Eine Schicht mit Müllmann Pierre Ahland. Das heißt, Hunderte von Mülltonnen, eng parkende Autos, Menschen, die im Bademantel zur Tonne rennen und jemanden, der seinen Beruf einfach liebt.

Selm, Werne

, 29.04.2019, 03:30 Uhr / Lesedauer: 6 min

Bah-da bah-da-da-da“, erklingt es im Radio. In geruhsamer Langsamkeit besingen The Mamas and The Papas den „Monday Morning.“

„Monday, Monday, so good to me. Monday mornin‘, it was all I hoped it would be“

Es ist nicht Montag. Sondern Mittwoch. Aber es ist definitiv Morgen. Als der Song gegen 8 Uhr im Radio erklingt ist Pierre Ahland (30) schon seit etwa zwei Stunden mit seinem Müllauto in Werne unterwegs. Um 4.30 Uhr ist er in Selm aufgestanden, um 6 Uhr in sein Fahrzeug in Lünen gestiegen, und um 6.15 Uhr ging es an der Berliner Straße in Werne los.

1.200 Mülltonnen hat der Selmer an diesem Tag vor sich. Dafür hat er zehn Stunden Zeit. Doch die braucht man in der Regel nicht, sagt er. Zehn Stunden, das seien mehr als genug Zeit, um die Tour ganz bequem zu schaffen. Er braucht meistens eher acht. Die Tour durch Werne, die er heute fährt, ist auf einem Plan eingezeichnet, die er in einem Fach seines Autos hat. Eine grüne Linie zeigt seine Route. Es sind noch andere Kollegen mit anderen Routen an diesem Mittwoch in Werne unterwegs, um die Wertstofftonne einzusammeln.

Pierre Ahland holt den Plan nur zur Demonstrationszwecken heraus. Er braucht nicht darauf zu schauen. Er kennt jede Tonne, jeden Vorgarten. Neben Werne gehören auch Olfen, Nordkirchen und Lüdinghausen zu seinen Routen. In seiner Heimatstadt Selm fährt er nicht, da sind die Selmer Stadtwerke zuständig. Wahrscheinlich kennt niemand die Straßen seiner Routen so genau wie er. „Man speichert das alles“, sagt er und blickt auf ein Haus mit Rosengarten vor dem er gerade die Mülltonne leert. „Wenn ich in 14 Tagen wiederkomme, weiß ich, die Rosen sind schön gewachsen.“

1.200 Mülltonnen in zehn Stunden: Eine Fahrt mit dem Selmer Müllmann Pierre Ahland (30)

Alle Fahrer haben Pläne mit ihrer Route. Die grüne ist die Route, die Pierre Ahland an diesem Tag fährt. © Sabine Geschwinder

Das liegt daran, dass man mit dem Fahrzeug nur sehr langsam voran kommt. In den ersten zwei Stunden, als die Mülltonnen sehr eng stehen, hat er 21 Kilometer zurückgelegt. Am Ende des Tages werden es 110 Kilometer sein. Das Fahrzeug, das Pierre Ahland fährt, nennt sich Seitenlader und hat an der rechten Seite einen Greifarm, mit dem sich die Mülltonnen anheben lassen und ihr Inhalt sich schließlich in das Innere des Fahrzeugs befördern lässt.

Der Greifarm ist sogar in der Lage, zwei Mülltonnen auf einmal zu greifen, wenn sie eng genug beieinander stehen. Müllfahrzeuge, auf denen jemand hinten mitfährt und die Tonnen händisch auf das Fahrzeug bugsiert, gibt es nur noch in Großstädten, erklärt Ahland. Für ländliche Gebiete seien Seitenlader viel praktischer. Der 30-Jährige steuert den Hebearm mit einem Joystick - mit Links. Das ist Gewöhnungssache, schließlich ist Pierre Ahland Rechtshänder. Doch die nötige Routine hat er längst.

