Holocaust-Ausstellung in der Synagoge Bork zeigt: Unter den Tätern waren auch Nachbarn

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Schon der erste Tag der Holocaust-Ausstellung in der Borker Synagoge hat berührende Einblicke gegeben. Der Titel: „Einige waren Nachbarn.“ Es geht um Täter, Mitläufer und Widerstand.

Bork, Selm

, 29.01.2020, 20:49 Uhr / Lesedauer: 4 min

Die Ausstellung heißt „Some Were Neighbours - Einige waren Nachbarn“: Kollaboration & Komplizenschaft im Holocaust“. Es ist ein eher sperriger Titel. Aber er lässt zumindest erahnen, welche Fragen die Ausstellung stellt. Die zentrale Frage „Wie war der Holocaust möglich?“ beleuchtet auch normale Bürger in der Zeit des NS-Regimes. Ihre Motivation für ihr Verhalten, die Spannungen, unter denen sie gelebt haben: Themen, die unter die Haut gehen.

Holocaust-Ausstellung in der Synagoge Bork zeigt: Unter den Tätern waren auch Nachbarn

Ein erschütterndes Fotodokument: Schaulustige sehen zu, wie die Polizei Juden zur Deportation auf Lastwagen verlädt, wie etwa hier in Kerpen im Jahr 1942. © Stadtarchiv Kerpen

Die Wanderausstellung des United States Holocaust Memorial Museums zeichnet in Texten und Fotos ein Bild von Motiven und Zwängen, die die Entscheidungen und Verhaltensweisen der gewöhnlichen Menschen während des Holocaust beeinflusste. Großflächige Text- und Fotoplakate - sogenannte Roll ups - erzählen Geschichte und Geschichten von einer Zeit, in der unzählige Menschen Schreckliches erlebt haben.

22 Informationswände

Insgesamt sind es 22 dieser Plakatwände. Aufgeteilt sind sie laut Manon Pirags, der stellvertretenden Leiterin der Volkshochschule (VHS) Selm, in drei Bereiche: „Der erste Bereich thematisiert das Verhalten der verschiedenen Bevölkerungsgruppen in Deutschland. Der zweite Teil nimmt Osteuropa, insbesondere Polen, in dem Blick, der dritte Teil insbesondere das westliche und südwestliche Europa. Die Länder, die etwas später besetzt worden sind, und wie sich die Bevölkerung dort verhalten hat.“

Begleitkraft steht für Fragen bereit

Die Besucher sind nicht allein gelassen mit und in der Ausstellung. Madeleine Bauch, Begleitkraft für Bildungs- und Kulturveranstaltungen, steht bereit. Für Fragen, aber auch, um den Besuchern gegen ein Pfand ein Tablet auszuhändigen. „Darauf haben wir zwei Hörbeispiele und ein Video von einer Situation in Polen“, führt Manon Pirags aus. Madeleine Bauch hat am Mittwoch die ersten Besucher empfangen. Zum Beispiel eine ältere Frau und einen älteren Mann, wie sie erzählt. Beide seien Borker und hätten sich schon vorher über Medien über jüdisches Leben informiert. Das hat Madeleine Bauch erfahren.

Holocaust-Ausstellung in der Synagoge Bork zeigt: Unter den Tätern waren auch Nachbarn

Madeleine Bauch steht den Besuchern bei Fragen zur Verfügung. © Arndt Brede

Der männliche Besucher habe sogar jemanden gekannt, der mitbekommen hatte, als ein Borker Jude abtransportiert wurde, berichtet die Begleitkraft. Diese beiden ersten Besucher der Ausstellung hätten auch Interesse an einer Führung bekundet. Was der Mann aber auch gesagt habe: „Dass sich viele durch die Ausstellung eher angegriffen fühlen“, sagt Madeleine Bauch.

Latente Frage nach der eigenen Schuld

Manon Pirags kann diese Äußerung einordnen: „In diesen Worten merkt man ja immer noch diese latente Frage, ob man sich selber schuldig gemacht hat.“ Das sei aber eben nicht das Ziel dieser Ausstellung, so die stellvertretende VHS-Leiterin. „Das Ziel ist, diese Spannung aufzuzeigen, in der die Leute damals waren. Es gibt eben vielfältige Gründe, warum jemand so reagiert hat und jemand anderes so.“ Es gehe darum, dafür sensibel zu machen, welcher Mechanismus der Nazis dahinter gesteckt habe, der die Gesellschaft systematisch gespaltet hat.

