„Schwerte war bereits 1910 Vorreiter für den Klimaschutz“

dzTag der Modelleisenbahn

Reichweite: 100 Kilometer. Einmal Arnsberg und zurück. Das schafften die elekrischen Züge, die in Kaiser Wilhelms Zeiten durch Schwerte rollten. Die Eisenbahnfreunde haben nachgeforscht.

Schwerte

, 02.12.2019, 12:40 Uhr / Lesedauer: 2 min

Von Elektromobilität sprach Kaiser Wilhelm in keiner Silbe. Auch nicht von CO2-Sparen und Klimaschutz. Die Wörter waren noch nicht erfunden. Aber seine Königlich-Preußische Eisenbahn war ihrer Zeit weit voraus. Sie schickte schon vor über 100 Jahren Züge mit Elektroantrieb auf die Reise. Wie Hightech-Schienenstars sahen eigentlich nicht aus. Eher wie altmodische Personenwaggon, denen man an beiden Enden mächtige Vorbauten für die Batterien verpasst hatte. Mit Beginn des Winterfahrplans 1910/1911 surrten sie auch in den Bahnhof Schwerte. Da wurde „auf der Strecke Schwerte-Arnsberg und der neuen Verbindung Schwerte-Iserlohn ein Triebwagenverkehr eingeführt“, wie die Schwerter Zeitung berichtete.

Reichweite einer Akkuladung betrug bis zu 100 Kilometern

„Mit dem Einsatz dieser Fahrzeuge war der Eisenbahnbetrieb in Schwerte bereits 1910 Vorreiter für den Klimaschutz“, sagt Wolfgang Güttler von den Schwerter Eisenbahnfreunden, deren Neugier durch die kleine Pressenotiz geweckt wurde: „Wir wollten herausfinden, um welche Triebwagen es sich damals handelte, denn Bildmaterial zu diesem Triebwageneinsatz gibt es bis heute leider nicht.“ Die Recherchen ergaben, dass es Akku-Triebwagen waren, die seinerzeit „Speichertriebwagen“ genannt wurden. „Diese für damalige Verhältnisse hochmodernen Triebwagen wurden ab 1909 von der Preußischen Staatsbahn für den Personenverkehr eingesetzt und liefen bis in die 1950er-Jahre noch bei der Deutschen Bundesbahn“, erklärt Güttler. Denn die mit Strom aus Batterien angetriebenen Fahrzeuge hätten einen sehr wirtschaftlichen Betrieb ermöglicht. Mit einer Akkuladung konnten sie, besetzt mit 100 Fahrgästen, eine Strecke von bis zu 100 Kilometern zurücklegen - bei Tempo 50.

„Schwerte war bereits 1910 Vorreiter für den Klimaschutz“

Zum Aufladen der Akkus unter den Klappen in den Vorbauten gab es im Schwerter Bahnhof eine Aufladestation - hier im Modell von Wolfgang Güttler und Detlef Gebhardt. © Wolfgang Güttler

An den Schöpfer der bahnbrechenden Entwicklung erinnert eine Straße in der Eisenbahnersiedlung Schwerte-Ost: Der „Wittfeldweg“ ist dem Maschinenbau-Ingenieur Gustav Wittfeld (1855-1923) gewidmet, der bei der Preußischen Staatsbahn mit Elektroantrieben experimentierte. Er hatte sich auch etwas dabei gedacht, als er die Akku-Pakete in den Vorbauten unterbrachte. „Dadurch wurden Belästigungen durch gelegentlich austretende Säuredämpfe für die Reisenden im Fahrgastraum vermieden“, weiß Güttler. Die erste Serie der Typ „AT3“ genannten Triebwagen sei bei der Breslauer AG für Eisenbahn-Waggonbau gebaut wurden. Die elektrische Ausrüstung habe die Firma AEG übernommen.

Am Bahnhof Schwerte musste eine Ladestation gebaut werden.

Um die neuartigen Fahrzeuge im Raum Schwerte einsetzen zu können, reichte die Infrastruktur mit Kohlenbunkern und Wasserkränen nicht mehr aus. „Für das Aufladen der Batterien wurde im Schwerter Bahnhof eine Ladestation errichtet“, fand Güttler heraus. Die ungewohnte Technik zeigte aber auch ihre Tücken. „Der im hiesigen Bahnhof stehende Motor-Generator ist beim Laden verbrannt“, meldete die Schwerter Zeitung am 7. September 1911. Dadurch fehlte der Strom zum Aufladen der Triebwagen-Akkus, so dass vorübergehend wieder Dampflokomotiven nach Arnsberg stampften.

„Schwerte war bereits 1910 Vorreiter für den Klimaschutz“

In der Eisenbahnersiedlung Schwerte-Ost erinnert ein Straßenname an Gustav Wittfeld (1855-1923) , den Erfinder des Akku-Triebwagens der Preußischen Staatseisenbahn. © Reinhard Schmitz

Geblieben ist von der einst fortschrittlichen Technik nichts mehr im Bahnhof. Doch die Eisenbahnfreunde lassen die Ära wenigstens im Modell wieder auferstehen. Den „Tag der Modelleisenbahn“ am 2. Dezember nahmen Wolfgang Güttler und Detlef Gebhardt zum Anlass, eine detaillierte Szene vom Ladestopp im Maßstab 1:87 (H0) nachzubauen. Auf einer 120 mal 20 Zentimeter großen Platte verlegten sie Gleise für den „Wittfeld“-Triebwagen aus Gebhardts Sammlung. „Herausgekommen ist eine Bastelarbeit, die den Betrachter in die Zeit um 1910 versetzt“, sagt Güttler: „So, oder zumindest ähnlich, muss es damals in Schwerte ausgesehen haben, als die umweltfreundlichen Akkutriebwagen zum Einsatz kamen.“

Jetzt lesen

Lesen Sie jetzt