Müllmann zu sagen, ist kein Problem

Der 30-Jährige ist gelernter KFZ-Mechatroniker, nach der Ausbildung hat er als Dachdecker gearbeitet und damals schon einen Schein gemacht, um einen mobilen Kran zu steuern. Nach einer Verletzung am Sprunggelenk machte er eine Umschulung zum Berufskraftfahrer und arbeitet jetzt seit achteinhalb Jahren als Fahrer für das Abfallentsorgungsunternehmen Remondis. Berufskraftfahrer ist übrigens auch die Berufsbezeichnung mit der sich Pierre Ahland am besten identifizieren kann. Den Begriff Müllmann findet er aber nicht schlimm. „Ich fühle mich dadurch nicht abgewertet, ich mach ja nun mal den Müll weg von den Leuten“, sagt er pragmatisch. „Für manche bin ich der Müllmann, für manche der Müllwerker, für mich bin ich der Berufskraftfahrer.“

Ob er privat der beste Mülltrenner der Welt, ist? Das würde Pierre Ahland niemals von sich behaupten. Aber Mülltrennen findet er wichtig. „Ich weiß halt, wo die Materialien hingehören, und das bringt man den Kindern natürlich auch sofort bei.“ Pierre Ahland ist verheiratet und hat zwei Kinder. Und wenn ihn jemand fragt, ob Mülltrennen Unfug ist, weil ja am Ende doch nur alles zusammengeschüttet wird? Pierre Ahland zuckt die Schultern. „Ich weiß ja, dass es nicht so ist“, sagt er mit ruhiger Stimme.

Nichts für jeden

„Der Job ist aber auch nicht was für Jeden“, gibt Ahland bedenken. „Ich habe schon viele angelernt und nicht für jeden ist das was.“ Und das merkt, wer ihm eine Weile bei seiner Arbeit zusieht. Die Arbeitsabläufe gehen so: Pierre Ahland muss das Fahrzeug richtig positionieren, dann mit dem Joystick den Greifarm bewegen als wäre es der eigene, die Tonne in den Wagen befördern, wieder abstellen, flinker Blick nach links – dort ist ein Radfahrer, das hat er längst registriert, also vorsichtig sein – einige Meter vorfahren, die nächste Tonne greifen und das Spiel geht von vorne los.

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Unterwegs mit Pierre Ahland und seinem Müllfahrzeug

Greifen, schütten, weiterfahren. Immer wieder aufmerksam sein. Immer wieder versuchen, in den engsten Gassen zu wenden und mit dem Fahrzeug nichts zu beschädigen. Dazu das Scheppern, wenn der Müll ins Fahrzeug fällt. Ein blechernes Geräusch, das gut dazu geeignet ist, um schon nach kurzer Zeit massive Kopfschmerzen zu verursachen. Doch „das Geräusch blendet man irgendwann aus“, sagt er.

Er weiß aber, dass das Geräusch andere stört. Deshalb startet er seine Tour auch an der Hauptstraße, damit er niemanden zu einer frühen Uhrzeit weckt. Gegen 7 Uhr flitzt eine Frau nur mit weißem Bademantel und ebenso weißen Handtuch-Turban auf dem Kopf auf das Müllauto zu. „Kann ich das da reinschmeißen“, will sie wissen und wedelt mit einem großen Plastikverpackungsteil. „Ja, das können Sie“, sagt Pierre Ahland und beachtet ihren Aufzug gar nicht weiter. Dass Leute im Schlafanzug oder ähnlich leicht bekleidet auf sein Auto zurennen, kennt er schon. Meistens wenn sie vergessen haben, ihre Mülltonne nach draußen zu stellen.

Um seinen Job zu machen, braucht man vor allen Dingen Geduld. Die habe er früher auch nicht gehabt, sagt der Selmer. Das hat sich geändert. „Man muss auch Ausdauer haben“, sagt er. „Bist du einmal unkonzentriert, dann passiert sofort ein Fehler. Und das könne gerade morgens, wenn Kinder mit dem Rad oder zu Fuß auf dem Weg zur Schule sind, böse enden. Große Unfälle sind ihm zum Glück bisher nicht passiert.

Eine von 1.200 Tonnen

Doch das mit den anderen Verkehrsteilnehmern ist schon ein großes Thema bei ihm. Manchmal komme es ihm vor, als habe jeder Haushalt drei Autos sagt er. Im Radio läuft später ein Beitrag über verstopfte Innenstädte und die Frage, ob Seilbahnen eine Lösung für die Zukunft sein könnten. Pierre Ahland sagt: „Man hörts ja immer wieder vom Verkehrsminister, es gibt immer mehr Autos, immer mehr Staus. Aber wir haben das auch. Jeden Tag auf der Straße.“ Das Herumbugsieren mit seinem Fahrzeug mag er. Es ist eine Herausforderung, die ihm auch Spaß macht, sagt er. „Aber wenn die Leute ohne Kopf und Verstand nen halben Meter vorm Bordstein parken, dann frage ich mich, warum.“

1.200 Mülltonnen in zehn Stunden: Eine Fahrt mit dem Selmer Müllmann Pierre Ahland (30)

Viele Spiegel gibt es an dem Müllfahrzeug. Die sind auch wichtig, einen toten Winkel gibt es aber trotzdem. © Sabine Geschwinder

Denn wie in jedem Job, gibt es auch Dinge, die Pierre Ahland stören. Neben den rücksichtslosen Verkehrsteilnehmern, die unbedacht einparken, oder ihn anhupen, stört es ihn, wenn Leute die Tonnen so hinstellen, dass er nicht rankommt oder sie so vollstopfen, dass er nachhelfen muss, damit der Müll herauskommt.

