Die neue Düngeverordnung und ihre Auswirkungen auf Natur und Landwirte

dzNeue Düngeverordnung

Ein Jahr später als geplant tritt die neue Düngeverordnung für Landwirte erst 2021 in Kraft. Was sich für Selmer Landwirte ändert und warum die Verordnung greift - dazu Fragen und Antworten.

Selm

, 05.04.2020, 16:20 Uhr / Lesedauer: 4 min

Am Freitag (27. März) haben die Bundesländer abgestimmt: Die neue Düngeverordnung für Landwirte tritt wegen der Corona-Pandemie erst ab dem Jahr 2021 in Kraft. Eigentlich sollte sie schon ab dem 1. April dieses Jahres greifen. Worum geht es bei der neuen Düngeverordnung genau? Worauf müssen auch Selmer Landwirte beim Düngen künftig achten? Warum spaltet die Verordnung Landwirte und Naturschützer in zwei Lager? Wir beantworten die wichtigsten Fragen zum strittigen Thema.

Was sind die wichtigsten Änderungen für Landwirte?

Nach der neuen Düngeverordnung dürfen Landwirte auf ihren Feldern, die in die sogenannten roten Gebiete fallen, ab dem Jahr 2021 nur noch 80 Prozent des vorherigen Düngemittel-Betrags ausgeben. Zudem ist die Herbstdüngung in roten Gebieten künftig komplett verboten.

Bei den roten Gebieten handelt es sich um landwirtschaftlich genutzte Flächen, bei denen der Nitratwert im Boden und im Grundwasser zu hoch ist. Diese roten Gebiete wurden ermittelt durch Messungen, die laut Friedhelm May, Sprecher des Ortsvereins der Selmer Landwirte, jedoch teilweise fehlerbehaftet waren.

„Die NRW-Umweltministerin Ursula Heinen-Esser hat ihre Hausaufgaben gemacht. Sie hat die Nitrat-Messstellen überprüfen lassen und festgestellt, dass viele der Messstellen nicht an den vorgesehenen Stellen standen und nicht abgeschottet waren gegen äußere Einflüsse. So sind bei den Messungen teilweise krumme Werte herausgekommen“, so May. Diese Werte sollen in NRW nun erneut überprüft werden.

Warum gibt es die neue Düngeverordnung?

Mit der neuen Verordnung werden Vorgaben der Europäischen Union (EU) umgesetzt. Damit sollen drohende Strafzahlungen wegen zu hoher Nitratwerte im Grundwasser vermieden werden. In den roten Gebieten wies das Grundwasser Messungen zufolge einen zu hohen Nitratgehalt auf. Die neue Düngeverordnung wird nach Ansicht der EU-Kommissions-Chefin Ursula von der Leyen „sehr wichtige systemische Änderungen einführen, um die Wasserqualität in Deutschland zu verbessern“.

Auch Klaus-Bernhard Kühnapfel, stellvertretender Vorsitzender des Naturschutzbundes (Nabu) im Kreis Unna, sagt, durch die Verordnung sei langfristig eine Besserung der Trinkwasser-Qualität in Sicht. Ein zu hoher Düngemittel-Einsatz sei laut Kühnapfels Ansicht aus Naturschutz-Sicht ein „riesengroßes Problem“. Denn: „Durch die Düngung sind auch Nachbarflächen der Felder mit Nährstoffen vollkommen überlastet.“ Das wiederum führe zu großen Veränderungen in der Vegetation und der Fauna.

Eine Folge der Überdüngung sei laut Kühnapfel, dass an Straßenrändern an Feldern fast nur noch Brennnesseln vorkommen: „Es gibt kaum noch nährstoffarme Gebiete, das sieht man an der Tier- und Pflanzenwelt. Viele Pflanzen vertragen so viele Nährstoffe nicht und können unter den Umständen nicht mehr wachsen. Das hat zum Beispiel für die Feldlerche einen großen Nachteil, die so nicht mehr genügend Nahrung finden und ihre Jungen nicht mehr aufziehen kann.“

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Was sind aus Sicht der Landwirte die Auswirkungen der Verordnung?

