-Schutzimpfung sehr in Kritik, hierzu muss über bessere Anmeldungsmöglichkeiten nachgedacht werden“, so der SPD-Fraktionsvorsitzende.

Das sagt die Selmer CDU:

Auch die CDU-Fraktion im Rat der Stadt Selm unterstützt die Bemühungen der CDU und SPD aus Lünen zur Einrichtung eines Impfzentrums in Lünen, „wenn damit gleichzeitig die Möglichkeit verbunden ist, dass ein solches Impfzentrum auch von Selmer Bürgerinnen und Bürgern in Anspruch genommen werden kann“, erklärt Herbert Mengelkamp, Fraktionsvorsitzender der Selmer CDU.

„Beschwerden wegen der langen und umständlichen An- und Abreise nach Unna sind bei uns zwar noch nicht eingegangen, gerade für ältere Menschen ist der Aufwand aber erheblich und oft nur schwer zu bewerkstelligen“, sagt er weiter.

Initiativen bezüglich der Einrichtung eines weiteren Impfzentrums seien bislang von der CDU-Fraktion aber nicht geplant. „Da ein möglichst breiter Konsens wünschenswert ist, sollten entsprechende Bemühungen fraktionsübergreifend und in Absprache mit der Verwaltung und gegebenenfalls den Nachbarkommunen erfolgen“, so Mengelkamp.

Das sagt die Selmer UWG:

Die Fraktion der UWG befürworte zwar grundsätzlich kurze Wege, wie Fraktionsvorsitzender Hubert Seier, erklärt. „Wir sehen aber auch, dass das Hauptproblem zurzeit der Mangel an Impfstoff ist und nicht der Mangel an Impf-Orten“, sagt er weiter. „Der Gesetzgeber hat bisher nur ein Impfzentrum pro Landkreis zugelassen. Die Situation bezüglich Impfstoff wird sich hoffentlich bald ändern und die UWG unterstützt dann die Bemühungen der ortsansässigen Hausärzte, die bereitstehen, die Impfungen durchzuführen. Das wäre der sinnvollste Weg“, so Seier. Wenn sich dieser Hausarzt-Weg durchsetzen lasse, sehe die UWG keine Notwendigkeit eines zusätzlichen Impfzentrums. Sollte es aber doch kommen, bringt Seier einen Selmer Standort ins Spiel: „Wenn doch, dann eventuell die leer stehende Dreifach-Sporthalle in Selm…?“

Das sagen die Selmer Grünen:

„Auch die Grünen sind unbedingt für dezentrale Impfstandorte. Die Selmer Hausärzte haben ja bereits Vorschläge gemacht, wie das möglich sein könnte. Gerade für ältere Menschen wäre es wichtig, dass sie sich beim Hausarzt oder der Hausärztin impfen lassen können. Die Hausärzte kennen ihre Patienten und umgekehrt. Das Vertrauen in das Impfen kann so erheblich verbessert werden, da Unsicherheiten durch den bekannten Arzt ausgeräumt werden können. Der jeweils impfende Arzt müsste natürlich zu diesen Terminen entlastet werden – zum Beispiel durch Notfallsprechstunden“, erklärt Christina Grave-Leismann, Fraktionsvorsitzende der Grünen, auf Anfrage der Redaktion.

Sie sagt aber auch: „Ein zweites Impfzentrum wäre sicher für viele Betroffene eine Erleichterung, ist aber mit zusätzlichem Aufwand und Kosten verbunden. Wir würden deshalb eher ortsnahes Impfen befürworten, beim eigenen Hausarzt – eventuell an einem dafür ausgewähltem Standort.“

Das sagt die Selmer Familienpartei:

„Bei uns sind bereits zahlreiche Beschwerden und Nachfragen eingegangen. Für viele, nicht nur aufgrund ihres Alters gehandicapte Bürger ist der Weg zu weit und mit ÖPNV zu umständlich“, sagt Ralf Pieckenbrock, Fraktionsvorsitzender der Familienpartei im Selmer Rat auf Anfrage der Redaktion. „Eine weitere Dependance eines Impfzentrums in Lünen wäre sicherlich von der Weg-Zeit-Komponente nicht nur für Selmer Bürger und Bürgerinnen eine Verbesserung, es ist aufgrund der ländlich weitläufigen Strukturen unerlässlich“, sagt er weiter. „Letztendlich sollte der Weg allerdings zwingend über die Hausarztpraxen laufen“, erklärt der Fraktionsvorsitzende.

Als mögliche Standorte für zusätzliche Impfzentren schlägt er Werne oder Bergkamen-Rünthe und Selm vor. „Wir hatten uns als Fraktion im Kreistag Unna sowieso für dezentrale Impfstellen in allen Städten des Kreises ausgesprochen. Dies würde aber an einem Mehraufwand an Logistik und Personal scheitern, wurde uns vom Landrat mitgeteilt. Es wäre nun zu prüfen, ob diese Argumente auch für ein zweites Zentrum greifen.“

Das sagt die Selmer FDP:

„Wir sollten mit unseren Senioren so behutsam wie irgend möglich umgehen. Schon ein Transport nach Unna und zurück kann zu beschwerlich werden. Wir werden gegebenenfalls mit der Kreisvorsitzenden und gesundheitspolitischen Sprecherin der FDP-Landtagsfraktion Susanne Schneider versuchen, die starre Haltung des Gesundheitsministeriums aufzuweichen und flexible Lösungen mitzutragen“, erklärt Klaus Schmidtmann, Fraktionsvorsitzender der FDP im Selmer Rat.

Die FDP Selm werde versuchen, in der Ältestenratssitzung des Stadtrats eine einvernehmliche Regelung aller politischen Parteien und der Verwaltung herbeizuführen, wie er ankündigt. „Die Selmer Hausärzte haben sich bekanntlich bereit erklärt, die Impfungen zu übernehmen. Die Stadt kann unschwer in einer der derzeit ungenutzten Turnhallen ein Zentrum mit einer Impfstraße einrichten“, so Schmidtmann weiter. Das soziale Engagement der örtlichen Ärzteschaft verdiene im Interesse aller schutzbedürftigen Bürger Unterstützung.

Das sagt „Gemeinsam für Selm“:

„Es ist wirklich schwer zu verstehen, dass die Selmer Seniorinnen und Senioren

eine so lange Wegstrecke nach Unna, mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder gefahren von den Familienmitgliedern mit dem Auto, überwinden müssen. Wir werden angehalten Kontaktsperren einzuhalten und öffentliche Verkehrsmittel zu vermeiden und nun sollen Risikopatienten diesen Weg auf sich nehmen“, so Wolfgang Jeske für die Fraktion „Gemeinsam für Selm“ im Selmer Rat. Die Fraktion begrüße es daher, dass Hausärzte und Hausärztinnen aus Selm signalisiert haben, dass sie gerne in den eigenen Praxen impfen worden. „Wir bedanken uns ausdrücklich bei unseren Ärzten und Ärztinnen, für diese Bereitschaft und das Engagement und die Initiativen“, so Jeske.

Auch dem Vorstoß der Lüner Politik steht die Fraktion positiv gegenüber.

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