Er muss gelegentlich an diesem Tag aussteigen und nachhelfen. Einmal bleibt auch eine Tonne stehen, weil Biomüll drin ist, statt Müll für die Wertstofftonne. Dann kommt ein gelber Aufkleber drauf, mit dem Hinweis, die Tonne richtig zu befüllen. Bei mehrfachem Vergehen, wird die Tonne eingezogen. Und der Besitzer kann seinen Müll erstmal beim Wertstoffhof abgeben.

Pierre Ahland ärgert sich auch, wenn die Verschlüsse der Müllbeutel über die Kante des Mülleimers ragen, dann verkeilen sie sich schnell am Auto und Müll fällt heraus. Die Leute beschweren sich dann, dass Müll liegen bleibt, „aber ich habe ja gar nichts falsch gemacht, die Leute haben nur falsch befüllt“, erklärt er. Nicht bei jedem kleinen bisschen sagt er was, er habe Verständnis. Aber manchmal wünscht er sich auch mehr Verständnis für seine Arbeit. „Ich versuch ja auch nur, meinen Job so schnell wie möglich zu machen und niemandem im Weg zu stehen“, sagt er. Für die einzelnen Anwohner geht es nur um eine Tonne, für Pierre Ahland ist es an diesem Tag eine von 1.200 Tonnen.

Liebe für seinen Job

Doch wer Pierre Ahland eine Weile zuschaut, merkt, der Mann liebt seinen Job. „Ich bin stolz, wenn ich am Ende des Tages sagen kann, ich habe meine Arbeit ordentlich gemacht und meine Tour ist erledigt.“ Am Ende des Tages soll alles so aussehen, als sei er niemals da gewesen.

1.200 Mülltonnen in zehn Stunden: Eine Fahrt mit dem Selmer Müllmann Pierre Ahland (30)

Sieht alles gleich aus. Aber: links sind die Tonnen schon leer, rechts noch nicht. © Sabine Geschwinder

Gegen 11 Uhr fährt Pierre Ahland mit seinem Fahrzeug nach Lünen, wo er es das erste Mal auslädt, nur um sicher zu gehen, dass wirklich all der Müll auch in das Fahrzeug passt. Etwa 4000 Kilogramm Müll hat er geladen. „Und das ist nur leichtes Plastik“, sagt er. Der stinkige Berg, den das Müllauto ausschüttet, ist beachtlich. Und da sind nicht mal alle Tonnen des Tages geleert.

Wenn man die Gesamtzahlen betrachtet, sieht das so aus: An Wertstoffen haben die Deutschen im 2017 12,2 Millionen Tonnen weggeworfen, wie das Statistische Bundesamt berechnet hat. Das sind 148 Kilogramm pro Kopf. Insgesamt kommen die Deutschen auf einen Gesamtmüllberg von 38,3 Millionen Tonnen, beziehungsweise 462 Kilogramm pro Kopf.

1.200 Mülltonnen in zehn Stunden: Eine Fahrt mit dem Selmer Müllmann Pierre Ahland (30)

Der Müll wird in dieser Halle nur kurz zwischengelagert und dann zum Sortieren gefahren. 4000 Kilogramm Plastikmüll befanden sich gerade noch in Pierre Ahlands Fahrzeug. © Sabine Geschwinder

Pierre Ahland fährt zurück nach Werne, um eine Mittagspause zu machen und dann die letzten Tonnen der Tour in sein Fahrzeug zu befördern. Gegen halb drei wird er zu Hause bei seiner Familie sein, schätzt er. Dann werden alle Tonnen geleert und die meisten auch schon von den Wegen verschwunden sein. Dann ist der Müll von 1.200 Mülltonnen aus den Augen seiner Verursacher verschwunden und das Befüllen beginnt von vorne. Der nächste Morgen wartet schon.

„Oh Monday, Monday, won’t go away

Monday, Monday, it‘s here to stay.“

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