Der fast 500 Jahre alte Antwerpener Schnitzaltar in der St.-Viktor-Kirche wird zu Ostern wieder aufgeklappt. Ehrenamtlich übernehmen Bruno Giersch (l.) und Georg Tschorn diese Aufgabe. © Reinhard Schmitz

Zeitraffer-Video: 500 Jahre alter Altar wird zum Osterfest geöffnet

Es passiert immer hinter verschlossenen Türen: Vor Ostern werden die Flügel des 500 Jahre alten Klappaltars in der Viktorkirche geöffnet. In diesem Jahr durften wir mit der Kamera dabei sein.

Das Knarren hallt vom Chorraum her durch das menschenleere Kirchenschiff. Die uralten, schweren Holztafeln wollen sich nicht so leicht bewegen lassen. Doch Bruno Giersch und Georg Tschorn wissen, welche Klappe klemmt und wo die Fixierkeile versteckt sind.

Als eingespieltes Team kennen sie jeden Handgriff, der nötig ist, um den Goldenen Altar in der St.-Viktor-Kirche aufzuklappen, damit er zu Ostern wieder in seiner vollen Pracht leuchtet. Vor sieben Wochen, zu Beginn der Passionszeit, hatten sie die Flügel zusammengefaltet. So wie es seit fast 500 Jahren Brauch ist in dem Gotteshaus.

Das Kunstwerk wurde 1523 von Meistern in Antwerpen gefertigt

„Manche Gemeinden machen ihren Altar auch morgens auf und abends zu“, berichtet Georg Tschorn. Aber die seien auch wesentlich kleiner und nicht so ein Prachtstück wie der kostbare achtteilige Wandelaltar, den sich die Schwerter im Jahre 1523 von Antwerpener Meistern anfertigen ließen. Dadurch ist die Aufgabe sehr aufwendig.

Und: „Wir möchten den Altar nicht quälen.“ Denn das Holz hat sich Laufe der Jahrhunderte an manchen Stellen verzogen. Vor allem an der unteren Klappe, wie Bruno Giersch weiß: „Die ist wie ein kleines Kind – ziemlich verzogen.“

Um die obersten Felder zu bewegen, klettert Georg Tschorn zu einem Hilfsbalkon an der Rückseite des Altars hinauf.
Um die obersten Felder zu bewegen, klettert Georg Tschorn zu einem Hilfsbalkon an der Rückseite des Altars hinauf. © Reinhard Schmitz © Reinhard Schmitz

Begonnen wird aber immer an der obersten der drei Ebenen. So hat es sich Bruno Giersch als Vorsichtsmaßnahme ausgedacht, als er vor fünf Jahren ehrenamtlich die Aufgabe übernahm. Sollte irgendetwas herabstürzen, so wäre das Schnitzwerk in den unteren Etagen immer noch von den geschlossenen Klappen geschützt.

Passiert ist sowas natürlich noch nie. Die Helfer sind vorsichtig und streifen sich sogar Stoffhandschuhe über die Hände, bevor sie irgendwelche Teile des Kunstschatzes berühren.

An der Spitze der Rückseite befindet sich ein Hilfsbalkon

An einer ausgeklappten Aluleiter klettert Georg Tschorn auf der Rückseite des Altars nach oben. Unsichtbar für die Gemeinde, gibt es dort einen kleinen Hilfsbalkon, von dem aus die Felder an der Spitze bewegt werden müssen. Achtung, dass man dabei nicht an die großen Heiligenfiguren an der Seite stößt. Die stehen ziemlich locker auf ihren Sockeln.

Schwindelfrei müssen die Helfer sein: So blicken sie beim Aufklappen der obersten Felder des Altars in das Kirchenschiff hinunter.
Schwindelfrei müssen die Helfer sein: So blicken sie beim Aufklappen der obersten Felder des Altars in das Kirchenschiff hinunter. © Reinhard Schmitz © Reinhard Schmitz

Dann geht es Zug um Zug. Die darunterliegenden Flügel-Reihen kann Bruno Giersch vom steinernen Altartisch aus erreichen. Wenn er sie bewegt, wirkt es wie ein Blättern in den überdimensionalen Seiten eines hölzernen Buches. Von beiden Seiten sind die Bretter mit Darstellungen aus der Bibel bemalt. Sie öffnen sich wie Schranktüren, um die prachtvolle Mitte des Altars freizugeben.

Das Holz kam in Hansekoggen aus Russland

Handgeschnitzte vergoldete Figuren erzählen dort das Leben des christlichen Erlösers Jesu von der Geburt bis zu seinem Tod und der Auferstehung an Ostern. Die mittelalterlichen Meister der Lukas-Gilde in Antwerpen haben alle ihre Kunst hineingesteckt. Ihnen selbst – so weiß Bruno Giersch – waren die sichtbarsten Figuren in vorderster Front vorbehalten.

An den Gestalten im Hintergrund durften sich die Gesellen versuchen, für die Lehrlinge blieb jeweils die Gestaltung des Fußbodens. Dabei wurde so viel Holz verarbeitet, dass Nachschub aus Russland geordert werden musste. Es kam im Laderaum der Hansekoggen zurück, die mit Kettenhemden in den Osten gesegelt waren. Auch der Schwerter Altar besteht aus diesem Material.

Mit langen Eisenstangen befestigt Georg Tschorn auf der Rückseite die einzelnen Felder, damit sie nicht wackeln können.
Mit langen Eisenstangen befestigt Georg Tschorn auf der Rückseite die einzelnen Felder, damit sie nicht wackeln können. © Reinhard Schmitz © Reinhard Schmitz

Nach einer knappen Dreiviertelstunde können Bruno Giersch und Georg Tschorn ihre Handschuhe wieder ausziehen. Die Aufgabe ist erledigt, der Altar bereit für Ostern, auch wenn in diesem Jahr wegen der Corona-Krise in St. Viktor keine Gemeindegottesdienste stattfinden. Nur ein Radiogottesdienst mit Pfarrer Tom Damm wird am Samstag aufgezeichnet. Extra deswegen wurde das Aufklappen des Schnitzaltars ausnahmsweise auf Gründonnerstag vorgezogen. Erst zu Buß- und Bettag werden die Flügel wieder geschlossen.

Über den Autor
Redaktion Schwerte
Reinhard Schmitz, in Schwerte geboren, schrieb und fotografierte schon während des Studiums für die Ruhr Nachrichten. Seit 1991 ist er als Redakteur in seiner Heimatstadt im Einsatz und begeistert, dass es dort immer noch Neues zu entdecken gibt.
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