An der Ludgeristraße liegt das Ackerbürgerhaus, das jetzt einen neuen Eigentümer sucht. © Sylvia vom Hofe
Wohnen in Selm

Ackerbürgerhaus in Selms Altstadt steht nach Schicksalsschlag zum Verkauf

Das ist nicht irgendein Haus, das in Selm zum Verkauf steht. Für die einen ist es das markanteste Wohnhaus der Selmer Altstadt. Für Maria Schäfkes ein Lebenstraum, der tragisch zerplatzt ist.

Dieses Grundstück an der Ludgeristraße in der Selmer Altstadt ist ein Hingucker. Wer das erste Mal dort entlang fährt, wird sofort aufmerksam auf die rote Telefonzelle vor dem weißen Haus. Wer das zweite Mal daher kommt, entdeckt, dass die Telefonzelle britischer Bauart nicht leer ist. Zwar gibt es dort keinen Fernsprecher, dafür aber eine Madonna. „Das war Edgars Humor“, sagt Maria Schäfkes und lächelt traurig.

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Dieses Haus steht zum Verkauf

Edgar Becker war ihr Lebensgefährte. Jemand, der nicht nur Humor hatte, sondern auch jede Menge Kreativität und Leidenschaft, Dinge zu gestalten – etwa ein altes, baufälliges Ackerbürgerhaus im Ortskern in ein einzigartiges Zuhause zu verwandeln. 2014 begann er damit. 2016 waren die umfangreichen Arbeiten abgeschlossen. 2020 starb er mit 62 Jahren. Viel zu früh.

Verkaufsschild steht im Vorgarten an der Ludgeristraße

Dass sie nicht allein bleiben würde in ihrem gemeinsam geschaffenen Domizil, hatte die 55-Jährige mit ihrem Edgar besprochen. Wie so vieles andere auch. Er habe gewusst, dass ihm die Krankheit nicht mehr viel Zeit lassen würde. Die, die ihm blieb, nutzte er, um seine Angelegenheiten zu regeln. Auch den Hund in andere Hände zu geben. Auch den Verkauf des Hauses vorzubereiten, das ihm und seiner Partnerin so viel bedeutet hat.

Inzwischen steht ein Schild im Vorgarten – rechts neben der Telefonzelle: „Zu verkaufen.“ „Einzigartig“ und „charmant“. So beschreibt die Anzeige des Immobilienmaklers Engel und Völkers das rund 150 Jahre alte Mehrfamilienhaus im einstigen Selmer Dorfkern, gerade einmal einen Steinwurf von Friedenskirche und Ludgerikirche entfernt.

Für einen ersten Überblick sorgen Zahlen: 12 Zimmer, 5 Schlafzimmer, 4 Badezimmer. Die Wohnfläche beträgt rund 293 Quadratmeter, die Grundstücksfläche 743 Quadratmeter. Die dritte entscheidende Angabe in der Anzeige ist nicht in Quadratmetern, sondern in Euro angegeben.

Edgar Becker hat das Haus rundum saniert

660.000 Euro beträgt der Kaufpreis für das Haus mit drei Wohneinheiten, die jeweils eigene Eingänge haben. Die kleinen Wohnungen messen jeweils 66 und 53 Quadratmeter und sind vermietet. Maria Schäfkes bewohnt die Hauptwohnung: 154 Quadratmeter auf zwei Etagen. Zu viel für eine Person. Außerdem zu viele Erinnerungen an glückliche Zeiten zu zweit. Maria Schäfkes, die vor vier Jahren aus Bergisch-Gladbach nach Selm gezogen ist, will nicht bleiben. Und kann es auch nicht. Der Abschied fällt ihr dennoch schwer.

Schließlich hängt ihr Herz an den heimelig gestalteten Räumen hinter der denkmalgeschützten Fassade. Alles ließ ihr Partner ganz nach seinen Ideen gestalten: einen großen Eingangsbereich mit dem Kamin aus dem Jahr 1877,,dem lichtdurchfluteten Wohn- und Essbereich mit angrenzender Küche” und den beiden Schlafzimmer oben, wo bis 2014 nur wüster Dachboden war.

Ursprünglich war ein Café geplant

Eine 96 Quadratmeter große Gewerbeeinheit – zurzeit gemütliches Büro mit luftig hohen Wänden und Kücheneinheit hinter offenem Fachwerk – schließt sich an. Das ließe sich auch noch in eine Wohneinheit umwandeln, teilt das Maklerbüro mit. Ursprünglich hatte Becker die Idee, dort ein Café einzurichten. Allerdings hatte sich dafür kein Pächter gefunden. „Dieses Haus bietet eben viele Möglichkeiten“, sagt Maria Schäfkes. Schon immer.

Als Fritz Rohde und Clara Schlüter es 1877 bauten, haben sie nicht nur Platz zum Wohnen geschaffen, sondern auch für Handwerk und Landwirtschaft. Alles unter einem Dach. Das Bauherren-Paar von einst, das seine Namen auf der Kaminplatte verewigen ließ, hätte sich die Augen gerieben, wenn es von der Nutzung des separaten Fachwerkgebäudes hinter dem Haus erfahren hätte: eine Sauna inklusive mobilem Whirlpool.

Hauskauf war ein spontaner Entschluss

Edgar Becker ist zwar kein gebürtiger Selmer, „aber so gut wie“, sagt seine Lebensgefährtin. Er habe ein enges Verhältnis zu seiner Tante und seinem Onkel gehabt. Die habe er regelmäßig besucht und auch die Ferien bei ihnen verbracht. Als die beiden starben, besuchte er regelmäßig das Grab. Von einem dieser Besuche kam er mit einer für sie völlig überraschenden Nachricht wieder. „Ich will ein Haus in Selm kaufen.“ Nicht irgendeines, sondern das schönste. Eines, das er schon immer bewundert habe. Bei einer kurzen Stippvisite im Gasthaus Suer habe er gehört, dass es zum Verkauf stehe. „Da konnte er nicht widerstehen.“

Sie selbst hatte erst Zweifel, sagt Maria Schäfkes. Als sie mitten im Zentrum das weiße Gebäude sah und dann die strahlenden Augen ihres Mannes, war auch sie einverstanden. Das Haus wurde ihr gemeinsames Projekt. Ihr Sehnsuchtsort. Ihr erhoffter Altersruhesitz. Doch dann kam die Krankheit

„Es war eine wunderschöne Zeit hier“, sagt Maria Schäfkes, während sie Schränke ausräumt. Jetzt ist sie vorbei. Erinnerungen werden aber immer bleiben: Wie sie gemeinsam nach Italien gefahren sind und Pflanzen für den mediterran anmutenden Außenbereich gekauft haben. Und wie er sie plötzlich mit der roten Telefonzelle überraschte.

Über die Autorin
Leiterin des Medienhauses Lünen
Leiterin des Medienhauses Lünen Wer die Welt begreifen will, muss vor der Haustür anfangen. Darum liebe ich Lokaljournalismus. Ich freue mich jeden Tag über neue Geschichten, neue Begegnungen, neue Debatten – und neue Aha-Effekte für Sie und für mich. Und ich freue mich über Themenvorschläge für Lünen, Selm, Olfen und Nordkirchen.
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Sylvia vom Hofe

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