Ein Exot: Oliver Schilling ist der einzige Tagesvater in Selm

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Schon ein bisschen „exotisch“ sei er durch seinen Beruf, sagt Oliver Schilling. Er ist unter den 45 Tagespflegepersonen in Selm der einzige Mann. Er erzählt, wie er Tagesvater geworden ist.

Selm

, 02.06.2020, 07:15 Uhr / Lesedauer: 3 min

„Ich lebe das hier“, sagt Oliver Schilling und schaut sich in dem großen Raum um. Hinten in der Ecke ist ein großer Spielturm aus Holz aufgebaut, es gibt ein Bällebad, ein Trampolin, einen ganzen Fuhrpark aus Bobbycars, eine Balancierstange, große Matten, Spielzeug ohne Ende. Und natürlich auch jede Menge Kinder, die all‘ das nutzen. Unter den Augen von Oliver Schilling. Er ist Tagesvater - der einzige in Selm. „Das ist schon ein bisschen exotisch“, gibt der Selmer lachend zu.

Die Stadt Selm ist keine Ausnahme: Kinderbetreuung in Form von Tagespflege - das ist deutschlandweit immer noch eine Branche, in der vor allem Frauen tätig sind. Oliver Schilling ist 51 Jahre alt - bevor er die Ausbildung zum Tagesvater gemacht hat, hat er lange in einem Beruf gearbeitet, den man wahrscheinlich als eher „typisch“ für einen Mann bezeichnen würde: Er war Betriebsschlosser.

Aber dann kam es vor sieben Jahren zu einem Wendepunkt in seinem Leben. Sein damals neunjähriger Sohn zog zu ihm. „Und dann war es mir einfach zu gefährlich, weiter in dem Beruf zu arbeiten“, sagt Oliver Schilling. Er musste, so erzählt er, für seinen Job auf Fernmeldetürme klettern. In schwindelerregende Höhen. Durch einen Beinahe-Unfall war sein Kopf dafür irgendwann nicht mehr frei. Hinzu kam der Gedanke an seinen Sohn. Der Job, so sagt es Oliver Schilling, ließ sich nur schwer vereinbaren mit der neuen Aufgabe als alleinerziehender Vater.

In dem Raum, in dem jetzt die Tagespflege von Oliver Schilling und Sharon Wisse ist, war früher unter anderem eine Gaststätte und ein Tanzstudio.

In dem Raum, in dem jetzt die Tagespflege von Oliver Schilling und Sharon Wisse ist, war früher unter anderem eine Gaststätte und ein Tanzstudio. © Marie Rademacher

„Der Traum von mir war immer, Heil- und Erziehungspfleger zu werden“, sagt Oliver Schilling im Gespräch mit der Redaktion. Sein Vater hatte als Sozialarbeiter gearbeitet, war ihm da Vorbild gewesen. „Ich wollte mit Kindern oder Menschen mit Behinderung arbeiten“, erzählt er im Rückblick an diesen Wendepunkt in seinem Leben, als er den Job als Betriebsschlosser aufgab und neu anfangen musste.

Gar nicht unbedingt mit der Absicht, dass das seine neue Profession werden könnte, sondern anfangs vielmehr aus einfachem Interesse, so erzählt er, fing er dann 2016 bei der Familienbildungsstätte eine Ausbildung für Tageseltern an.

„Herr Schilling, machen Sie sich nicht so viele Hoffnungen“

Er war der einzige Mann im Kurs, erzählt er. Für ihn sei das nie ein Problem gewesen. Jedoch, so sagt er, habe er schon ein paar Mal gehört, dass es durch sein Geschlecht in dem Beruf vielleicht Vorurteile geben könnte. „Mit wurde prophezeit: Herr Schilling, machen Sie sich nicht so viele Hoffnungen, dass Sie in dem Beruf gut arbeiten können.“ Warum das so sein sollte? „Ich kann es gar nicht sagen“, sagt Oliver Schilling und zuckt mit dem Schultern.

Jedenfalls, so erzählt er weiter, sei die Prophezeiung nicht wahr geworden. „Sie hat sich komplett widerlegt“, sagt der Selmer Tagesvater heute. Seit er seit 2016 Kinder betreut, so sagt es Oliver Schilling, gibt es die Nachfrage der Eltern auch. Manchmal sei es sogar so, dass Mütter oder Väter sich wünschen, dass ihre Kinder nicht allein von Frauen betreut werden, erzählt Oliver Schilling.

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Zusammen mit seiner Lebensgefährtin Sharon Wisse hat er in der Altstadt in Selm seit August 2019 die Großtagespflege „Steppke Stub‘n“. Sie betreuen dort bis zu zehn Kinder in den Räumlichkeiten, die früher mal eine Gaststätte und dann auch eine Tanzstudio beherbergten. Wie auch seine Lebensgefährtin Sharon Wisse tritt Oliver Schilling in diesem Jahr bei der Kommunalwahl für die Familienpartei für einen Wahlkreis und mit einem Listenplatz an.

Mit der Kinderbetreuung habe Politik aber wenig zu tun, sagt Oliver Schilling. „Wir sehen hier nicht das Negative im Menschen oder im Kind und gehen positiv auf alle zu“, sagt er. „Ich bin außerdem sehr unkompliziert und komme eigentlich mit jeder Art von Mensch klar.“

Den Schritt, Tagesvater geworden zu sein, so sagt er noch, habe er nie bereut. „Ich bin seitdem nie weider aufgestanden und habe gedacht: Oh, nein, schon wieder arbeiten“, sagt er und lacht.

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