Der Verein "Evangeliums-Christen Baptisten" in Selm bittet nach wie vor an zwei Tagen zum Gottesdienst. Die zahlreichen Besucher und ihr angebliches Verhalten irritieren die Nachbarn. © Claeßen
Verstöße gegen Corona-Verordnung?

Baptisten-Versammlungen in Selm ziehen Unmut der Nachbarn auf sich

In Selm regt sich Unmut über die Baptisten: Bei deren Treffen sollen viele Menschen zusammenkommen und sich nicht an die Schutzverordnung halten. Die Stadt dementiert, der Verein schweigt.

Wenn Klaus Simmberg freitags aus dem Fenster schaut, versteht er die Welt nicht mehr. „Alle müssen sich zurücknehmen, Kontakte meiden – und gegenüber geht die Post ab.“ Damit meint er die regelmäßigen Treffen der Evangeliums-Christen-Baptisten in ihrem Bethaus an der Industriestraße. Freitags und sonntags finden dort Versammlungen statt, die laut Simmberg stets gut besucht sind.

Das Problem dabei: „Die stehen auch gerne vorher und nachher eng zusammen. Masken trägt da niemand.“ Er habe das Ordnungsamt bereits darauf aufmerksam gemacht, die seien dann auch vorbeigekommen. Das bestätigt Stadtsprecher Malte Woesmann auf Anfrage. Man habe „gleichlautende Hinweise“ aus der Nachbarschaft erhalten, woraufhin Polizei und Ordnungsamt mehrmals vor Ort gewesen seien: „Ein Hygienekonzept wurde vorgelegt, sämtliche Bestimmungen der Corona-Schutzverordnung wurden bei den Kontrollen, zuletzt in der vergangenen Woche (29.1., d. Red.), eingehalten.“

Für Klaus Simmberg kommt dieses Ergebnis nicht überraschend: „An der Tür steht groß ,Kein Eingang‘. Die klopfen und klingeln trotzdem erst dort, anstatt direkt hintenrum zu gehen.“ In dieser Zeit könne sich jeder schnell eine Maske aufsetzen. Wobei das laut Simmberg noch nicht einmal der problematischste Punkt sei: „Die Kennzeichen der Autos kommen aus dem ganzen Ruhrgebiet.“ Er kenne zwar die Inzidenzzahlen der betroffenen Städte und Kreise nicht. „Trotzdem gilt ja ohnehin der Appell, Kontakte zu vermeiden und wenn möglich zu Hause zu bleiben.“ Warum sich gefühlt das halbe Ruhrgebiet trotzdem regelmäßig auf den Weg nach Selm mache, ist für die Nachbarn der Baptisten-Gemeinde nur schwer nachvollziehbar.

Religionsgemeinschaft darf sich treffen

Wobei: Offiziell handelt es sich hier nicht um eine Gemeinde, sondern um einen Verein. „Angeblich haben die eine Sondergenehmigung für diese Veranstaltungen“, weiß Klaus Simmberg. „Andere Vereine müssen Veranstaltungen ausfallen lassen und dürfen sich nicht treffen. Warum ist das hier möglich?“ Die Antwort gibt Malte Woesmann: „Es handelt sich bei den Evangeliums-Christen-Baptisten Selm um eine Religionsgemeinschaft, für deren Gottesdienste oder Versammlungen zur Religionsausübung die besonderen Regelungsinhalte der Corona-Schutzverordnung gelten.“ Und der Stadt lägen keinerlei Hinweise vor, dass bei den Baptisten in Selm gegen diese verstoßen wird.

Klaus Simmberg findet das nicht nur anderen Vereinen gegenüber unfair, sondern auch das Verhalten der Baptisten unsolidarisch: „Meine Tochter möchte im Sommer normal ihr Abitur machen, wir wollen alle wieder so schnell wie möglich zurück in die Normalität. Aber mit einem solchen Verhalten wird das doch nichts.“

Gegen die Versammlungen der Baptisten habe er per se nichts. „Es wäre halt nur schön, wenn auch diese Gemeinschaft auf die aktuelle Situation Rücksicht nehmen würde und nicht zweimal pro Woche längere Strecken fährt, um sich hier zu treffen.“ Andere religiöse Gemeinschaften und Kirchen würden schließlich auch auf ihre Gottesdienste verzichten oder Alternativen wie eine Online-Übertragung wählen. „Was dort möglich ist, sollte doch auch hier möglich sein“, appelliert er an die Nachbarn auf der anderen Straßenseite.

Verein reagiert nicht auf Anfrage

Ob und, wenn ja, warum tatsächlich so viele Menschen aus anderen Städten regemäßig nach Selm kommen, ob Alternativen zu den Betveranstaltungen diskutiert werden und wie der Baptisten-Verein zur aktuellen Situation und seiner Rolle in der Gesellschaft steht – all das hätte die Redaktion die Verantwortlichen in der Industriestraße gerne selbst gefragt. Jedoch waren alle Versuche der Kontaktaufnahme bisher erfolglos, auch auf eine Rückrufbitte wurde nach mehreren Tagen nicht reagiert.

Über den Autor
Redaktion Lünen
Journalist, Vater, Ehemann. Möglicherweise sogar in dieser Reihenfolge. Eigentlich Chefreporter für Lünen, Selm, Olfen und Nordkirchen. Trotzdem behält er auch gerne das Geschehen hinter den jeweiligen Ortsausgangsschildern im Blick - falls der Wahnsinn doch mal um sich greifen sollte.
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Daniel Claeßen

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