Warum im Schwerter Technopark eine Behinderte die Behindertenberatung macht

dzBeratungsstelle im Technozentrum

Lydia Heit weiß aus eigener Erfahrung, dass sich Behinderte oft missverstanden und hilflos fühlen. Betroffene und Angehörige können sich von ihr beraten lassen – kostenlos und unabhängig.

von Maximilian Stascheit

Schwerte

, 21.09.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Lydia Heit empfängt ihre Kunden fröhlich und mit einem breiten Lächeln. Sie öffnet die Tür des Beratungszentrums im dritten Stock des Technowerks und führt den Besuch in den Konferenzsaal. Auf den ersten Blick stellt niemand fest, dass die Schwerterin eine Behinderung hat. Erst, als sie sich zum Lesen dicht über das Blatt Papier auf dem Tisch beugt, wird deutlich, wie schlecht sie sehen kann.

Blind ist Lydia Heit nicht. Doch sie hat eine hochgradige Sehbehinderung, die es ihr beispielsweise nicht erlaubt, einen Führerschein zu machen. Und oft, so sagt sie, könnten andere nicht nachvollziehen, wie sie durch die Sehschwäche beeinträchtigt werden.

Projekt wurde durch das Bundesteilhabegesetz ins Leben gerufen

So wie ihr geht es vielen Meschen, die beim „Teilhabe-Wegweiser“ der Ergänzenden Unanhängigen Teilberatung (EUTB) im Kreis Unna Hilfe suchen. 2016 wurde das Angebot im Zuge des Bundesteilhabegesetzes durch das Arbeits- und Sozialministerium ins Leben gerufen.

Das Projekt ist aktuell bis Ende 2020 befristet und wird anschließend voraussichtlich um zwei weitere Jahre verlängert. Wie es danach weitergeht und ob die deutschlandweit vorhandenen Einrichtungen unbefristet bestehen bleiben, muss die Politik entscheiden.

Im Mittelpunkt der Arbeit des „Teilhabe-Wegweisers“ steht die Beratung von Menschen mit Behinderungen jeglicher Art sowie deren Angehöriger. „Jeder kann einfach zu uns kommen. Da muss auch niemand einen Behindertenausweis oder etwas Ähnliches vorlegen“, erklärt Heit.

Lydia Heit absolvierte Fortbildung zur Zertifizierten Peer Counselorin

Kürzlich hat die studierte Rehabilitationspädagogin erfolgreich eine Fortbildung zur Zertifizierten Peer Counselorin abgeschlossen. Dabei handelt es sich um eine spezielle Beratungsmethode nach dem Motto „Behinderte beraten Behinderte“. Denn meist sind es ebenfalls Betroffene, die die Probleme und Sorgen der Ratsuchenden am besten einschätzen und nachvollziehen können.

„Bei der Fortbildung ging es darum, seine eigene Situation zu reflektieren und diese sinnvoll in die Beratung mit einfließen lassen zu können“, erklärt die 30-Jährige. „Man packt sich quasi seinen eigenen Werkzeugkoffer mit Methoden und Vorgehensweisen, die man in der eigenen Beratung am besten anweden kann.“

Beratung durch Team mit vielfältigen Erfahrungen

Auch ihre Kollegen in der Beratungsstelle in Schwerte sowie dem zweiten Standort in Kamen haben einen persönlichen Bezug zu ihrem Aufgabengebiet, sei es aufgrund einer eigenen Behinderung oder der Betroffenheit von Angehörigen.

„Es ist eine ganz andere Verbindung, die man zu dem anderen hat.

Man fühlt sich besser verstanden und aufgehobener“, weiß Heit aus ihrer eigenen Erfahrung. Deshalb interessierte sie sich schon während ihres Studiums an der TU Dortmund für die neu einzurichtenden Beratungsstellen und fand dort anschließend eine Anstellung.

Viele Betroffene haben Probleme bei der Jobsuche

„Das Leben kann mit einer Behinderung unglaublich frustrierend sein, wenn man sich hilflos und unverstanden fühlt“, so Heit. Sie erzählt von einer Frau, die zu ihr in die Beratung kam, da sie eine ähnliche Sehbehinderung hat und deshalb Probleme bei der Arbeitssuche bekam. „Im Jobcenter hat man ihr zum Beispiel Stellen vorgeschlagen, für die man einen Führerschein braucht. Der Herr dort konnte ihre Situation überhaupt nicht nachvollziehen.“

In der Beratung sucht die Schwerterin gemeinsam mit den Betroffenen nach Lösungsmöglichkeiten und vermittelt sie gegebenenfalls an eine geeignete Fachstelle. „Wir beraten in der gesamten Bandbreite und sind unabhängig vom Träger“, so Heit. Denn ihr ist wichtig zu betonen, dass es sich bei der staatlich finanzierten Einrichtung um ein vollkommen unabhängiges Angebot handele: „Wir drängen die Leute nicht in irgendeine Richtung.“

TechnologieZentrum Schwerte

Das steckt hinter der Beratungsstelle

Der „EUTB Teilhabe-Wegweiser im Kreis Unna“ ist eine unabhängige Beratungsstelle, an die sich Betroffene und Angehörige mit allen Fragen und Problemen rund um die Themen Behinderung und Teilhabe wenden können. Der Standort Schwerte befindet sich in der dritten Etage des TechnologieZentrums, Lohbachstraße 12. Weitere Informationen gibt es auf der Homepage des EUTB im Kreis Unna.
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