Durch die neue Düngeverordnung kommt es zu verschiedenen Auswirkungen. Zum einen ist es wahrscheinlich, dass zum Beispiel Weizen bei einem um 20 Prozent gesunken Düngemittel-Einsatz nicht mehr so viele Nährstoffe aufnehmen kann, wie er eigentlich müsste. So sagt es zumindest Friedhelm May: „Man kann so zukünftig nicht mehr bedarfsgerecht düngen. Dadurch hat man schlicht bei der Ernte weniger Ertrag.“

Zum anderen bleiben viele Landwirte voraussichtlich auf ihrem Düngemittel sitzen, das zu einem großen Teil aus Gülle besteht. Die Gülle muss dementsprechend länger gelagert werden. Auf vielen Bauernhöfen fehlen dafür allerdings die Kapazitäten in Form von Güllebehältern. Diese Tatsache wiederum fördere laut May den Bau von Güllebehältern massiv.

Was spricht aus Sicht des Naturschutzes für die Düngeverordnung?

Nabu-Vorstand Klaus-Bernhard Kühnapfel sagt, dass auf vielen Feldern mehr Düngemittel eingesetzt wird, als die Pflanzen überhaupt aufnehmen können. So sickern Nährstoffe auch ins Grundwasser.

Auf das Argument, dass Landwirte durch die Verordnung nicht mehr bedarfsgerecht düngen können, entgegnet er die Frage: „Sollte man wirklich einen Maximal-Ertrag zulassen oder doch ein paar Einbußen in Kauf nehmen, und ein Maß festlegen, wo sowohl die Natur überleben kann als auch Landwirte einigermaßen über die Runden kommen? Es kann nicht sein, nur an die Ertrags-Optimierung zu denken, und die Natur geht hinten rüber.“

Welche Probleme kommen durch die Verordnung auf Landwirte zu?

Das Thema spaltet Landwirte und Naturschützer und die EU in zwei Lager. „Viele Landwirte haben schon gesagt, unter den gegebenen Voraussetzungen bekommen sie das dauerhaft nicht hin“, sagt Friedhelm May. Zudem ist in der Verordnung überhaupt nicht geregelt, wie lange sie denn überhaupt greift. Es ist völlig unklar, ob die Verordnung nur in einer Übergangszeit greift, oder ob sie von längerer Dauer ist.


In Dänemark habe es laut May vor einigen Jahren ein ähnliches Handeln gegeben, das durch eine Düngeverordnung durchgesetzt worden ist. „In Dänemark haben sie auch den Stickstoffgehalt im Düngemittel gesenkt. Das hat man nach ein paar Jahren allerdings wieder aufgegeben, da man gemerkt hat, dass der Ertrag zu gering war und es der Wirtschaft enorm geschadet hat. Und nebenbei hat es dem Wasser auch nicht genützt.“

Daher sagt auch Nabu-Vorstand Klaus-Bernhard Kühnapfel, man müsse unbedingt in jedem Einzelfall abwägen, ob die Ziele auch erreicht werden: „Wenn der Erfolg ausbleibt, macht sicherlich auch die Reduktion des Düngemittels wenig Sinn.“ Im Großen und Ganzen sei die Düngung jedoch „ein Riesenproblem“. „Eines der größten Probleme für die Natur ist nach dem Klimawandel die Überdüngung“, sieht es den Einsatz von zu viel Düngemitteln kritisch und ist daher „froh über jede Reduzierung“.

Welche Landwirte sind von der neuen Verordnung betroffen?

Sämtliche Bauern, deren landwirtschaftlich genutzten Felder in die roten Gebiete fallen. Das bringt weitere Probleme hervor. Landwirt Friedhelm May sagt: „Die Verordnung schränkt viele Bauern ein. Es kann demnächst durchaus passieren, dass der eine Nachbar auf der einen Straßenseite weiter wie gehabt düngen darf und man selber darf es eben nicht mehr - und keiner weiß so wirklich warum.“ Und weiter: „Es wird gesagt, dass in Deutschland bewusst die schlechten Nitratwerte gemeldet worden sind. Deshalb ist es jetzt so, dass Deutschland EU-weit die schlechtesten Nitratwerte hat.“

Hat die Verordnung für die Landwirte also fast nur negative Auswirkungen?

„Nein“, meint Landwirt Friedhelm May. Es sei nur schwierig, all die Vorgaben umzusetzen. Er sagt: „Es gibt sicherlich Gegenden, in denen die Nitratwerte schlimm sind und waren, in denen in der Vergangenheit auch Fehler gemacht wurden. Die gilt es natürlich abzustellen.“

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