Zweimal die drei, fünfmal die zwölf und einen Schlumpf: Wenn sich Kinder in Howis Lädchen ihre Gemischte Tüte abholen, kommen sie mit der Betreiberin Ilona Voss gerne ins Plaudern. Meist gibt es nur ein Gesprächsthema. © Carlo Czichowski
Corona-Pandemie

Wo Kinder ganz offen reden: Im Kiosk um die Ecke werden viele ihre Sorgen los

Kinder und Jugendliche haben es in der Corona-Krise besonders schwer. Eine Kiosk-Betreiberin aus Holzwickede kommt mit vielen von ihnen ins Gespräch. Manche Geschichten machen sie sprachlos.

Ilona Voss betreibt mit ihrem Mann Michael schon seit vielen Jahren den Kiosk Howis Lädchen an der Jahnstraße. Das aus Berlin stammende Paar ist für Stammkunden auch ein Anlaufpunkt, an dem man gerne verweilt. In der Corona-Krise geht das zwar nicht so gut, die Sitzecke vorm Laden ist pandemiebedingt geschlossen.

Beim kurzen Einkauf gibt es aber manchmal trotzdem genug Zeit, um ins Gespräch zu kommen. Besonders auffällig, so erzählt Ilona Voss, ist das Verhalten der jüngsten Kunden. Während Kinder und Jugendliche sich ihre Süßigkeiten abholen, haben sie eigentlich nur ein Gesprächsthema: ihre Sorgen in der Corona-Pandemie.

Michael und Ilona Voss betreiben den Kiosk Howis Lädchen schon seit vielen Jahren. Das aus Berlin stammende Paar ist mit seinem Laden an der Jahnstraße ein Anlaufpunkt für Menschen, die gerne mal ins Plaudern kommen. Momentan gibt es fast nur ein Gesprächsthema. © Carlo Czichowski © Carlo Czichowski

Die Kiosk-Betreiberin fragt gerne auch mal nach. Bei manchen, meist kleineren Kindern komme es aber durchaus mal vor, dass sie von sich aus anfangen zu reden. Dann sprechen sie über das, was sie momentan belastet. Die fehlenden sozialen Kontakte, kein geregelter Tagesablauf, keine Aussicht auf eine Verbesserung.

Voss kann ihre Gefühle verstehen. „Ich weiß ja noch, wie das bei mir als Kind war“, sagt sie, „man wollte was erleben und raus gehen“. Schon im ersten Lockdown habe sie mitbekommen, dass Eltern ihren Kindern schlichtweg Hausarrest gegeben haben, wenn sie mit der Situation überfordert waren oder ihre Kinder nicht so gut erreichen konnten.

„Ich finde das schlimm“, sagt Voss. Was eine unbeschwerte Kindheit ausmacht, ist zurzeit verboten. Die Kiosk-Betreiberin vermutet, dass aber noch mehr dahinter steckt. Sie befürchtet, dass derzeit viele Kinder mit psychischen Problemen kämpfen, oder ziemlich sicher irgendwann mal kämpfen werden.

„Mama und Papa lassen mich nicht mehr mit anderen Kindern spielen“

„Den Schaden, den wir gerade anrichten, den kriegen wir nicht mehr weg“, glaubt sie. Die Gespräche, die Voss mit Kindern und Jugendlichen täglich führt, lassen zumindest nichts anderes vermuten. Dass ein Heranwachsender fröhlich und unbeschwert ihren Laden betritt, kommt gerade jedenfalls nicht allzu häufig vor. Dass es vielen nicht gut zu gehen scheint, erkenne man oft schon an ihrer Körpersprache.

Vor allem kleinere Kinder bleiben in letzter Zeit deutlich länger im Laden, fangen von sich aus an zu reden. Dass „Mama und Papa sie nicht mehr mit anderen Kindern spielen lassen“, hört Voss besonders oft. Dieser Satz allein offenbart, wie Kinder über die Krise denken. Nach der Meinung von Ilona Voss merkt man daran vor allem, wie sehr Familien momentan belastet sind.

Die Anekdoten, die sie nach knapp einem Jahr der Pandemie erzählen kann, sind vielfältig: Von Kindern, die den ganzen Tag im Schlafanzug bleiben, bis zu Eltern, die für ihre Kinder die Hausaufgaben machen: Voss hört viele Geschichten aus dem Alltag. Ein Kind sei so lange im Laden geblieben, dass draußen schon mehrere Kunden standen. Irgendwann, so berichtet Voss, musste sie ihn leider bitten, zu gehen.

Eine Sache ist ihr bisher jedenfalls nicht begegnet. Über häusliche Gewalt hat sie nie etwas gehört. Die Dunkelziffer, so vermutet sie, ist trotzdem sicher sehr groß. Wenn Eltern mit den Nerven am Ende seien, werde so etwas zumindest nicht unwahrscheinlicher.

Voss hört den Kindern jedenfalls gerne zu, ihr Kiosk wird dann zu einem menschlichen Kummerkasten. Der Umgang mit ihren Geschichten ist nicht immer leicht: „Du kannst denen nur gut zureden, sie vielleicht zum Lachen bringen und ihnen sagen, dass es auch mal wieder besser wird. Helfen kann ich ihnen nämlich nicht.“

Über den Autor
Redaktion Unna
1993 in Hagen geboren. Erste journalistische Schritte im Märkischen Sauerland, dann beim Westfälischen Anzeiger in Werne. Spielt in seiner Freizeit gerne Handball und hört Musik.
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