Anwohner sind verzweifelt und Fahrradfahrer fühlen sich nicht mehr sicher - am Beifanger Weg sind Raser ein großes Problem. Ein Anwohner erzählt von seinen Erlebnissen.

Selm

, 23.09.2019, 04:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Über 60 Prozent der Autofahrer, die über den Beifanger Weg fahren, sind mindestens acht Km/h zu schnell. Das hat eine Probe-Messung des Kreises Unna ergeben. Seitdem wird an der vielgenutzten Straße häufiger geblitzt.

Ein Anwohner zweifelt allerdings daran, dass die Straße dadurch weniger gefährlich wird. Er selbst hat schon einige schlechte Erfahrungen am Beifanger Weg gemacht.

„Mir fehlt der Glaube daran“, sagt Matthias Lezius (43) bezüglich einer Verbesserung der Situation am Beifanger Weg. Er selbst glaube nicht daran, dass häufigere Geschwindigkeitskontrollen auf Dauer etwas bewirken werden. Das liege vor allem daran, dass eben „nicht nur Wiederkehrende“ den Beifanger Weg nutzen, sondern es auch einen hohen Durchgangsverkehr gebe.

2016 musste die Stadt einige Hindernisse wieder abbauen

„Das sieht man an den Kennzeichen“, erklärt Lezius. Nur allzu häufig sehe er Autos mit Kennzeichen aus Dortmund, Münster, Düsseldorf und anderen Großstädten. Es sei schon „so weit, dass Google den Durchgangsverkehr hier durchschickt“, sagt er.

Er selbst sei 2012 mit seiner Familie an den Beifanger Weg gezogen. Damals sei es eine ruhige Straße Straße gewesen. „Deswegen hatten wir uns dafür entschieden“, erinnert er sich. Doch spätestens seit die Stadt 2016 einige verkehrsberuhigende Hindernisse abbauen musste, nahm das Raser-Problem deutlich zu.

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Vor einigen Wochen wurde dann probeweise mit einem kleinen Kasten am Beifanger Weg gemessen, wie viele dort wirklich zu schnell fahren. Dass am Ende sogar mehr als 60 Prozent der Fahrer schneller als 38 Km/h waren, obwohl nur 30 erlaubt sind, war auch für Matthias Lezius überraschend.

Am Beifanger Weg wird „ohne Rücksicht auf Verluste überholt“

Und die höhere Geschwindigkeit vieler Autofahrer bedeutet auch eine höhere Lärmbelastung. „Bei einigen Nachbarn liegen die Nerven blank“, sagt er. Wer direkt am Beifanger Weg seinen Garten habe, der könne im Sommer kaum draußen sitzen. „Ab fünf Uhr geht es schon los“, erzählt der 43-Jährige. Einige Anwohner würden sogar schon überlegen, ihr Haus zu verkaufen.

Doch nicht nur der Lärm sei ein großes Problem - die Raser würden auch noch sich und andere Verkehrsteilnehmer mit riskanten Fahrmanövern gefährden. „Ich hab schon mehrfach beobachtet, wie Erwachsene auf die andere Straßenseite wechseln, weil es zu gefährlich ist“, sagt Matthias Lezius.

Gerade in der Kurve, wenn man vom Bahnhof Beifang Richtung Kreisstraße unterwegs sei, werde oft „ohne Rücksicht auf Verluste überholt“. Ein Vorfall ist dem Familienvater besonders im Gedächtnis hängen geblieben.

Ein Autofahrer drohte, die Polizei zu rufen - wegen eines parkenden Wagens

„Da kam ein Mädchen mit dem Rad, von vorne kam ein Auto und von hinten kam auch einer angeflogen“, erzählt er. Aus Angst vor den beiden Autos - das von hinten kommende habe dann auch noch überholt - sei das junge Mädchen ins Feld gefahren. „Die wusste gar nicht, wo sie hin soll“, schimpft er.

