Dramatischer Einbruch bei den Kiebitzen - einst häufiger Vogel ist vom Aussterben bedroht

dzArtensterben in Selm

Der schrille Ruf „Kiewitt-kiewitt“ hat einst zum Frühjahr gehört wie die bunten Eier und der Osterhase. Inzwischen ist er kaum noch in Selm zu hören. Ein Alarmsignal.

Selm

, 18.04.2019 / Lesedauer: 3 min

Eins.“ Uwe Norra schüttelt den Kopf. Ein einziges Brutpaar haben er und andere Vogelkundler am 6. April in Selm entdeckt: am Tag der kreisweiten Kiebitzzählung. „Ich weiß“, sagt er, „wie ich 1986 nach Selm gezogen bin.“ Da sei es noch ganz selbstverständlich gewesen dass die taubengroßen, schwarzweißen Vögel im Frühjahr zum Brüten kamen und ihren Nachwuchs aufzogen. „Und jetzt haben wir in Selm nur noch ein einziges Paar“ - in Ternsche.

Stadtweit sind die Vogelzähler auf 14 Brutpaare gekommen. Da mache es sich bemerkbar, dass Landwirte in Bork an speziellen Schutzprogrammen teilnehmen würden. Gegen eine Entschädigung durch das Land NRW lassen sie Flächen liegen, auf denen Kiebitze brüten. Es entstehen sogenannte Kietbitzinseln: letzte Rückzugsräume für den bedrohten Feldvogel.

„Wir können den Kiebitzen beim Aussterben zusehen.“
Uwe Norra, Vogelkundler aus Selm

Von einem Erfolg zu sprechen, geht Norra, der seit seinem neunten Lebensjahr Vögel beobachtet, dennoch nicht über die Lippen. 2014 seien es noch 32 Brutpaare in Selm gewesen und 1999 sogar 63. „Wir können“, sagt der Selmer, „gerade einer Art beim Aussterben zusehen“ - und es sei nicht die einzige.

Nicht nur die Kiewittt“-Rufe sind verstummt, auch der Gesang der Feldlerche, die der Naturschutzbund Deutschland (BUND) zum Vogel des Jahres 2019 gekürt hat - so lange das überhaupt noch geht. Mit ihren melodiösen Weisen von der Morgendämmerung bis zum Abend läutete sie alljährlich den Frühling ein. „Davon ist gar nichts mehr zu hören.“ Die Ursachen seien die gleichen wie bei den Kiebitzen, so Norra.

Die Intensivierung der Landwirtschaft nimmt Feldvögeln den Lebensraum, wie er erklärt. Kiebitze brüten in der offenen Landschaft, am liebsten auf braunem Boden. Ende Mai legen sie meist vier Eier in eine Kuhle auf nackten Äckern und brüten dann 28 Tage: schlechtes Timing. Denn zur selben Zeit beginnen die Landwirte mit der Bestellung des Bodens.

Dramatischer Einbruch bei den Kiebitzen - einst häufiger Vogel ist vom Aussterben bedroht

Das Kiebietzpaar hatte 2015 keine Probleme, dass in nächster Nahbarschaft Menschen lebten. © Uwe Norra

2015 hatte Uwe Norra noch mit dem Fotoapparat dokumentiert, wie Kiebitze in Selm aufgewachsen sind: flauschige Vögelchen, die auf Einzelparzellen unweit von Straßen und Häusern aufwuchsen. Am Hüttenbachweg und in der Selmer Mitte habe es da feste Brutreviere gegeben. Das sei nun vorbei.

  • Kiebitzeier galten früher als Delikatesse. Reichskanzler Otto von Bismarck bekam etwa nach Auskunft des Naturschutzbundes Deutschland (NABU) jedes Jahr zu seinem Geburtstag 101 Kiebitzeier von einer Stammtischrunde aus Jever geschenkt.
  • In Europa sei das Sammeln von Kiebitzeiern aber inzwischen verboten, da die Art in ihrem Bestand bedroht sei. „Die Jagd ist aber trotzdem noch in manchen Ländern wie Spanien völlig legal“, sagt Uwe Norra. Warum Kiebitze gejagt werden? „Um sie zu essen.“
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