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Sara J. Bloomfield, Direktorin des United States Holocaust Memorial Museums, hat dazu gesagt: „,Einige waren Nachbarn‘ fordert uns heraus, wichtige Fragen zu stellen, wenn wir über die Motive und Zwänge nachdenken, die die Entscheidungen und Verhaltensweisen der Menschen in Deutschland und dem von Deutschland dominierten Europa während des Holocaust beeinflussten.“

Milch mit den Juden in Bork geteilt

Dass diese Ausstellung in der Synagoge in Bork gezeigt wird, ist ein Symbol. Ein Symbol dafür, dass Vergangenheit und Gegenwart nicht weit voneinander entfernt sind. Vergangenheit, die in der Ausstellung lebendig wird. Gegenwart, wenn man bedenkt, dass die Borker Synagoge Mittelpunkt jüdischen Lebens mitten im Borker Ortskern war. Dieser Umstand hat auch Gabi Schnieder dazu bewogen, am ersten Tag in die Ausstellung zu gehen. „Ich habe von meinen Eltern erzählt bekommen, dass meine Großmutter Milch mit den Juden geteilt hat“, erzählt die 58-jährige Borkerin.

Holocaust-Ausstellung in der Synagoge Bork zeigt: Unter den Tätern waren auch Nachbarn

Die Besucher können sich im Gästebuch eintragen. © Arndt Brede

Ein zweiter Grund für ihren Besuch: „Ich möchte auch mal wieder die Synagoge besuchen und sehen, wie sie sich entwickelt hat.“ Gabi Schnieders Generation hat noch erlebt, wie die Synagoge als Kohlelager genutzt wurde. „Ich habe als Kind nicht gewusst, dass das hier mal eine Synagoge war.“

Wie würden wir heute damit umgehen?

Der dritte Grund für Gabi Schnieders Besuch: „Ich frage mich oft, wie so etwas früher möglich war. Wie würden wir heute damit umgehen? Man sollte nicht so gleichgültig anderen gegenüber sein.“

Bis zum 6. März ist diese Ausstellung zu sehen. Daneben wird es noch ein Begleitprogramm der VHS geben. Zum Beispiel zum Thema „Jüdische Sportler in Westfalen“ am Dienstag, 11. Februar. Der Historiker Prof. Dr. Lorenz Peiffer hat mit seinem „historischen Handbuch für Nordrhein-Westfalen“ seine Geschichte und die der Vereine und zahlreicher weiterer Sportler erforscht und dokumentiert. Er wird daraus in der Alten Synagoge vortragen und zum Gespräch zur Verfügung stehen. Und zwar ab 18 Uhr.

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Mit dem Konzertprogramm „Hebräische Lieder“ präsentiert Esther Lorenz israelische und spanisch-jüdische Musikkultur. Am Sonntag, 9. Februar, ab 17 Uhr in der Synagoge.

Im März wird es dann eine Lesung mit Texten von verfemten und verbrannten Literatinnen geben, sagt Manon Pirags.

Öffentliche Führungen

Zudem wird es zwei öffentliche Führungen durch die Ausstellung geben. Die erste läuft am Sonntag, 9. Februar, ab 11.30 Uhr in der Synagoge. „Ich werde allerdings bei dieser Führung nur durch die Synagoge führen und nicht in den Borker Ortskern“, sagt Manon Pirags. Zu dieser Führung ist keine Anmeldung nötig.

Wenn möglich, wird Manon Pirags die Teilnehmer von Führungen aber eben auch zu Orten in Bork führen, die von jüdischem Leben im Ort zeugen. Zum Beispiel zu sogenannten Stolpersteinen vor Häusern, in denen einst Borker Juden gelebt haben, ehe sie deportiert wurden.

Der Eintritt in die Ausstellung und die Führungen sind kostenfrei.

Öffentlich Führungen durch die VHS werden ab vier bis zwölf Personen angeboten, für Schulklassen bis 20 Personen.

Terminvereinbarungen unter Tel. (02592) 9220.

Fotos und Zeitzeugen gesucht

Die Gedenkstätte Villa ten Hompel in Münster hat mit dazu beigetragen, dass die Ausstellung in unsere Region gekommen ist. Sie ruft dazu auf, der Gedenkstätte Fotomaterial und Dokumente, die nicht in staatliche Archive kommen sollen, zukommen zu lassen. Das werde wissenschaftlich begleitet und womöglich in die Ausstellung integriert. Kontakt: Tel. (0251) 4927101

Die VHS Selm möchte zudem Menschen, die bereit sind, ihre Erinnerungen zur Ortsgeschichte zu teilen, ermutigen, sich bei der VHS als Zeitzeugen zu melden. Kontakt: Tel. (02592) 9220.

Die Öffnungszeiten der Ausstellung „Some Were Neighbors - Einige waren Nachbarn“

Die Ausstellung in der Alten Synagoge Bork, Synagogenweg, ist dienstags von 16 bis 18 Uhr, mittwochs von 10 bis 13 und von 14 bis 16 Uhr und sonntags von 11 bis 13 Uhr.
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