Zu dem oft rücksichtslosen Verhalten der Autofahrer komme dann sogar noch eine extreme Unfreundlichkeit und teilweise sogar ein aggressives Verhalten hinzu. Im Frühjahr habe er sein Auto für einige Zeit „auf die Gegenseite gestellt“, also auf die Feldseite. Damals habe es keine zehn Minuten gedauert, ehe die ersten Hupen ertönten.

Zudem sei ihm schon nach kurzer Zeit erstmals ein Mittelfinger aus einem vorbeifahrenden Auto gezeigt worden. Ein Autofahrer habe ihm „Du Arschloch, stell dein Auto auf die andere Seite“ zugerufen, erzählt er. Ein anderer habe sogar mal bei ihm geklingelt und gefragt, wem das Auto auf der Straße gehöre.

Neue verkehrsberuhigende Hindernisse sind nicht erlaubt

Der Mann habe dann behauptet, „das ist ein Verkehrshindernis“, erinnert sich Matthias Lezius. Dann habe der Fahrer damit gedroht, die Polizei zu rufen. Ein Parkverbot gibt es an der Straße allerdings nicht. „Ich hab auch die Polizei gefragt, ob man da parken kann“, sagt der 43-Jährige.

Und von der Stadt sei das Parken auf dem Beifanger Weg sogar angeregt worden. Malte Woesmann, Sprecher der Stadt Selm bestätigt auf Anfrage, dass auch am Beifanger Weg „das Parken am rechten Fahrbahnrand gestattet“ ist.

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Für Matthias Lezius gibt es eine einfache Lösung, wie das Raser-Problem angegangen werden könnte: „Wenn man 30 durchsetzen will, muss das baulich gemacht werden.“

Überlegungen, neue Hindernisse zu bauen gibt es aber bei der Stadt Selm nicht. „Da dies nicht zulässig ist“, erklärt Woesmann. Der Beifanger Weg habe „eine Verbindungsfunktion zum Beispiel für die Häuser und Wohnungen in der Spinn-Evert-Siedlung und ist keine reine Wohnstraße.“

Tempo 30 ist gar nicht korrekt, wird aber toleriert

Er betont aber, dass auch die Stadt Selm „bedauert, dass die zulässige Geschwindigkeit dort von vielen überschritten wird“. Eigentlich müsste am Beifanger Weg aber auch Tempo 50 gelten, sagt er. „Die Temporeduzierung auf 30 Km/h wird lediglich von der Aufsichtsbehörde toleriert.“

Vor einem Jahr habe die Stadt schon mal mit einem Geschwindigkeitsdisplay am Beifanger Weg auf das Tempolimit aufmerksam gemacht. So ein Display soll auch in Zukunft wieder dort aufgestellt werden, so Woesmann.

Ein Radweg sei derweil aber nicht geplant. „Da auf dem Beifanger Weg Tempo 30 gilt, ist dies nicht unbedingt erforderlich“, erklärt der Stadtsprecher. In der Regel gebe es auf solchen Straßen auch keine eigenen Radwege mehr. Außerdem könne „im bestehenden Querschnitt der Straße kein eigener Radweg zusätzlich angelegt werden“.

Die skurrile Geschichte des Beifanger Wegs

  • Im vergangenen Jahrzehnt wurde der Beifanger Weg für 700.000 Euro ausgebaut. Zum Bau gehörten auch einige verkehrsberuhigende Hindernisse, die im Laufe der Jahre nach Gesprächen mit Anwohnern hinzukamen.
  • Das fand die Bezirksregierung Arnsberg allerdings nicht gut. Denn die Stadt Selm hatte Fördergelder für den Umbau einer verkehrs- und nicht anwohnerwichtigen Straße erhalten.
  • Daher forderte die Bezirksregierung Arnsberg 2016 nach einer Prüfung, ob nach Richtlinien gebaut wurde, 306.000 Euro aus dem Fördertopf von der Stadt zurück. Einzige Alternative: Die Stadt sollte einige verkehrsberuhigenden Hindernisse zurückbauen und tat dies dann auch.
  • Der Beifanger Weg wurde daraufhin eine Vorfahrtsstraße. Dennoch blieb auch weiterhin Tempo 30 als vorgeschriebene Höchstgeschwindigkeit.
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