Anzeige gegen Selm: War es richtig, im März 100 kranke Bäume zu fällen?

dzRußrindenkrankheit in Selm

Hatte die Stadt zu schnell gehandelt, als sie im März fast 100 Bäume an der Alten Zechenbahn fällen ließ? Es gab Zweifel, eine Anzeige und eine Beschwerde - und jetzt gibt es Antworten.

Selm

, 07.09.2020, 20:06 Uhr / Lesedauer: 2 min

Das war ein Schock. Die Stadt hatte Anfang März die Fällung von gleich 100 Bäumen an der Alten Zechenbahn angekündigt - und schnell gehandelt. Zu schnell, wie manche in Selm fanden. Unter ihnen Uwe Norra von der Selmer Ortsgruppe des Naturschutzbundes Deutschland und Bernd V. Köster aus Lünen, der für die Familienpartei in den Kreistag einziehen möchte. Norra hatte beim Kreis Unna einen Verstoß gegen das Bundesnaturschutzgesetz angezeigt, Köster bei der übergeordneten Behörde, der Bezirksregierung in Arnsberg.

Naturschutzbund hatte keine Benachrichtigung bekommen

Im Mittelpunkt von Norras Anzeige standen nicht die mehr als 90 Bäume, sondern 12 Nistkästen und Ihre Bewohner. Der Nabu hatte 2018 und 2019 die Nistkästen entlang des Weges Alte Zechenbahn zwischen der Straße Am Kreuzkamp und der Bahnlinie Bork-Lüdinghausen aufgehängt und seitdem betreut. Ende März waren die Nistkästen plötzlich verschwunden - zusammen mit den Bäumen. Und das in der vom Gesetzgeber besonders geschützten Brutzeit, wie Norra der Naturschutzbehörde beim Kreis Unna schrieb.

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Wenn er oder seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter über die Fällung informiert worden wären, hätten sie die Nistkästen an der Alten Zechenbahn kontrolliert. Wenige Kilometer weiter in Netteberge hatten Vogelschützer schon Ende Februar ein Kleibernest mit drei Eiern entdeckt. „Auch an der Zechenbahn wurde schon Nestbau beobachtet.“ Norra vermutet daher, dass auch in den zwölf Nistkästen schon Leben eingekehrt sein könnte: eine Vermutung, der die Stadtwerke jedoch widersprachen.

Mitglied der Familienpartei wandte sich an die Bezirksregierung

Alle Kästen seien kontrolliert worden, hieß es. Alle seien leer gewesen: eine Aussage, mit der sich Bernd V. Köster nicht zufrieden gab. Er wandte sich an die die übergeordnete Behörde, die Bezirksregierung, und bat, den gesamten Vorgang - sowohl die Fällung der Bäume als auch die Entfernung der Nistkästen - zu prüfen. Das ist jetzt passiert.

„Wir sehen keinen Verstoß gegen geltendes Naturschutzrecht“, sagt Ursula Kissel, Sprecherin der Bezirksregierung. Die Bäume hätten unter der Rußrindenkrankheit gelitten. Der Rußrindenpilz ist ein Parasit, der nicht nur Bäume, insbesondere Ahorn-Bäume, befällt. Insbesondere Hitzestress gilt als auslösender Faktor der Erkrankung, wie der Landesbetrieb Wald und Holz berichtet. Seine Sporen können auch Menschen krank machen. Die Pilzart produziert enorm viele Sporen, sodass die Atemwege bei längerem Aufenthalt in der Nähe von stark betroffenen Bäumen beeinträchtigt werden können. Die Stadt habe daher richtig gehandelt, sagt Ursula Kissel: „Die Bäume wären in jedem Fall abgestorben, und der Stadt obliegt die Verkehrssicherungspflicht.“ Außerdem müsse sie Schaden von den Bürgerinnen und Bürgern abwenden.

Stadt will sich gegen falsche Anschuldigungen wappnen

Befallene Bäume werden nicht nur gefällt, sondern müssen auch entsorgt werden: „Die Rußrindenerkrankung stellt insbesondere kommunale Verwaltungen vor große finanzielle Probleme, da die Entsorgung befallener Ahornbäume in Müllverbrennungsanlagen sehr kostenintensiv ist“, teilt der Landesbetrieb Wald und Holz mit. Keineswegs seien die Ahorn-Stämme als Brennholz verteilt worden, machte Bürgermeister Mario Löhr während der jüngsten Ratssitzung klar. Dass so etwas in Sozialen Medien immer wieder behauptet würde, wisse er. Das mache die Sache aber nicht richtiger. Die Stadt werde sich künftig juristisch wehren, wenn weiter Straftatbestände unterstellt würden.

Ursula Kissel spricht von zulässigen Ausnahmen bei den Fällungen während der Brutphase. In einem Punkt gibt sie dem Beschwerdeführer Köster aber recht: „Ja, es ist versäumt worden, die Selmer Nabu-Gruppe zu informieren.“ Inzwischen würden die Nistkästen aber wieder an anderen Bäumen hängen.

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