Bons zuhauf: Müll, den laut Maria Artmann keiner haben will. © Arndt Brede (Archiv)
Bonpflicht

Einzelhändler zu einem Jahr Bonpflicht in Selm: Von Pflicht bis Ärger

Unnötige Müllberge, Mehraufwand, zusätzliche Kosten: Als mit Beginn des Jahres 2020 die so genannte Belegausgabepflicht eingeführt wurde, war die Aufregung groß. Und jetzt?

Ein Jahr gibt es die Bonpflicht. Vor allem seitens der Inhaber kleinerer Geschäfte, wie Bäcker oder Kioske, bei denen oft auch nur kleinere Beträge über die Ladentheke gehen, wurde Kritik laut.

Andreas Langhammer, Inhaber der gleichnamigen Bäckerei in Bork, hingegen sieht die Bonpflicht auch nach einem Jahr noch gelassen: „Die ganze Diskussion hinter der Sache konnten wir eigentlich nie richtig verstehen“, sagt er. „Bei uns ist es schon seit 55 Jahren üblich, den Bon auszugeben. Und die allermeisten Kunden nehmen ihn auch mit.“ Ob Pflicht oder nicht – danach frage bei ihm kein Mensch mehr. Er jedenfalls habe, durch die Einführung der Pflicht keine Veränderung bemerkt. Auch nicht in seiner Mülltonne.

Durch das Ausdrucken des Bons werden die Daten in der Kasse digital auf einem Chip gespeichert, erklärt Langhammer, sodass die ausgedruckten Kassenzettel tatsächlich nur für die Tonne sind. Ab dem 1. April nun soll es ohnehin ein neues Kassensystem geben: eine technische Sicherheitseinrichtung (TSE), die die Finanzaufsicht direkt einsehen kann. Dafür müssen neue Kassen bestellt werden. Dass das ausgerechnet jetzt während der Coronapandemie kommt, stört Langhammer aber nicht. Es sei lange genug angekündigt gewesen und halte sich finanziell auch im Rahmen.

Vielmehr macht er sich Gedanken darüber, „dass mit dem Kontrollsystem beim kleinsten Mann angesetzt wird. Wir Kleinen werden immer gläserner, dabei müsste man bei den Oberen viel mehr kontrollieren. Irgendwo passt das nicht.“

Zwei Bons pro Woche

Nadine Wolf, langjährige Mitarbeiterin in der ehemaligen Trinkhalle Kiwall und auch nach dem Inhaberwechsel noch hinter der Ladentheke, ärgert sich hingegen schon. Es sei wirklich eine Menge Müll; jeden Tag eine kleine schwarze Tonne voll. Auf den meisten Waren – wie Zigaretten oder Zeitschriften – stünde der Preis auch ohnehin drauf. „Wenn ich in der Woche zwei Bons an Kunden rausgebe, ist das schon viel. Ich finde das wirklich totalen Quatsch“, sagt sie. Über Mehraufwand beschwert sie sich aber nicht: „Man muss eben öfter mal die Rolle wechseln“, sagt sie lachend.

Und Maria Artmann, Inhaberin der gleichnamigen Bäckerei, sagt: „Wir bezahlen für selbst produzierten Müll, den keiner haben will.“ In ihrer Bäckerei fällt pro Tag ein Zehn-Liter-Eimer an Bon-Müll an. Das bewirkt, dass die schwarzen Container seit einem Jahr statt alle vier Wochen, alle drei Wochen abgeholt werden müssen. Die neuen Kassen mit dem neuen Sicherheitssystem sind schon in Betrieb – Kostenfaktor: 250 Euro pro Kasse. „Aber das war eben Pflicht und dann halte ich mich eben auch daran“, sagt Artmann.

Über die Autorin
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In und um Stuttgart aufgewachsen, in Mittelhessen Studienjahre verbracht und schließlich im Ruhrgebiet gestrandet treibt Kristina Gerstenmaier vor allem eine ausgeprägte Neugier. Im Lokalen wird die am besten befriedigt, findet sie.
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Kristina Gerstenmaier

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