„Einen konkreten Fall gibt es glücklicherweise nicht“, sagt Selms Gleichstellungsbeauftragte Petra Bröscher. „Aber es ist wichtig, dass Zwangsheirat politisch thematisiert wird.“ Mit Plan.

Selm

, 16.03.2020, 22:15 Uhr / Lesedauer: 3 min

Über zehn Jahre ist es her, dass sich das Netzwerk „Wegen der Ehre“ gegen Zwangsheirat und Gewalt in der Familie im Kreis Unna gründete. Anlass war der Tod von Hatun Sürücu im Jahr 2005, die in Berlin lebte und ein unfassbares Schicksal erlitt: Die alleinerziehende Mutter wurde von ihrem Bruder auf offener Straße erschossen - wegen der Familienehre. Ein Fall, der zu einer großen Solidarisierungsbewegung aller Frauen in Deutschland führte - und zur Gründung des Netzwerks im Kreis Unna.

Dem gehören die Gleichstellungsbeauftragten der Kommunen, das Multikulturelle Forum, die katholische Jugendsozialarbeit In Via im Kreis Unna, die Direktion Kriminalität Kriminalprävention/Opferschutz Kreis Unna und das Jobcenter an. Ihre Arbeit findet nicht an runden Tischen statt, sie beginnt vor Ort. Vor allem in den Schulen. Denn Beratungsangebote erreichen betroffene junge Menschen erst spät oder gar nicht.

Film soll sensibilisieren

Gemeinsam mit dem Kommunalen Integrationszentrum Kreis Unna startet das Netzwerk daher nun einen ganz niederschwelligen Ansatz: Es gibt einen Film, dessen Geschichte auf dem wahren Schicksal von Hatun Sürücü beruht: „Nur eine Frau.“ Das Netzwerk hat für ein Jahr die Rechte an diesem Film erworben - und will ihn Schülerinnen und Schülern ab der neunten Klasse, allen interessierten Mädchen- und Frauengruppen und ehrenamtlich arbeitenden Netzwerken zeigen. Um zu sensibilisieren, um Freunden, Nachbarn, Lehrern aufzuzeigen, das Krach in der Familie nicht immer nur pubertäre Ursachen haben muss, sondern tiefer gehen kann. Viel tiefer.

„Es ist zwar ein abstraktes Problem“, sagt Selms Gleichstellungsbeauftragte Petra Bröscher. „Aber es ist wichtig, dass Zwangsheirat politisch thematisiert wird.“ Denn dieser Eingriff in die Menschenwürde betrifft nicht nur Mädchen in patriarchalisch geprägten muslimischen Familien. „Es gibt auch Jungen, die leiden“, weiß Sevgi Kahraman-Brust vom Kommunalen Integrationszentrum (KI) des Kreises Unna.

Auch homosexuelle Männer sind betroffen

Denn natürlich gibt es auch in Familien mit erzkonservativem Verständnis homosexuelle Jungen. Sich da zu outen, ist nahezu unmöglich. „Für schwule junge Männer ist eine arrangierte Ehe oft toll“, weiß Sevgi Kahraman-Brust. Das sei für die jungen Männer oft der einzige Ausweg aus ihrer misslichen Lage. Doch auch sie leiden – denn es ist mehr als nur ein Etikettenschwindel.

Das Netzwerk macht deutlich: Wenn es gegen den Willen der Beteiligten zur Verlobung oder Heirat kommt, liegt eine Verletzung der Menschenrechte vor. „Und das gilt es mit aller Entschiedenheit zu bekämpfen“, sagen die Mitglieder des Netzwerks „Wegen der Ehre“ unisono.

Betroffenen Menschen dezent helfen

Wichtig ist es daher, dass das Umfeld auf das Dilemma aufmerksam wird, in dem junge Menschen stecken, die sich dagegen zu wehren versuchen. Ihnen jedoch öffentliche Anlaufstellen vor Ort zu bieten, ist schwierig. „Betroffene junge Leute werden meist von ihrer Community überwacht“, weiß Sevgi Kahraman-Brust. „Und wenn rauskommt, dass die sich über ihre Möglichkeiten informieren, geht die Welle erst richtig los.“ Rat, Hilfe und Betreuung gibt es trotzdem: Dank moderne Technik. Und die Betroffenen können zudem anonym bleiben, solange sie es möchten. Es gibt Online-Portale oder Telefonberatung mit professioneller Hilfestellung, deren Nutzung unauffällig ist.

Zur Sache

  • Eine Anlaufstelle für Mädchen, junge Frauen und junge Männer, die von häuslicher Gewalt, psychischer Gewalt, Zwangsverheiratung oder Ehrenmord betroffen sind, ist der Verein HennaMond in Köln.
  • Die Beratungsstelle ist unter Tel. 0221/16993-101 oder -102 erreichbar.
  • Die Notrufnummer lautet 0172/2639593.
  • www.hennamond-ev.de

Auch das Umfeld findet hier Ansprechpartner, wenn es nicht weiter weiß. Schulklassen, Freundeskreis, Lehrer, Arbeitgeber, Stadtverwaltungen, Nachbarschaften, Kirchengemeinden, jeder kann etwas tun. Wenn er das Problem erkennt. Und dafür soll der Film sensibilisieren. Der kann überall kostenlos gezeigt werden, im Anschluss können Gesprächsrunden durchgeführt werden. Für Schüler gibt es vor- und nachbereitendes Unterrichtsmaterial.

Planungen für Vorführungen des Films laufen

Bei den Schulkino-Wochen wurde der Film bereits gezeigt, und die Schüler diskutierten danach intensiv. Einige Schulen im Kreis haben den Film inzwischen schon geordert, wollen Projekttage daraus machen. Die Volkshochschule Selm wird ihn am 25. November zeigen, erklärt Selms Gleichstellungsbeauftragte Petra Bröscher. „Es ist wichtig, dass alle für das Thema sensibilisiert werden.“

Sie selbst beginnt nun, für den Film und das Angebot des Netzwerks die Werbetrommel zu rühren. „Wir sind in der Programmplanung. Das läuft gerade alles an.“ Sie stellt auch gerne den Kontakt zum Netzwerk und Sevgi Kahraman-Brust vom Kommunalen Integrationszentrum her, die Film und Materialien vermitteln kann. Sevgi Kahraman-Brust ist aber auch unter Tel. (02307) 9248874 erreichbar oder per Mail an sevgi.kahraman-brust@kreis-unna.de. Mindestens drei Wochen Vorlaufzeit sind für einen Wunschtermin notwendig.

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