Die Fahrt zum Impfzentrum ist für viele Menschen aus Selm eine Herausforderung. © dpa
Corona-Impfung

Fahrdienste zum Impfen: „Ehrenamtliche Fahrten nicht optimal“

Das Impfzentrum in Unna ist für viele Senioren nur schwer zu erreichen. Mancherorts gibt es private Fahrdienste. In Selm nicht - die Stadt will sich stattdessen für ein anderes Projekt einsetzen.

Wie sie es zum Impfzentrum nach Unna schaffen soll, das weiß Irmgard Lück aus Selm noch nicht. Ihre Kinder wohnen nicht in der Nähe und ihr Enkel, der hat immer erst spät Feierabend und einen freien Tag, der sei bei seinem Arbeitgeber gerade auch nicht drin, erzählt die Rentnerin am Telefon.

Lange Fahrt zum Impfzentrum

Sie sieht aktuell nur eine Option: das Taxi. „Aber da bin ich für alle Fahrten bestimmt 400 Euro los“, sagt Irmgard Lück. Schließlich sind bei einmal fahren nach Unna und wieder zurück etwa 40 Kilometer auf der Nadel. Und das muss man bei zwei Impfterminen auch mal zwei nehmen. Irmgard Lück geht es aber nicht nur um sich selbst. Sie hat von vielen Nachbarinnen und Nachbarn ebenfalls große Besorgnis darüber gehört, wie das gehen soll, mit der Fahrt zum Impfzentrum. „Ich kämpfe auch für andere“, sagt sie.

Wie teuer eine Fahrt zum Impfzentrum tatsächlich wäre, dazu möchte Dirk Unger von Taxi Unger keine Aussage machen. Das hänge zum Beispiel damit zusammen, ob das Taxi vor dem Impfzentrum nur 10 Minuten warten müsse, oder der ganze Prozess eine Stunde dauere. „Das wissen wir ja noch gar nicht so genau“, sagt Unger. Eine Einschätzung würde er dann aber bei Anfrage geben – auch abhängig des Wohnortes, denn nicht nur Menschen aus Selm rufen an.

Irmgard Lücks Wunsch wäre dieser: Ein eigenes Impfzentrum für Selm. „Wir haben doch hier ein Bürgerhaus und eine große Turnhalle“, sagt Lück. Stattdessen müssten sie und die anderen Senioren nun 40 Kilometer fahren, um eine Impfung zu erhalten.

Nur ein Impfzentrum pro Kreis

Das Land NRW hat in jeder kreisfreien Stadt und in jedem Kreis nur jeweils ein Impfzentrum errichtet. Das Land hatte das mit dem hohen Aufwand begründet, zum Beispiel, weil Impfstoffe aufwendig gekühlt werden müssten. „Hinzu kommt, dass in Impfzentren, in denen täglich hunderte Menschen geimpft werden, Impfstofflieferungen in großen Mengen aufgebraucht werden – bevor sie verfallen“, hat das Land dazu auf seiner Seite mitgeteilt.

Allerdings gab es in den vergangenen Wochen mehrere Vorstöße – auch aus Selm – um zum Beispiel Impfen in Hausarztpraxen vorzeitig möglich zu machen. Der Vorstoß, ein Impfzentrum in Lünen zu errichten, stieß auch in der Selmer Politik auf großes Interesse. Auch Irmgard Lück würde das zumindest als Alternative begrüßen. „Das wäre wenigstens nicht mehr ganz so weit.“

„Nicht optimal, Fahrten ehrenamtlich zu organisieren“

Doch gibt es keine Möglichkeit, Seniorinnen und Senioren einfacher nach Unna zu bringen? Im Kreis Coesfeld haben sich einige Vereine gefunden, die zum Beispiel einen ehrenamtlichen Fahrdienst zum Impfzentrum anbieten möchten. Wie der Verein MiO und die Landfrauen in Olfen.

Und in Selm? Die Stadt bestätigt, dass auch sie viele Hinweise zu der Problematik von Bürgerinnen und Bürgern erhalten habe. Bisher seien keine ehrenamtlichen Angebote dieser Art bekannt. Die Stadt selbst wird sich dabei auch nicht einbringen: „Die Stadtverwaltung sieht es auch aus mehreren Gründen nicht als optimal an, Fahrten ehrenamtlich zu organisieren“, so Stadtsprecher Malte Woesmann.

„Hier spielen versicherungstechnische Gründe oder auch die Frage, wie wird reagiert, falls es z.B. auf dem Rückweg zu Komplikationen nach der Impfung kommt, eine Rolle“, führt der Stadtsprecher die Gründe aus. Die Stadt setze sich vielmehr dafür ein, dass schnellstmöglich bei Vorhandensein von ausreichender Menge an Impfstoff vor Ort – z.B. in Hausarztpraxen in Selm – geimpft werde. So werde der für Ältere doch beschwerliche Weg nach Unna, ob mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder auch mit dem privaten Pkw, insgesamt vermieden. „Die Stadt hofft, dass dies schnell möglich wird und setzt sich dafür bei den entsprechenden Stellen ein“, so Woesmann.

Auch der Kreis Unna erklärt, dass er sich aus versicherungstechnischen Gründen nicht selbst, um Angebote bemühen wird. Eine Übersicht, ob es solche Angebote schon gibt, liege nicht vor, wie Kreissprecher Max Rolke erklärt. Er könne nur darauf verweisen, sich Hilfe bei Familie, Freunden und Bekannten zu holen.

Mit Bus und Bahn sei es zwar schwierig, die Fahrt zum und zurück vom Impfzentrum sei aber für die Impfwilligen und eine Begleitperson kostenlos. Menschen mit Behinderung können sich zum Beispiel bei der AWO und der DRK über entsprechende Transporte informieren. Mit einer von der Krankenkasse genehmigten Verordnung des Arztes falle dann nur noch eine geringe Selbstbeteiligung an.

„Man hat aber auch die Möglichkeit, sich später impfen zu lassen“, sagt Rolke. Und verweist damit auf die Möglichkeit, auch zu warten und sich dann später beim eigenen Hausarzt impfen zu lassen. Hausärzte, die hoffentlich ebenfalls schnell an Impfstoff kommen. NRWs Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann hatte selbst im Landtag gesagt, dass er die Idee von Schwerpunktpraxen begrüße, aktuell sei das aber nicht möglich, da nicht genug Impfstoff vorhanden sei. Impfstoff sei knapper als Gold, hatte Laumann im Landtag gesagt.

Über die Autorin
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Ich bin neugierig. Auf Menschen und ihre Geschichten. Deshalb bin ich Journalistin geworden und habe zuvor Kulturwissenschaften, Journalistik und Soziologie studiert. Ich selbst bin Exil-Sauerländerin, Dortmund-Wohnerin und Münsterland-Kennenlernerin.
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Sabine Geschwinder

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